Hudson Valley, 1898: Sophie van Riijn ist fasziniert von der Arbeit des neu gegründeten Wetteramts und dem Versuch, genaue Wetterprognosen zu erstellen. Jeden Tag ermittelt sie akribisch die neuesten Wetterdaten ihres Heimatortes und meldet diese an die Zentrale. Ihre Wetterstation hat sie wie gefordert am höchsten Punkt des Dorfes errichtet. Auf dem Dach von Dierenpark, einer verlassenen Villa auf einer Klippe über dem Hudson River. Als überraschend ein Angehöriger des Besitzers auftaucht, ist dieser alles andere als begeistert darüber, dass Sophie sich unerlaubt an dem Gebäude zu schaffen gemacht hat. Quentin ist fest entschlossen, die Villa abreißen zu lassen und all den finsteren Legenden, die sich um das Anwesen ranken, ein für allemal den Garaus zu machen. Er hat nicht mit dem Widerstand von Sophie gerechnet

Autorentext
Elizabeth Camden ist Historikerin. Die Woche über arbeitet sie als Bibliothekarin, an den Wochenenden schreibt sie historische Romane. Zusammen mit ihrem Mann lebt sie in der Nähe von Orlando.

Leseprobe
Kapitel 1 Hudson River Valley Sommer 1898 Dort unten hat man ihn gefunden, mit dem Gesicht im Wasser, hörte man eine Stimme. Der Mann war mausetot. Sophie duckte sich hinter die Brombeersträucher, damit sie nicht von der Reisegruppe auf dem alten Pier gesehen wurde. Eigentlich wollte sie den niedrigen Wasserstand nutzen, um Austern zu sammeln, aber als der Fremdenführer mit seiner Gruppe an den berüchtigten Ort am Fluss kam, hatte sie eine Pause eingelegt. Der Ort brauchte die Einnahmen der Touristen. Es machte keinen guten Eindruck, wenn eine Einheimische beim Austernsammeln die wilde Pracht dieses Ortes störte. Sophie schob sich am Abhang ein Stück höher. Jeden Morgen verließen die Raddampfer das geschäftige New York, vierzig Meilen flussabwärts und zugleich Welten entfernt von der urzeitlichen Landschaft der abgelegenen Bucht im Tal des Hudson River. Die Raddampfer legten hier immer an, damit die Touristen das berühmte Wahrzeichen sehen konnten, das hinter Sophie auf den Klippen der Granitfelsen aufragte. Es war eins der ältesten Gebäude und stammte aus dem Jahr 1635, als die ersten Siedler aus Holland sich in Nordamerika niedergelassen hatten. Wie eine mittelalterliche Burg thronte das düstere Anwesen der Vandermarks seit Jahrhunderten auf diesen windumtosten Klippen. Es war aus grob behauenem Stein gebaut und seine steilen Giebel und weitläufigen Flügel erweckten den Eindruck, als wäre es einem Gemälde der Renaissance entsprungen. Man konnte keinen Kratzer an ihm finden, fuhr der Fremdenführer fort. Karl Vandermark war ein Mann im besten Alter und niemand hatte eine Erklärung für seinen Tod. War es Mord? Oder Selbstmord? Der Fluch der Vandermarks? Karl Vandermark gehörte zu den reichsten Männern in Nordamerika und war im Dorf sehr beliebt. Sechzig Jahre ist es nun schon her, dass sein Leichnam gefunden wurde, aber sein Tod ist bis heute ungeklärt. Sophie seufzte verärgert. Wieso interessierten sich die Leute immer noch so für diesen Fall? Vielleicht hatte es mit dem Anwesen zu tun, das durch Maler und Fotografen berühmt gemacht worden war. Die konnten dem gespenstischen Reiz des einsamen Hauses einfach nicht widerstehen. Es trug den Namen Dierenpark und war weltberühmt. Die Dampfschiffe blieben meist eine Stunde, gerade lange genug, damit die Reisenden sich die Beine vertreten und Souvenirs von den Ständen am Pier der Vandermarks kaufen konnten. In wenigen Minuten würden sie wieder an Bord gehen und ihre Fahrt flussaufwärts fortsetzen. Heute waren es ungewöhnlich viele Touristen. Die meisten drängten sich um den Fremdenführer, aber ein Grüppchen seltsam anmutender Leute stand direkt am Fuße der Klippenwand. Marten Graaf war der Beste unter den Fremdenführern und er war gut in Form. Er gab seiner Stimme einen besonders geheimnisvollen Unterton, als er einen Jungen beiseitenahm und ihm die genaue Stelle zeigte. Der Sohn war es, der den Leichnam fand, erklärte er. Nickolaas Vandermark war erst vierzehn Lenze alt, als er seinen Vater im Fluss entdeckte. Die Legende besagt, der Junge hätte das nie verwunden, aber andere vermuten sogar, er habe seinen Vater eigenhändig umgebracht, um an das Erbe von vierzig Millionen Dollar zu kommen. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, aber wieso sollte ein kerngesunder Mann auf einmal tot umfallen? Niemand wagte es, Nickolaas Vandermark öffentlich zu beschuldigen, aber irgendetwas Furchtbares war im Gange. Kein Vandermark ist eines natürlichen Todes gestorben und die meisten Leute hier glauben, dass ein Fluch auf der Familie liegt. Selbst aus einiger Entfernung konnte Sophie erkennen, dass der Junge zusammenzuckte und den Kopf einzog. Den meisten Touristen gefielen die gruseligen Geschichten über das alte Haus, aber dieser Junge schien besonders empfänglich zu sein. Seit dem Tod von Karl Vandermark steht das Haus leer, sagte der Fremdenführer. Ein Rechtsanwalt kam und nahm den Jungen mit und seitdem hat kein Vandermark mehr einen Fuß in das Anwesen gesetzt. Kein Möbelstück und noch nicht einmal einen Mantel haben sie mitgenommen, aus Angst, den Fluch über sich zu bringen. Die Kleider hängen noch immer im Kleiderschrank und alle Briefe und Dokumente liegen noch auf den Tischen, unberührt seit dem Tag, an dem die Familie aus dem Herrenhaus floh. Alles ist noch genau wie früher, als wäre die Zeit im Haus stehen geblieben. Seit sechzig Jahren steht das Haus unberührt da und nur ein paar Bedienstete sorgen dafür, dass das Anwesen nicht geplündert wird. Und wieso verkaufen sie es nicht?, wollte ein Tourist aus der Gruppe wissen. Wer würde dieses Haus schon kaufen?, gab Marten lautstark zurück und schreckte einen Schwarm Krähen auf. Die Vögel flatterten hoch über die Klippen und kreisten krächzend um das Haus. Wer sich zu lange in diesem Gemäuer aufhält, auf den geht der Fluch über, prophezeite Marten den gebannten Zuhörern. Der erste Hausmeister kam zu Tode, als er über eine Harke stolperte. Der zweite starb an einer Krankheit, die seine Gelenke derart verkrümmen ließ, dass er kaum noch gehen konnte. Die jetzige Haushälterin hat auch schon einen schlimmen Buckel. Und das Mädchen, das ihnen tagtäglich zu essen bringt? Sie war das hübscheste Ding im ganzen Dorf, aber der Fluch hat auch sie heimgesucht. Sophie wurde bleich. Dass Marten es wagte, sie in seine Gruselgeschichten hineinzuziehen! Gekränkt duckte sie sich noch tiefer hinter die Brombeerbüsche und hoffte inständig, dass er sie nicht entdeckte. Wenn er jetzt auch noch auf sie zeigte und zu einer weiteren Attraktion für die Touristen machte, würde sie ihm das wirklich übel nehmen. Oh ja, selbst Miss Sophie van Riijn, die stets nur wenige Stunden im Haus weilt, hat der Fluch getroffen. Drei Mal war sie verlobt und jedes Mal nahm es ein übles Ende. Ihr letzter Verlobter starb gerade einmal einen Monat vor der Hochzeit. Seine Lunge verkrampfte so sehr, dass er keine Luft mehr bekam. Seitdem nähert sich ihr kein Mann im Dorf mehr. Sophie sah zu Boden und wünschte sich, sie könnte auch die Ohren verschließen. Es war schändlich, wie Marten Alberts Tod ausschlachtete. Albert fehlte ihr noch immer. Er war ein freundlicher und herzensguter Mann gewesen, der keinen Deut auf den Fluch gegeben hatte. Sie hatten sich auf ihr gemeinsames Leben gefreut und Sophie hatte davon geträumt, Ehefrau, Freundin und Mutter zu werden. Stattdessen hatte sie Albert während seiner letzten, schmerzvollen Monate pflegen müssen. Wenn er noch lebte, hätte er gesagt, sie solle sich von den Gerüchten nicht die Laune verderben lassen, sondern losziehen und einen anderen Mann suchen. Aber mit jedem Mal fiel ihr das schwerer. Inzwischen war sie sechsundzwanzig Jahre alt und ihre Vergangenheit aus gescheiterten Verlobungen war vielleicht eine faszinierende Anekdote für Touristen, aber für sie nur schmerzvoll. Ist er zu einem Arzt gegangen?, fragte der stille Junge und riss Sophie aus ihren Gedanken. Der Mann mit der kranken Lunge? Hat er einen …
Titel
Das Anwesen
Übersetzer
EAN
9783963629945
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Veröffentlichung
01.05.2018
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
0.39 MB
Anzahl Seiten
286
Auflage
Auflage
Lesemotiv