Die Frischvermählten Clara und Norman machen Urlaub im Bayerischen Wald und unternehmen einen Abendspaziergang. Da entdecken sie ein kleines Mädchen, ganz allein auf einem leeren Baugrundstück. Es verhält sich seltsam, außerdem blutet es aus der Nase. Bald vermuten die beiden, dass sie einem Geist gegenüberstehen. Außerdem taucht für Sekunden das holografische Bild eines Gastraumes mit einer Wanduhr auf. Panisch verlassen sie das Grundstück und melden den Vorfall der Tourist-Info. Dort schnappt die weißmagische Hexe Celeste die mysteriöse Erzählung auf. Schnell ahnt sie, dass das gespenstische Mädchen irgendetwas mit dem ehemaligen Hotel Botschafter zu tun haben könnte, das vor langer Zeit schon abgerissen wurde. Sonderbare Geheimnisse ranken sich noch heute um das einstige Prachtgebäude. Wird Familie Seidelbast mit ihren seltsamen Uhren in ein neues Abenteuer hineingenzogen?
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Im Sommer 2025 Vermutlich ahnen Sie es schon. Unserer kleinen Familie im Uhrenhaus mitten im Wald war keine lange Atempause vergönnt. Nachdem wir gemeinsam das Rätsel um den Lokführer gelöst haben, der nach seinem Tod im Localbahnmuseum des Ortes Bayerisch Eisenstein eine Heimat gefunden hatte, bahnte sich jetzt, mitten im Sommer, ein neues, mysteriöses Problem an. Vermutlich kennen Sie mich bereits. Mein Name ist Franz Seidelbast, und ich repariere Uhren. Ursprünglich habe ich mal einen anderen Beruf ausgeübt. Aber nachdem mir mein verstorbener Onkel Philip das einsame Gebäude im Zwiesler Waldhaus vermacht hatte, schwebte ich sofort im Bann seiner vielen Minutensprunguhren. Philip hatte sie gesammelt, weil er wusste, dass sie mehr konnten, als nur die Zeit anzeigen. Die alten Zeitmesser, die jahrzehntelang in Amtsstuben, Krankenhäusern, Schulen oder Hotels an den Wänden gehangen hatten, speicherten unerbittlich die Schicksale der Menschen. Ich selbst musste düstere Erkenntnisse aus der eigenen Kindheit daraus ziehen. Doch inzwischen gehören die klackenden Zifferblätter zu meiner Familie, genauso wie Mutter Maria, Halbschwester Kerstin und die Geistertiere. Ja, Sie haben schon richtig gehört. Hund, Katze und Maus, die seit ewigen Zeiten tot sind, leben hier im Haus zusammen mit uns. Nicht jeder kann sie sehen, aber das ist auch gar nicht nötig. Die großen und kleinen Pfötchenträger bereichern unseren Alltag. Außerdem sind sie in der Lage, sich im Jenseits zu bewegen, und waren uns in manch heikler Situation stets eine große Hilfe. Falls Sie jetzt mutmaßen, dass Hunde, Katzen und Mäuse sich im realen Leben gar nicht vertragen, so muss ich Ihnen recht geben. Aber in den Sphären, in denen wir uns immer wieder aufhalten, ist das eben anders. Da bilden sie wertvolle Symbiosen, die ich vor meinem ersten Kontakt mit den düsteren Welten belächelt hätte. Inzwischen gehören Geister, Dämonen, Hexen und viele weitere seltsame Erscheinungen zum Leben dazu wie Essen und Trinken. Dabei hätte ich jetzt beinahe vergessen, eine äußerst wichtige Person zu erwähnen, die aus unserer kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft fast nicht mehr wegzudenken ist. Es handelt sich um Corinna Jablonski, eine Hexe, die sich der weißen Magie verschrieben hat. Den Namen brauchen Sie sich gar nicht zu merken. Denn man nennt sie nur Celeste und sie ist im Arberland bekannt wie ein buntes Hündchen. Seit geraumer Zeit trainiert sie das Fliegen auf einem Besen, zusammen mit Kerstin, meiner Halbschwester, die man oft mit meiner Ehefrau verwechselt. Ich selbst bin nicht verheiratet und habe auch nicht vor, das jemals zu ändern. Aber zurück zum Flugtraining der Hexen: Da existiert ein Startplatz, nur ein paar Kilometer entfernt von unserem Häuschen. Es ist die Hexenbrücke ein zutiefst magischer Ort, aber das habe ich Ihnen ja in einem anderen Büchlein schon erzählt. Auf jeden Fall klopfte Corinna alias Celeste an einem sonnigen Sonntagmorgen im Juli stürmisch an die Haustür. Ich öffnete. Um ein Haar hätte sie mich umgerannt. Ihre Wangen glühten vor Aufregung. Sogar den Schatten des Geisterhundes Bazi fegte sie mit jedem Schritt im Hausflur in zwei Teile. Gottlob war der Hund in der Lage, sich immer wieder zusammenzufügen. Sie betrat die Küche, in der auch Maria und Kerstin saßen, und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Ihr glaubt nicht, was für eine unfassbare Geschichte ich heute schon gehört habe«, haspelte sie aufgeregt. Maria schenkte ihr wortlos einen Becher Kaffee ein, fügte etwas Milch hinzu und schob ihn über den Tisch auf die weißmagische Hexe zu. Wir wussten, dass Celestes Erzählkunst immer an einen frisch gedruckten Roman erinnerte, und so lauschten wir einfach. »Heute war ich in aller Frühe schon im Touristenbüro in Bayerisch Eisenstein. Ich möchte für die Urlauber eine Kräuterwanderung im Wald anbieten. Da wollte ich zusammen mit Tamara, der Mitarbeiterin des Büros, die Entwürfe für einen Flyer begutachten. Aber dann stürmte plötzlich ein junges Pärchen herein. Die beiden waren so erregt, dass sie sich gegenseitig ins Wort fielen. Es dauerte eine Weile, bis ich dem Gebrabbel eine vernünftige Nachricht entziehen konnte.« Celeste trank einen Schluck Kaffee. »Um euch nicht länger auf die Folter zu spannen: Die beiden haben einen Geist gesehen, und zwar genau an der Stelle, an der das ehemalige Hotel Botschafter einst stand. Während die zwei Touristen die gruselige Szene beschrieben, musste Tamara mit kalkweißem Gesicht plötzlich zur Toilette. Naja, und so haben sie mir die Geschichte in allen Einzelheiten erzählt. Seid ihr bereit?« Wir nickten synchron. Clara und Norman Krause hatten eigentlich eine Reise nach Fuerteventura geplant. Aber nach den letzten Unwettern, die die Kanareninsel heimgesucht hatten, waren sie zum Entschluss gekommen, in Deutschland Urlaub zu machen. Atemberaubende Landschaften, erträgliche Sommerhitze und leckeres Essen hatten ihre Auswahl beeinflusst, und so waren sie in einem Dorf nahe des Nationalparks Bayerischer Wald gestrandet. Die Frischvermählten hatten sich eine Ferienwohnung in der Nähe des Bahnhofs gemietet und spontan beschlossen, ein zünftiges Abendessen in der Schmuggler-Hütte einzunehmen. Das Wirtshaus, ein uriger Holzbau, war weit über das Ortsschild von Bayerisch Eisenstein hinaus bekannt. Die Krauses verspeisten mit großem Appetit fangfrische Forellen, die der Koch meisterhaft zubereitet hatte. Mit vollem Magen hakten sie sich schließlich zu später Stunde unter und entschieden sich für einen Verdauungsspaziergang. Der Duft des Waldes, der in der Sommernacht waberte, begleitete sie den abschüssigen Fußweg hinab in Richtung des Dorfplatzes. Clara strich sich über ihr weißblondes, ultrakurzes Haar und sog die reine Luft in ihre Lungen. Weit entfernt schrie ein Kauz. Dann blickte sie ihren Ehemann an. »Beinahe magisch hier, findest du nicht?« Der schlanke, dunkelhaarige Norman lächelte seine Gattin an. »Doch, das ist tatsächlich eine treffende Bezeichnung. In Hannover habe ich noch nie so eine Stille erlebt, wie hier. Daheim rast, gefühlt alle fünf Sekunden, ein Rettungswagen mit Martinshorn durch die Straßen. Irgendwelche betrunkene Jugendliche randalieren immer nahe der Eckkneipe, und die Musik aus der Nachbarwohnung können wir durchgehend mitsingen.« Er kicherte. »Die erste Nacht konnte ich hier gar nicht richtig schlafen, weil mir die gewohnten Geräusche fehlten.« Spontan drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn. »Das wird ein toller Urlaub, mein Schatz. Den haben wir uns redlich verdient.« Clara nickte. »Bis auf die schauerlichen Rufe des Nachtvogels finde ich es auch toll. Aber die Eule oder was immer das ist, sollte besser den Schnabel halten, vor allem bei Vollmond. Das ist gruselig.« Norman verzog belustigt den Mund. »Du und deine naive Angst. Es gibt keine Geister. Du bist doch kein Kind mehr.« Clara knuffte ihren Partner in die Seite. »Meine Angst lässt sich nicht einfach so abstellen. In den sozialen Netzwerken wird immer wieder über paranormale Aktivitäten berichtet. Besonders hier, nahe des Urwaldes im Nationalpark, haben Menschen sch…
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Im Sommer 2025 Vermutlich ahnen Sie es schon. Unserer kleinen Familie im Uhrenhaus mitten im Wald war keine lange Atempause vergönnt. Nachdem wir gemeinsam das Rätsel um den Lokführer gelöst haben, der nach seinem Tod im Localbahnmuseum des Ortes Bayerisch Eisenstein eine Heimat gefunden hatte, bahnte sich jetzt, mitten im Sommer, ein neues, mysteriöses Problem an. Vermutlich kennen Sie mich bereits. Mein Name ist Franz Seidelbast, und ich repariere Uhren. Ursprünglich habe ich mal einen anderen Beruf ausgeübt. Aber nachdem mir mein verstorbener Onkel Philip das einsame Gebäude im Zwiesler Waldhaus vermacht hatte, schwebte ich sofort im Bann seiner vielen Minutensprunguhren. Philip hatte sie gesammelt, weil er wusste, dass sie mehr konnten, als nur die Zeit anzeigen. Die alten Zeitmesser, die jahrzehntelang in Amtsstuben, Krankenhäusern, Schulen oder Hotels an den Wänden gehangen hatten, speicherten unerbittlich die Schicksale der Menschen. Ich selbst musste düstere Erkenntnisse aus der eigenen Kindheit daraus ziehen. Doch inzwischen gehören die klackenden Zifferblätter zu meiner Familie, genauso wie Mutter Maria, Halbschwester Kerstin und die Geistertiere. Ja, Sie haben schon richtig gehört. Hund, Katze und Maus, die seit ewigen Zeiten tot sind, leben hier im Haus zusammen mit uns. Nicht jeder kann sie sehen, aber das ist auch gar nicht nötig. Die großen und kleinen Pfötchenträger bereichern unseren Alltag. Außerdem sind sie in der Lage, sich im Jenseits zu bewegen, und waren uns in manch heikler Situation stets eine große Hilfe. Falls Sie jetzt mutmaßen, dass Hunde, Katzen und Mäuse sich im realen Leben gar nicht vertragen, so muss ich Ihnen recht geben. Aber in den Sphären, in denen wir uns immer wieder aufhalten, ist das eben anders. Da bilden sie wertvolle Symbiosen, die ich vor meinem ersten Kontakt mit den düsteren Welten belächelt hätte. Inzwischen gehören Geister, Dämonen, Hexen und viele weitere seltsame Erscheinungen zum Leben dazu wie Essen und Trinken. Dabei hätte ich jetzt beinahe vergessen, eine äußerst wichtige Person zu erwähnen, die aus unserer kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft fast nicht mehr wegzudenken ist. Es handelt sich um Corinna Jablonski, eine Hexe, die sich der weißen Magie verschrieben hat. Den Namen brauchen Sie sich gar nicht zu merken. Denn man nennt sie nur Celeste und sie ist im Arberland bekannt wie ein buntes Hündchen. Seit geraumer Zeit trainiert sie das Fliegen auf einem Besen, zusammen mit Kerstin, meiner Halbschwester, die man oft mit meiner Ehefrau verwechselt. Ich selbst bin nicht verheiratet und habe auch nicht vor, das jemals zu ändern. Aber zurück zum Flugtraining der Hexen: Da existiert ein Startplatz, nur ein paar Kilometer entfernt von unserem Häuschen. Es ist die Hexenbrücke ein zutiefst magischer Ort, aber das habe ich Ihnen ja in einem anderen Büchlein schon erzählt. Auf jeden Fall klopfte Corinna alias Celeste an einem sonnigen Sonntagmorgen im Juli stürmisch an die Haustür. Ich öffnete. Um ein Haar hätte sie mich umgerannt. Ihre Wangen glühten vor Aufregung. Sogar den Schatten des Geisterhundes Bazi fegte sie mit jedem Schritt im Hausflur in zwei Teile. Gottlob war der Hund in der Lage, sich immer wieder zusammenzufügen. Sie betrat die Küche, in der auch Maria und Kerstin saßen, und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Ihr glaubt nicht, was für eine unfassbare Geschichte ich heute schon gehört habe«, haspelte sie aufgeregt. Maria schenkte ihr wortlos einen Becher Kaffee ein, fügte etwas Milch hinzu und schob ihn über den Tisch auf die weißmagische Hexe zu. Wir wussten, dass Celestes Erzählkunst immer an einen frisch gedruckten Roman erinnerte, und so lauschten wir einfach. »Heute war ich in aller Frühe schon im Touristenbüro in Bayerisch Eisenstein. Ich möchte für die Urlauber eine Kräuterwanderung im Wald anbieten. Da wollte ich zusammen mit Tamara, der Mitarbeiterin des Büros, die Entwürfe für einen Flyer begutachten. Aber dann stürmte plötzlich ein junges Pärchen herein. Die beiden waren so erregt, dass sie sich gegenseitig ins Wort fielen. Es dauerte eine Weile, bis ich dem Gebrabbel eine vernünftige Nachricht entziehen konnte.« Celeste trank einen Schluck Kaffee. »Um euch nicht länger auf die Folter zu spannen: Die beiden haben einen Geist gesehen, und zwar genau an der Stelle, an der das ehemalige Hotel Botschafter einst stand. Während die zwei Touristen die gruselige Szene beschrieben, musste Tamara mit kalkweißem Gesicht plötzlich zur Toilette. Naja, und so haben sie mir die Geschichte in allen Einzelheiten erzählt. Seid ihr bereit?« Wir nickten synchron. Clara und Norman Krause hatten eigentlich eine Reise nach Fuerteventura geplant. Aber nach den letzten Unwettern, die die Kanareninsel heimgesucht hatten, waren sie zum Entschluss gekommen, in Deutschland Urlaub zu machen. Atemberaubende Landschaften, erträgliche Sommerhitze und leckeres Essen hatten ihre Auswahl beeinflusst, und so waren sie in einem Dorf nahe des Nationalparks Bayerischer Wald gestrandet. Die Frischvermählten hatten sich eine Ferienwohnung in der Nähe des Bahnhofs gemietet und spontan beschlossen, ein zünftiges Abendessen in der Schmuggler-Hütte einzunehmen. Das Wirtshaus, ein uriger Holzbau, war weit über das Ortsschild von Bayerisch Eisenstein hinaus bekannt. Die Krauses verspeisten mit großem Appetit fangfrische Forellen, die der Koch meisterhaft zubereitet hatte. Mit vollem Magen hakten sie sich schließlich zu später Stunde unter und entschieden sich für einen Verdauungsspaziergang. Der Duft des Waldes, der in der Sommernacht waberte, begleitete sie den abschüssigen Fußweg hinab in Richtung des Dorfplatzes. Clara strich sich über ihr weißblondes, ultrakurzes Haar und sog die reine Luft in ihre Lungen. Weit entfernt schrie ein Kauz. Dann blickte sie ihren Ehemann an. »Beinahe magisch hier, findest du nicht?« Der schlanke, dunkelhaarige Norman lächelte seine Gattin an. »Doch, das ist tatsächlich eine treffende Bezeichnung. In Hannover habe ich noch nie so eine Stille erlebt, wie hier. Daheim rast, gefühlt alle fünf Sekunden, ein Rettungswagen mit Martinshorn durch die Straßen. Irgendwelche betrunkene Jugendliche randalieren immer nahe der Eckkneipe, und die Musik aus der Nachbarwohnung können wir durchgehend mitsingen.« Er kicherte. »Die erste Nacht konnte ich hier gar nicht richtig schlafen, weil mir die gewohnten Geräusche fehlten.« Spontan drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn. »Das wird ein toller Urlaub, mein Schatz. Den haben wir uns redlich verdient.« Clara nickte. »Bis auf die schauerlichen Rufe des Nachtvogels finde ich es auch toll. Aber die Eule oder was immer das ist, sollte besser den Schnabel halten, vor allem bei Vollmond. Das ist gruselig.« Norman verzog belustigt den Mund. »Du und deine naive Angst. Es gibt keine Geister. Du bist doch kein Kind mehr.« Clara knuffte ihren Partner in die Seite. »Meine Angst lässt sich nicht einfach so abstellen. In den sozialen Netzwerken wird immer wieder über paranormale Aktivitäten berichtet. Besonders hier, nahe des Urwaldes im Nationalpark, haben Menschen sch…
Titel
Blutige Botschaften - Hinter dem Zifferblatt Band 5
Untertitel
Düstere Welten 22
Autor
EAN
9783961274581
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Veröffentlichung
21.02.2026
Digitaler Kopierschutz
frei
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1. Auflage
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