Der magische Uhrmacher Franz Seidelbast gönnt sich mit seinen Liebsten eine Auszeit und wandert zum legendären Schwellhäusl, einer Trifterklause mitten im Wald. Doch noch bevor Seidelbast, die weißmagische Hexe Celeste, Mutter Maria und Halbschwester Kerstin den idyllischen Ort erreichen, dringen verzweifelte Schreie an deren Ohren. Im dunklen See, einem Gewässer, direkt am Schwellhäusl gelegen, ist wohl ein Hund ertrunken. Die völlig aufgelöste Besitzerin und auch Besucher der Kneipe munkeln, dass unter der Oberfläche des Sees etwas Unheimliches lauert, ein Monster? Eine schwarze Rückenflosse soll das Wasser durchzogen haben. Wird Franz Seidelbast schon wieder in ein neues Abenteuer hineingezogen? Wird erneut eine Uhr das Rätsel lösen? Alles sieht danach aus, denn das Schwellhäusl scheint von magischen Dingen umgeben zu sein. Dies ist das sechste Abenteuer der Reihe hinter dem Zifferblatt.

Leseprobe
»Wie lang ist es jetzt her, dass wir uns auf eine gemeinsame Auszeit und Wanderung verständigt haben?«, fragte ich lachend. Dabei knuffte ich Kerstin spielerisch mit der Faust gegen die Schulter. Es war September. Der heiße Sommer 2025 mit dem Geisterdrama in Bayerisch Eisenstein lag hinter uns. Endlich hatten Corinna, Kerstin und ich die Zeit gefunden, zu entspannen. Meine Mutter Maria, die bei Kerstin und mir im Haus lebte, war daheimgeblieben. Sie wollte ihre Ruhe, obwohl das Schwellhäusl eine Menge Abwechslung vom Alltag bot. Wir hatten uns entschlossen, den ehemaligen Trifterpfad entlangzulaufen. Der Waldweg führte an einem breiten Bach entlang, den man früher für den Transport von Holzstämmen verwendet hatte. Malerische Eindrücke erwarteten uns. Die Sonne, deren Strahlen durch dichte Buchen- und Nadelbäume drangen, malte ein seltsames Schattenspiel auf den Waldboden. Ich denke, uns war in diesem Moment allen bewusst, in welch herrlicher Gegend wir wohnten. Ich, Franz Seidelbast, habe jedenfalls bis jetzt keine Sekunde bereut, das Häuschen im Wald von meinem verstorbenen Onkel übernommen zu haben. Auch die vielen Hundert Minutensprunguhren, die die Wände der Behausung zierten, gehörten inzwischen zu unserem Leben, das nie langweilig wurde. All die Zifferblätter aus vergangenen Jahrzehnten hatten Schicksale und Geschichten gespeichert, die es mannigfaltig zu entdecken galt. Oft waren die alten Zeitmesser in der Lage, uralte Verbrechen aufzuklären, sofern man sich offen für nicht greifbare Welten zeigte. Aber was erzähle ich hier das haben Sie sicher schon alles in meinen vorangegangenen Berichten gelesen. »Ich glaube, das war im Juli, nachdem wir die Skelette im ehemaligen Eiskeller des abgerissenen Hotels Botschafter entdeckt haben«, antwortete Kerstin. »Aber das sollte heute kein Thema sein. Jetzt freue ich mich auf eine deftige Brotzeit im Schwellhäusl.« Corinna alias Celeste, die uns begleitete, hatte rote Wangen. Ihre füllige Figur war das Wandern eindeutig nicht gewohnt. Normalerweise trug sie weite, wallende Gewänder, die wie aus dem Mittelalter wirkten. Doch heute steckte sie in Leggins, T-Shirt und groben Wanderschuhen ein für uns ungewöhnlicher Anblick. Celeste lächelte. »Ich habe gehört, dass es im Schwellhäusl auch Most gibt. Ich glaube, den probiere ich mal. Da freue ich mich schon die ganze Woche drauf.« »Danach müssen wir dich heimtragen«, witzelte ich. »Du weißt ja, zu der Trifterklause kann man leider nicht mit dem Auto fahren, es sei denn, man hat eine Ausnahmegenehmigung. Und ob Kerstin und ich das schaffen, das bezweifle ich.« Nun wurde ich gegen die Schulter geknufft. Die weißmagische Hexe, die uns schon so viel über Magie beigebracht hatte, verzog gespielt verärgert die Lippen. »Ich weiß, dass ich zu dick bin. Aber ich verspreche dir, ich werde den Rückweg genauso entschlossen antreten wie den Hinweg.« »Ich hoffe nur, dass uns kein neues, düsteres Abenteuer über den Weg läuft«, warf Kerstin ein. Augenblicklich verblasste das Lächeln auf unseren Lippen. Meine Halbschwester hatte recht. Geister, Hexen, Dämonen und ähnliche dunkle Quertreiber hielten sich nicht an Auszeiten. Das war uns bewusst. Aber wir waren guten Mutes, jedenfalls in diesem Augenblick. Monja und Tatjana mussten sich den Biertisch mit einer einheimischen Wandergruppe teilen. Der Garten des Schwellhäusl glich einem Bienenstock. Biker, Wanderer und Trailrunner gaben sich bei blauem Himmel und angenehmen Temperaturen ein Stelldichein. Die Bedienungen in Tracht trugen im Akkord Tabletts voll mit Speisen und Getränken in den Garten. Sämtliche Sonnenschirme waren geöffnet und leuchteten zwischen den satten Grüntönen des Waldes wie riesige Blüten. Am Tisch der Wandergruppe wurde lauthals gelacht und diskutiert. Tatjana und Moon hatten sich ganz am Rand der Bank niedergelassen. Insbesondere die schwarz gekleidete Moon erntete immer wieder verstohlene Seitenblicke von den Sportlern. Sie verstand kein Wort des niederbayerischen Dialekts. Eine junge Bedienung im Dirndl eilte herbei und nahm die Bestellung auf. Während Tatjana sich ein Schnitzel mit Pommes und dazu ein Bier bestellte, orderte Moon vegetarische Spinatknödel und dazu eine Cola. »Und bitte füttere den Hund nicht wieder, wenn du schon unbedingt Leichenteile essen musst«, murrte Monja. Sie fühlte sich nicht wohl, das war ihren Gesichtszügen anzusehen. Tatjana konterte augenblicklich: »Meine Güte, lass deine schlechte Laune nicht an mir aus, bitte.« Verstohlen glitt ihr Blick unter den Tisch, wo Creapy sich zwischen den Beinen seiner Begleiterinnen niedergelassen hatte. Der eingeklemmte, leicht zitternde Schwanz des Mischlings zeigte an, dass er gerne etwas mehr Platz für seinen Körper bevorzugt hätte. Aber den gab es hier nun mal nicht. Viele andere Artgenossen lagen angeleint neben den Tischen und mussten um ihre Ruten fürchten, weil Menschen achtlos über sie hinweg stiegen. Tatjana atmete tief durch und zwang die Unruhe zurück. Sie nahm sich vor, diesen vermutlich letzten Urlaub mit Monja einigermaßen zu genießen und in Berlin ein neues Leben zu beginnen. Die Getränke wurden serviert. Sie umfasste ihr Glas, genoss die Kühle auf der Haut und trank. Das Bier schmeckte herrlich. Der Alkohol sauste wohlig durch ihre Adern. Tatjanas Augen schwenkten über den kleinen See, dessen Wasser wirkte wie ein dunkler Spiegel. Nicht einmal der blaue Himmel und die klare Herbstsonne konnten das Schwarz seiner Oberfläche durchdringen. Einen winzigen Augenblick fröstelte sie bei diesem Anblick. Doch in Anbetracht von Moons schlechter Laune verkniff sie sich jeglichen Kommentar. Wenig später wurde das Essen serviert. Die Speisen sahen köstlich aus und Tati aß mit großem Appetit. Als sie gerade eine Pommes in den Klecks Mayonnaise auf dem Teller tauchen wollte, wurde sie angesprochen. »Entschuldigen Sie bitte«, meldete sich einer der Wanderer am Tisch zu Wort. Er beugte sich zu den Berlinerinnen hinüber und kramte sein bestes Hochdeutsch hervor. »Ihr Hund wandert immer weiter zu uns rüber. Nicht, dass wir was gegen Tiere haben, aber der sieht nicht gerade so aus, als würde er es hinnehmen, wenn er einen Wanderstiefel auf dem Schwanz gut fände. Vielleicht sollten sie ihn besser anleinen. Das machen übrigens alle Hundebesitzer im Biergarten.« Tatjana reagierte sofort. Ihre Hand fuhr unter den Tisch, um Creapy am Halsband zu greifen. Doch als sie den Mund öffnete, um eine Entschuldigung anzubringen, grätsche Moon dazwischen. Sie schlug Tatis Hand zur Seite, fuhr zu dem Wanderer herum und keifte: »Der Hund hat ein Recht darauf, es sich hier gemütlich zu machen, genau wie Sie und Ihre lärmenden Kumpanen. Also sparen Sie sich weitere Kommentare.« Der Wanderer zuckte zurück, als habe er einen Stromschlag erhalten. Eine Frau in neonfarbener Funktionskleidung mischte sich ein. »Ihnen und Ihrem Hund gehört dieser Biergarten aber nicht allein. Leinen Sie ihn an, sonst geben wir dem Wirt Bescheid.« Moons Gesicht lief puterrot an. Tatjana schüttelte den Kopf, um ihrer Lebensgefährten zu signalisieren, besser den Mund zu ha…
Titel
Der dunkle See - Hinter dem Zifferblatt 6
Untertitel
Düstere Welten 23
EAN
9783961274604
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Veröffentlichung
21.02.2026
Digitaler Kopierschutz
frei
Dateigrösse
0.06 MB
Auflage
1. Auflage
Lesemotiv