Nach dem Kopftuch-Urteil vom März 2015 brandaktuell Fereshta Ludin erzählt, wie es ist, als eine erkennbare Muslima in Deutschland zu leben Der Beitrag der Frau, die die Kopftuch-Debatte ausgelöst und bis heute durchgekämpft hat Die Enthüllung ist ein wichtiger Beitrag zur Versachlichung der Debatte über Islam und Integration bzw. über die Frage Wie viel fremde Religiosität verträgt unsere Gesellschaft? Die Auseinandersetzung über das Verhältnis von Religion und säkularem Staat ist heute aktueller denn je
Autorentext
FERESHTA LUDIN, geboren 1972, kam als Tochter eines afghanischen Diplomaten erstmals im Alter von fünf Jahren nach Deutschland. Danach lebte die Familie in Saudi-Arabien, kehrte aber 1986 in die Bundesrepublik zurück. Ludin studierte in Baden-Württemberg auf Lehramt für Grund- und Hauptschulen, erhielt nach dem Referendariat aber keine Einstellung an staatlichen Schulen, weil sie ein Kopftuch trägt. Sie klagte bis zum Bundesverfassungsgericht, das ihr 2003 im sogenannten Kopftuchurteil Recht gab. Daraufhin erließ Baden-Württemberg ein neues Schulgesetz. Seit 1999 arbeitet Ludin in Berlin an einer staatlich anerkannten, islamischen Privatschule. Sie erhielt 2012 für ein interreligiöses Schulprojekt den Drei-Königs-Preis gestiftet vom Diözesanrat der Katholiken in Berlin. SANDRA ABED, 1976 in Berlin geboren, ist Autorin für Sach- und Jugendbücher. Sie studierte Publizistik, Arabistik und Anglistik. Während ihrer Aufenthalte in Oxford, London und Dubai arbeitete Abed als Dozentin und Journalistin. 2011 absolvierte sie an der University of Cambridge zusätzlich eine Ausbildung zum Life Coach und unterstützt Menschen dabei, ihre Potenziale zu entfalten.
Leseprobe
WER ICH BIN: Ja, ich bin Deutsche, aber auch andere Sprachen und Kulturen sind ein Teil von mir: Ich stehe auf und verrichte das Morgengebet auf Arabisch, dann frühstücke ich mit meinem Mann und wir unterhalten uns auf Deutsch. Ich sehe meine Mutter und schalte augenblicklich auf Persisch um. Das Leben draußen spielt sich auf Schwäbisch ab, in den Geschäften, beim Arzt und natürlich bei der Arbeit. Und dann telefoniere ich regelmäßig mit langjährigen Freundinnen auf Arabisch oder Englisch. Und damit nicht genug. Es reicht mir nicht, meinen Alltag zu bestreiten, und in den Tag hineinzuleben. Ich möchte meine Umwelt mit gestalten, ein aktives Mitglied der Gesellschaft sein. Ich möchte die Welt ein kleines Stück weit besser hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe. Und ich möchte zum Nachdenken anregen. Ich war noch nie bloß Zuschauerin und ich hoffe, auch nie zu eine zu werden. GLÜCK IN SCHWABEN: So etwas Unglaubliches! In diesem kleinen Dorf mitten im Schwabenland sprach der stellvertretende Schulleiter Dari und hatte in Afghanistan gelebt. Es erschien mir unwirklich, fast wie ein Wunder. Da schien Gott einen ganz besonderen Platz für mich ausgesucht zu haben. TURNEN MIT KOPFTUCH UND SEXUALKUNDE? Ich habe in Bezug auf den Sportunterricht keinerlei Bedenken. Ich selbst habe schon an verschiedenen Geräten mit einem Kopftuch geturnt. Diese Aussage schien den beiden Damen von der Schulbehörde zu gefallen. Ich sah ein Aufleuchten ihren Augen. Auch was den Sexualkundeunterricht angeht, habe ich mit den Inhalten in keinem einzigen Punkt ein Problem. Die Damen nickten wieder im Gleichtakt und schrieben fleißig weiter. EIN FALL FÜR DAS MUSEUM: Selbst mit viel Fantasie hätte ich mir nie vorstellen können, dass einmal etwas von mir in einem Museum zu finden wäre. Doch jetzt bekam ich eine Anfrage vom Landesmuseum Stuttgart. Sie wollten tatsächlich ein Kopftuch von mir! Ich konnte es kaum glauben. Als handle es sich dabei um einen sakralen Gegenstand. Für mich war es einfach zu einem Kleidungsstück geworden. Ich überlegte, welches ich ihnen zuschicken sollte. Ein buntes oder einfarbiges Tuch? Ein quadratisches oder doch einen Schal? Ein praktisches oder eines, das schnell herunterrutschte? DAS KOPFTUCH UND DER ROTE STERN: Die Weihnachtsferien wurden mir gleich zu Beginn vermiest. Der Spiegel brachte eine Spezialausgabe zum Thema Rätsel Islam heraus. In einem der Artikel ließ der Autor sich über das Kopftuch und dessen Irrwitz aus, berichtete dann über meinen Fall und zitierte freudig den CDU-Bundestagsabgeordneten Otto Hauser: Wenn Sie bei Ludin das Kopftuch gestatten, dann müssen Sie morgen auch das Tragen des roten Sterns oder anderer neofaschistischer Symbole erlauben. Daneben mein Foto.
Inhalt
Prolog / Wurzeln / Umbruch / Bonn / Unsere Reise / In Saudi-Arabien / Schicksalsschlag / Eine amerikanische Bereicherung / Meine Schuljahre / Ich und mein Kopftuch / Neue Wege / Aufbruchsstimmung / Asyl / Langsam ankommen / Reifejahre / Herzensangelegenheit / Wirklich erwachsen? / Studienzeit / Heimweh / Praxis / Miteinander reden / Achterbahn / Adrenalin / Nächste Runde / Talfahrt / Ausgebremst / Mein Interesse / vertreten / In anderen Umständen / Hello and Goodbye / Anders als geplant / Recht bekommen / Fallstricke / Letzte Runde / Selbstgespräche / Crash / Glück / Damals und heute / Hoffnung / Widmung / Biografische Zeittafel / Glossar