Gerbrand Bakker, 1962 in Wieringerwaard geboren, ist Autor und Gärtner, hin und wieder auch Eisschnelllauftrainer. Für seine Romane, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden, hat er zahlreiche Preise erhalten. Bakker lebt in Amsterdam und in der Eifel.
Autorentext
Gerbrand Bakker, 1962 in Wieringerwaard geboren, ist Autor und Gärtner, hin und wieder auch Eisschnelllauftrainer. Für seine Romane, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden, hat er zahlreiche Preise erhalten. Bakker lebt in Amsterdam und in der Eifel.
Leseprobe
Ferien
Unser Vater hatte ein sehr altes, sehr kleines Auto. Früher hatten wir mal zwei Autos, das sehr alte, sehr kleine und ein großes glänzendes. Unsere Mutter war eines Tages in dem großen glänzenden weggefahren, und wir hatten beide nie wiedergesehen.
»Sie ist im Ausland«, sagte unser Vater, der Gerard heißt. »Bei einem anderen Mann. Einem ausländischen Mann.« Wir waren alt genug, unseren Mund zu halten, aber Gerson, der dafür noch nicht alt genug war, fragte: »Warum?«
Wir bekamen fünf Karten pro Jahr von ihr. Zu unseren Geburtstagen und zu Neujahr. Viel stand nicht darauf. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! oder Alles Gute im neuen Jahr! Wir schickten ihr nie eine Karte zurück, weil wir nicht wussten, wohin wir sie schicken sollten. »Warum wissen wir das nicht?«, wollte Gerson wissen. Gerard antwortete, dass sie uns ihre neue Adresse nie geschrieben hatte. Auf der ersten Karte und auf allen folgenden klebte eine italienische Briefmarke. Ausland war Italien, und ausländischer Mann war Italiener. Gerard hatte abendelang durch eine Lupe auf den Poststempel gestarrt, aber er konnte nicht lesen, was dort stand. Später hatte er es noch ein paarmal versucht, und letztendlich hatte er es aufgegeben. »Sie macht es absichtlich«, sagte er, »es ist wirklich jedes Mal unlesbar.«
Während Gerard so lange starrte, bis ihm die Tränen kamen, saßen wir zu dritt über die Italienkarte im Atlas gebeugt. Kees zeigte auf Städte und Dörfer, und wenn sie nicht zu schwierig waren, las Gerson ihre Namen laut vor. »Ist sie da?«, fragte er bei Mailand. »Wohnt sie vielleicht in Rom?«, fragte er bei Rom. »Ist sie denn hier?«, fragte er bei Neapel. Kees Zeigefinger bewegte sich immer weiter gen Süden, und Klaas sagte immer wieder: »Das wissen wir nicht, Gerson.«
»Aber sie muss doch irgendwo sein. Wo ist sie denn? Warum schreibt sie uns das nicht? Ist Italien ein schönes Land? Was sprechen die Leute da? Ist Mama zu Besuch bei jemandem? Wann kommt sie wieder?« Die Fragen hörten nur auf, wenn der Atlas zugeklappt wurde.
Unser Hund heißt Daan. Er ist ein rauhaariger Jack-Russel-Terrier. Gerard hatte ihn gekauft. »Der passt gut hierher, so ein kluger kleiner Hund auf dem Hof«, sagte er, »vielleicht kann er Maulwürfe fangen.« Daan mochte keine Maulwürfe, und Ratten und Mäuse schon gar nicht. Er hatte Angst vor ihnen. Er hatte auch Angst vor Gräben und der Straße, aber das war praktisch, er würde nicht ertrinken und nicht unters Auto kommen. Daan liebte Mutter und Gerson. Obwohl Gerard ihn ausgewählt und gekauft hatte, mochte Daan ihn nicht besonders, und uns benutzte er auch nur dazu, sich Stöcke und Tennisbälle durch den Garten werfen zu lassen. Es ist seltsam, warum so ein Hund aus unerklärlichen Gründen an bestimmten Menschen hängt. Meistens an einem einzigen Menschen, aber Daan hing an Mutter und an Gerson.
Er hat monatelang, vor allem gegen Abend, leise jaulend vor der Hintertür gesessen. Gerard und wir konnten nichts daran ändern, nur von Gerson ließ er sich trösten. Der setzte sich dann auf den Fußboden, den Rücken gegen die Waschmaschine gelehnt, und fing an, mit Daan zu reden. Ellenlange Geschichten erzählte er ihm, über alles Mögliche. Es war egal, was er sagte, es ging um den Ton seiner Stimme. Er streichelte Daan nicht und flüsterte ihm keine Koseworte ins Ohr, sondern red