Im Jahr 2003 wird Island von einem zerstörerischen Ausbruch des Vulkans Katla heimgesucht, ganze Landstriche werden unbewohnbar und selbst in Reykjavík sind die Auswirkungen spürbar. Dort führt das Künstlerpaar Elísabet und Láki ein ausschweifendes Leben. Die charismatische Elisabet spinnt einen Mythos um ihre eigene Person und behauptet, sie habe als junges Mädchen den Kuss der Erleuchtung empfangen, der sie verändert und zur Künstlerin gemacht habe. Während Láki das Spiel mitspielt, lehnt ihr 18jähriger Adoptivsohn Davíd die bizarren Geschichten seiner Mutter kategorisch ab. Er macht sie für seine chaotische Kindheit verantwortlich und glaubt, dass sie durch ihr Verhalten andere ins Unglück stürzt. Dies scheint sich zu bewahrheiten, als Elísabet ihre alte Schulfreundin Indi und deren Mann Jón wiedertrifft, die ihrem Bann verfallen und deren Leben völlig aus den Fugen gerät. Dreizehn Jahre später bekommt Davíd durch Zufall eine Kiste mit Unterlagen seines inzwischen verstorbenen Stiefvaters Láki in die Hände und beginnt nachzuforschen, was damals mit Indi und Jón wirklich geschah ...
Gudrún Eva Mínervudóttir, geboren 1976, studierte in Reykjavík Philosophie und fing bereits früh an zu schreiben. Mittlerweile zählt sie zu den vielversprechendsten jungen Autoren des Landes. Mit ihrem Roman 'Der Schöpfer' gelang ihr auch der internationale Durchbruch. Für ihren aktuellen Roman 'Alles beginnt mit einem Kuss' ist sie mit dem isländischen Literaturpreis ausgezeichnet worden.
Autorentext
Gudrún Eva Mínervudóttir, geboren 1976, studierte in Reykjavík Philosophie. Ihr Roman "Der Schöpfer" fand international Beachtung. Für "Alles beginnt mit einem Kuss" ist sie mit dem isländischen Literaturpreis ausgezeichnet worden. Sie zählt zu den bekanntesten jungen Autorinnen Islands.
Leseprobe
Am besten stellt sich der Erzähler selbst kurz vor
A uf diesen Seiten werde ich eine Geschichte erzählen, die euch unglaublich vorkommen mag oder auch nicht. Sie handelt nicht von mir, nur insofern, als dass es um mein Bedürfnis geht herauszufinden, was wahr und was erlogen ist an den Vorkommnissen, die sich vor dreizehn Jahren zugetragen haben. Im Winter 2003, als der Ausbruch der Katla seinen Höhepunkt erreichte. Ich war damals achtzehn, orientierungslos und wütend.
Seinerzeit versuchte ich zu begreifen, was geschehen war, gab aber schließlich auf und beschloss – entgegen meiner inneren Überzeugung –, dass ich nichts damit zu tun hatte. Ich unterdrückte meine Neugier und konzentrierte mich auf anderes.
Doch dann, im letzten Jahr, an einem ähnlich düsteren und feuchten Herbstabend wie dem, den man heute durchs Fenster sieht, machte ein Anruf meinen Pakt mit der Welt zunichte.
"Ist das Davíd? Elísabetarson?", fragte eine alte Frauenstimme.
"Das ist er", antwortete ich.
"Hallo, mein Junge, hier ist María, Thorlákurs Mutter."
Es machte nicht sofort Klick bei mir, da die Stimme anders war; älter und schwächer klang als in der Erinnerung. Ich hatte María ohnehin nicht oft gesehen, weil sie in Akureyri lebte und weder Mama noch Láki für lange Autofahrten zu haben waren. Zuletzt haben wir uns bei Lákis Beerdigung gesehen, aber da haben wir nicht miteinander gesprochen. Ich habe sie nur umarmt, und sie hat mir auf die Schulterblätter geklopft, ihr Gesicht ganz starr vor unterdrückter Trauer.
"Hallo María", sagte ich.
"Ich rufe an, weil ich in eine betreute Altenwohnung ziehe."
"Ja, das ist ... Ist das okay für dich?", fragte ich, peinlich berührt vom Alter. Vom Tod.
"Das muss es doch, nicht wahr?", antwortete sie. "Meine Nichte hat mir beim Packen geholfen, aber ich tue mich so schwer mit den Sachen von Láki. Die nehme ich nicht mit ins Grab, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, sie wegzuwerfen. Und da du doch fast sein Sohn warst ..."
"Ja", antwortete ich.
"Soll ich sie dir nicht einfach schicken? Fornhagi 20, ist das die richtige Adresse?"
"Ja, also ... danke. Was sind das denn für Sachen?"
"Hauptsächlich Zeichnungen, einige richtig gute. Du entscheidest, was du damit machst, aber ich dachte, dass du sie vielleicht zu schätzen weißt."
Richtig getippt. Lákis Geschichten haben mir immer gefallen. Und ich hatte ihn gern, obwohl er für mich in erster Linie der Lakai meiner Mutter war. Er trat in mein Leben, als ich zwölf war, und wollte alles für mich tun. Nur Mama die Stirn zu bieten traute er sich nicht, noch weniger als andere.
Vielleicht ist es unnötig, extra zu erwähnen, dass ich nicht Elísabets leiblicher Sohn bin. Mama hat mich in Argentinien adoptiert, und wir sind von Land zu Land gezogen, bis sie den Entschluss fasste, sich hier in Island niederzulassen. Ich war neun, gerade frisch auf dem Flughafen in Keflavík gelandet, als ich zum ersten Mal Isländisch aus einem anderen Mund als dem meiner Mutter hörte. Das war natürlich ein Schock, aber man könnte genauso gut sagen, dass meine gesamte Kindheit ein einziger Dauerschock gewesen ist.
Ich bin klein und dunkel genug, dass man mir schon von weitem ansieht, dass ich kein "richtiger Isländer" bin, worauf man mich oft genug hingewiesen hat. Das hat mir aber eigentlich nie etwas ausgemacht. Sticheleien habe ich mir nie zu Herzen genommen. Und ich habe auch
Gudrún Eva Mínervudóttir, geboren 1976, studierte in Reykjavík Philosophie und fing bereits früh an zu schreiben. Mittlerweile zählt sie zu den vielversprechendsten jungen Autoren des Landes. Mit ihrem Roman 'Der Schöpfer' gelang ihr auch der internationale Durchbruch. Für ihren aktuellen Roman 'Alles beginnt mit einem Kuss' ist sie mit dem isländischen Literaturpreis ausgezeichnet worden.
Autorentext
Gudrún Eva Mínervudóttir, geboren 1976, studierte in Reykjavík Philosophie. Ihr Roman "Der Schöpfer" fand international Beachtung. Für "Alles beginnt mit einem Kuss" ist sie mit dem isländischen Literaturpreis ausgezeichnet worden. Sie zählt zu den bekanntesten jungen Autorinnen Islands.
Leseprobe
Am besten stellt sich der Erzähler selbst kurz vor
A uf diesen Seiten werde ich eine Geschichte erzählen, die euch unglaublich vorkommen mag oder auch nicht. Sie handelt nicht von mir, nur insofern, als dass es um mein Bedürfnis geht herauszufinden, was wahr und was erlogen ist an den Vorkommnissen, die sich vor dreizehn Jahren zugetragen haben. Im Winter 2003, als der Ausbruch der Katla seinen Höhepunkt erreichte. Ich war damals achtzehn, orientierungslos und wütend.
Seinerzeit versuchte ich zu begreifen, was geschehen war, gab aber schließlich auf und beschloss – entgegen meiner inneren Überzeugung –, dass ich nichts damit zu tun hatte. Ich unterdrückte meine Neugier und konzentrierte mich auf anderes.
Doch dann, im letzten Jahr, an einem ähnlich düsteren und feuchten Herbstabend wie dem, den man heute durchs Fenster sieht, machte ein Anruf meinen Pakt mit der Welt zunichte.
"Ist das Davíd? Elísabetarson?", fragte eine alte Frauenstimme.
"Das ist er", antwortete ich.
"Hallo, mein Junge, hier ist María, Thorlákurs Mutter."
Es machte nicht sofort Klick bei mir, da die Stimme anders war; älter und schwächer klang als in der Erinnerung. Ich hatte María ohnehin nicht oft gesehen, weil sie in Akureyri lebte und weder Mama noch Láki für lange Autofahrten zu haben waren. Zuletzt haben wir uns bei Lákis Beerdigung gesehen, aber da haben wir nicht miteinander gesprochen. Ich habe sie nur umarmt, und sie hat mir auf die Schulterblätter geklopft, ihr Gesicht ganz starr vor unterdrückter Trauer.
"Hallo María", sagte ich.
"Ich rufe an, weil ich in eine betreute Altenwohnung ziehe."
"Ja, das ist ... Ist das okay für dich?", fragte ich, peinlich berührt vom Alter. Vom Tod.
"Das muss es doch, nicht wahr?", antwortete sie. "Meine Nichte hat mir beim Packen geholfen, aber ich tue mich so schwer mit den Sachen von Láki. Die nehme ich nicht mit ins Grab, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, sie wegzuwerfen. Und da du doch fast sein Sohn warst ..."
"Ja", antwortete ich.
"Soll ich sie dir nicht einfach schicken? Fornhagi 20, ist das die richtige Adresse?"
"Ja, also ... danke. Was sind das denn für Sachen?"
"Hauptsächlich Zeichnungen, einige richtig gute. Du entscheidest, was du damit machst, aber ich dachte, dass du sie vielleicht zu schätzen weißt."
Richtig getippt. Lákis Geschichten haben mir immer gefallen. Und ich hatte ihn gern, obwohl er für mich in erster Linie der Lakai meiner Mutter war. Er trat in mein Leben, als ich zwölf war, und wollte alles für mich tun. Nur Mama die Stirn zu bieten traute er sich nicht, noch weniger als andere.
Vielleicht ist es unnötig, extra zu erwähnen, dass ich nicht Elísabets leiblicher Sohn bin. Mama hat mich in Argentinien adoptiert, und wir sind von Land zu Land gezogen, bis sie den Entschluss fasste, sich hier in Island niederzulassen. Ich war neun, gerade frisch auf dem Flughafen in Keflavík gelandet, als ich zum ersten Mal Isländisch aus einem anderen Mund als dem meiner Mutter hörte. Das war natürlich ein Schock, aber man könnte genauso gut sagen, dass meine gesamte Kindheit ein einziger Dauerschock gewesen ist.
Ich bin klein und dunkel genug, dass man mir schon von weitem ansieht, dass ich kein "richtiger Isländer" bin, worauf man mich oft genug hingewiesen hat. Das hat mir aber eigentlich nie etwas ausgemacht. Sticheleien habe ich mir nie zu Herzen genommen. Und ich habe auch
Titel
Alles beginnt mit einem Kuss
Untertitel
Roman
Autor
Übersetzer
EAN
9783641121587
ISBN
978-3-641-12158-7
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Herausgeber
Genre
Veröffentlichung
17.03.2014
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
15.99 MB
Anzahl Seiten
384
Jahr
2014
Untertitel
Deutsch
Lesemotiv
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