Jean-Christophe Grangé ist Frankreichs Thriller-Autor Nummer eins. Auf sein bravouröses Debüt DER FLUG DER STÖRCHE folgten weitere Veröffentlichungen, mit denen er schon bald in die erste Riege der internationalen Meister des Genres aufstieg. Grangés Romane erscheinen in über dreißig Ländern und wurden fast alle mit prominenter Besetzung verfilmt.
Autorentext
Jean-Christophe Grangé ist Frankreichs Thriller-Autor Nummer eins. Auf sein bravouröses Debüt DER FLUG DER STÖRCHE folgten weitere Veröffentlichungen, mit denen er schon bald in die erste Riege der internationalen Meister des Genres aufstieg. Grangés Romane erscheinen in über dreißig Ländern und wurden fast alle mit prominenter Besetzung verfilmt.
Leseprobe
6
Leider gibt es nichts Neues. Die Gesandten rücken nicht mit der Sprache raus, die Untersuchungen am Unglücksort haben nichts ergeben, und wir warten immer noch auf die Experten.«
Um das Gespräch in Gang zu halten, begann Desnos mit einem ausführlichen Bericht über die Religionsgemeinschaft.
Im 16. Jahrhundert flüchteten die in der Schweiz und in Deutschland verfolgten Täufer ins Elsass. Von den unterschiedlichen Gruppierungen, den Mennoniten, den Hutterern und den Amischen, blieben schließlich nur die Gesandten in der Region, weil sie der Meinung waren, dass Gott ihnen ein vollkommenes Geschenk anvertraut hatte - dieses Land, das einen einzigartigen Wein hervorbringt.
Ein ansässiger Landesherr, den ihr Glaube berührt hatte, machte ihnen im 17. Jahrhundert offiziell die mehr als 300 Hektar umfassenden Grundstücke zum Geschenk. Seit dieser Zeit lebten sie an diesem Ort. Eine einfache, in Schwarz-Weiß gekleidete Gemeinschaft, die niemandem Rechenschaft schuldig war und mit der Genauigkeit eines Uhrwerks ihren Gewürztraminer produzierte.
Sie fuhren nun in Richtung des Florival-Tals, durch das der Fluss Lauch fließt. Niémans hatte bereits auf einer Karte nachgeschaut: Die Ländereien der Gesandten befanden sich etwa zehn Kilometer östlich von Brason, am Fuß des Grand Ballon, der höchsten Erhebung der Vogesen.
Es war schönes Wetter, das konnte Niémans nicht leugnen, und doch er hatte an diesem sonnendurchfluteten Spätnachmittag kein gutes Gefühl.
»Erzählen Sie mir von dem Mord«, unterbrach er Desnos plötzlich.
»Du liebe Zeit, nichts deutet darauf hin, dass es sich um einen Mord handelt!«
»Ich habe gelesen, dass die Stützen, die das Gewölbe hielten, plötzlich nachgegeben haben. Im Bericht ist die Rede von Sabotage.«
»Im Moment gibt es noch keine Gewissheit.«
»Und wann erfahren wir es?«
»Das steht in den Sternen. Wir haben Experten angefordert ...«
Eine typisch französische Ermittlung. Fast eine Woche nach dem Vorfall wartete man noch immer, als ginge es nach einem Wasserrohrbruch um einen Klempner.
Inzwischen kannte sich Niémans wieder aus: Sie hatten die Hänge rund um Guebwiller passiert, auf denen einige der ganz großen Weine der Region reiften. Wie oft war er hier mit dem Fahrrad entlanggefahren ... Damals sprach man nur hinter vorgehaltener Hand von den Gesandten, wie von einem geheimnisvollen Volk mit seltsamen Sitten.
Plötzlich tauchten Zäune und immer wieder Schilder mit der Aufschrift PRIVATGELÄNDE auf.
»Das ist die Domäne«, erklärte Desnos.
»Nicht gerade einladend.«
»Die Gesandten belästigen niemanden und wollen im Gegenzug nicht gestört werden.«
Der Polizist erkannte eine gewisse Aggressivität in ihrer Antwort und begriff, auf wessen Seite sie stand.
»Warum haben sie die Autopsie eigentlich abgelehnt?«
»Weil es gegen ihre Prinzipien verstößt. Es geht um den Schutz der körperlichen Unversehrtheit der Menschen. Sie verweigern auch Bluttransfusionen.«
»In der Akte finden sich nur wenige Verhörprotokolle. Haben Sie keine Nachbarschaftsbefragungen gemacht?«
»Welche Nachbarschaft? Die Kapelle liegt unmittelbar neben dem Anwesen der Gesandten, und jeder, den wir befragt haben, hat sich entweder geweigert, mit uns zu sprechen, oder ausweichend geantwortet. Außerdem konnten sie die Protokolle nicht unterschreiben.«
»Warum?«
»'Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel', sagt Jesus im Matthäusevangelium. Diese Textstelle verbietet ihnen, einen Eid zu leisten.«
Entweder hatte Desnos intensiv über die Frage nachgedacht, oder sie stand den Gesandten sehr nahe.
»Erzählen Sie mir von Samuel. Ich habe gelesen, dass er der Bischof der Gemeinschaft war.«
»Er hat die Gottesdienste geleitet, mehr nicht.«
»Er war nich