Katja Doubek, geboren 1958 in Lübeck, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Psychologie und hat sich als Biografin großer Frauenfiguren profiliert. Sie lebt als freie Autorin in München und Italien. Zuletzt veröffentlichte sie die Biografien 'Die Gräfin Cosel' und 'Die Astors' sowie den Roman 'Königin der Meere'.
Sie war eine der geistreichsten und schönsten Frauen des 18. Jahrhunderts: Anna Constantia Reichsgräfin von Cosel. Die Mätresse und heimliche Ehefrau des kurfürstlichen Königs August der Starke stieg zur wichtigsten Beraterin des sächsisch-polnischen Regenten auf. Doch ihre mächtige Stellung wurde der Cosel zum Verhängnis: Als Opfer höfischer Intrigen und politischer Interessen büßte sie auf Burg Stolpen über 49 Jahre - für eine kurze Episode der Liebe und des Glücks am prunkvollen Dresdner Hof.
Vorwort
Aufstieg und Fall der berühmten Mätresse von August dem Starken.
Autorentext
Katja Doubek, geboren 1958 in Lübeck, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Psychologie und hat sich als Biografin großer Frauenfiguren profiliert. Sie lebt als freie Autorin in München und Italien. Zuletzt veröffentlichte sie die Biografien "Die Gräfin Cosel" und "Die Astors" sowie den Roman "Königin der Meere".
Leseprobe
Ich möchte eine Schwester
Zusammengerollt wie ein junger Igel lag Anna Constantia von Brockdorff zitternd vor Angst unter ihrer dicken Decke und hielt sich die Ohren zu. Ein bitterer Wind jagte beißende Winterkälte durch die Fensterritzen in jede Kammer des Gutshauses.
Eine Weile war nichts zu hören gewesen, doch gerade eben hatte wieder ein markerschütternder Schrei das ganze Haus durchdrungen. Constantia begann zu weinen. Das sechsjährige Mädchen steckte den Kopf vorsichtig unter dem Plumeau hervor und lauschte - da! Da war es wieder, das furchteinflößende Geräusch, erst ein Aufschrei, dann eine Sekunde Schweigen und dann folgte wimmerndes Jammern.
Hastig zog Constantia das Federbett wieder über den Kopf. Ihr Herz raste, Hände und Füße waren eiskalt. Was immer dort unten in der Stube geschah, es war schrecklich!
Sie putzte sich die Nase mit dem Zipfel ihres Kissens und krabbelte aus dem Bett. Mit kleinen eiligen Schritten tapste sie zur Tür und flitzte über die knarrenden Flurdielen in die gegenüberliegende Kammer, dann machte sie einen Satz und stand vor dem großen Bett ihres Bruders.
»Christian! Ich fürchte mich so sehr! Bitte laß mich unter deine Decke.«
Christian Detlev von Brockdorff rutschte bereitwillig zur Seite.
»Komm schnell! Und vorsichtig - Joachim liegt schon neben mir, er ist gerade erst eingeschlafen«, flüsterte er.
Constantia schmiegte sich eng an ihren Bruder. Der nahm sie liebevoll in den Arm.
»Hast du Angst, weil die Mutter so schreit?«
»Das ist die Mutter?« Constantias Herz stockte vor Schreck.
»Aber warum? Wer tut ihr denn solches Leid, daß sie so jammern muß?«
Christian drückte seine kleine Schwester noch etwas fester an sich.
»Niemand tut ihr etwas an - wir bekommen noch ein Geschwister. Sie hat bei dir so geschrien, das erinnere ich noch genau. Sie hat vor vier Jahren bei Joachim so geschrien, weißt du das denn nicht mehr? Und«, er machte eine nachdenkliche Pause, »bei mir wird sie wohl auch so geschrien haben.«
»Wir bekommen ein Geschwister? Woher denn? Wie denn? Einen Bruder oder eine Schwester? Ich möchte eine Schwester - wir sind doch schon zwei Brüder.«
Mit diesen Fragen war der elfjährige Christian überfordert. Zwar wußte er seit einigen Wochen von der Mutter, daß Nachwuchs auf dem Weg war, doch was es genau damit auf sich hatte, war nicht aus ihr herauszukriegen gewesen.
»Laß gut sein, Christian, es ist, wie es ist, und es kommt, wenn es kommt. Gebe Gott, daß alles gut geht und das Kind gesund ist und überlebt«, hatte Margarethe von Brockdorff ihrem Erstgeborenen beschieden und sich zur Seite gewandt. Zwei Kinder hatte sie tot zur Welt bringen müssen. Sie fürchtete sich vor der bevorstehenden Entbindung.
Die klirrende Nacht des 29. Januar 1687 war schon einige Stunden fortgeschritten, die letzten großen Holzscheite glühten im Kamin. Anna Margarethe von Brockdorff, geborene Marselis, verwitwete Berns, lag erschöpft im Wochenbett und hielt ihre soeben geborene Tochter Margarethe Dorothee in den Armen.
»Es ist jedesmal ein Wunder, nicht wahr?« sagte sie mit matter Stimme und schaute ihren Mann glücklich an.
Ritter Joachim Brockdorff nickte.
»Sie sieht stark und gesund aus - stark und gesund wie Sie, Liebste. Sie wird leben.« Er strich dem kleinen Mädchen zärtlich über den Kopf.
»Ich möchte trotzdem, daß sie gleich morgen in der Frühe getauft wird. Für den Fall, daß doch noch etwas Schlimmes geschieht.« Bei dem Gedanken fühlte sie einen Kloß im Hals.
»Es wird nichts Schlimmes geschehen. Diesmal nicht. Ich reite noch vor Tagesanbruch und hole den Pfarrer.«
Nie wäre es Joachim Brockdorff eingefallen, seiner schönen Frau einen Wunsch abzuschlagen. Fünfzehn Jahre waren sie ein Paar, und seit fünfzehn Jahren liebte er sie wie am ersten Tag. Ihre Heirat war eine Liebesheirat gewesen - mit einem kleinen Wermutstropfen nur: Sie war n