Kerstin Ekman, geboren 1933, gilt als die wichtigste skandinavische Gegenwartsautorin. Ihr umfangreiches literarisches Werk ist preisgekrönt, wurde vielfach verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Vorwort
Beuge dich über den Wasserspiegel und hasse.
Autorentext
Kerstin Ekman, geboren 1933, gilt als die wichtigste skandinavische Gegenwartsautorin. Ihr umfangreiches literarisches Werk ist preisgekrönt, wurde vielfach verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Leseprobe
Ein Geräusch. Sie wachte davon auf. Es war vier Uhr morgens. Auf der Digitalanzeige des Radioweckers 4:02. Im Zimmer war es dämmergrau. Regentropfen zeichneten ein Streifenmuster auf die Fensterscheiben, und draußen dampfte die Feuchtigkeit aus dem üppig wuchernden Gras.
Sie bekam keine Angst. Wurde aber wachsam. Jetzt hörte sie, was es war: ein Automotor auf niedrigen Touren. So früh konnte niemand zu ihr wollen. Saddie lag auf dem Schaffell vor dem Bett und schlief weiter. Die Hündin war dreizehn und ziemlich taub.
Eine Autotür knallte. Noch eine. Also mindestens zwei Leute. Und dann diese Stille. Keine Stimmen.
Sie schlief mit einer Schrotflinte neben sich. Das Bett stand ein Stück von der Wand entfernt, und in dem Zwischenraum befand sich das Gewehr. Eine recht hübsche Waffe, spanisch. Eine Sabela. Die Patronen lagen hinter dem Radiowecker. Sie brauchte genau zweiundzwanzig Sekunden, um das Gewehr aufzuklappen und die Patronen hineinzustecken. Das hatte sie geübt und dabei die Zeit gestoppt. Tatsächlich hatte sie es jedoch nie laden müssen.
Die Tür war abgeschlossen. Sie hatte noch nie vergessen, ihr Haus zuzusperren. Seit achtzehn Jahren nicht.
Jetzt lag sie da, hatte die Hand auf dem sauber gearbeiteten Kolben der Sabela und befühlte die mattfette Oberfläche. Steif und fröstelnd.
Sie wollte nicht in die Küche gehen und hinausschauen, denn da wäre sie selbst durchs Fenster zu sehen gewesen. Statt dessen stand sie auf, stellte sich an den Türpfosten und lauschte. Saddie kam mit, sackte aber auf dem Teppich unterm Couchtisch zusammen und fing wieder zu schnarchen an. Stimmen waren nicht zu hören.
Schließlich ging sie doch in die Küche. Ohne Gewehr. So macht man das nun mal. Man glaubt, daß es gutgehen wird.
Der Regen rann jetzt lautlos über die Fensterscheiben. Hinter dem Film aus Glas und Wasser stand Mia vor dem Auto.
Ihr Körper war mit einem anderen verschmolzen.
Die beiden waren ganz naß. Mias Jacke war auf den Schultern und am Rücken völlig durchnäßt. Das Haar klebte ihr strähnig am Kopf und wirkte dunkler, als es war. Er hatte richtig dunkles Haar, braunschwarz und glatt. Es steckte Laub darin. Zwergbirkenzweige und Farnblätter. Mia mußte sie hineingesteckt haben. Sie hatte mit ihm gespielt. Die beiden waren so eng miteinander verschlungen, daß es aussah, als wäre er dort draußen im Regen in sie eingedrungen. Dem war aber nicht so. Sie sah etwas ebenso Uraltes. So als ob sich in der Zeit eine Wunde öffnete. Und sich schlösse, verschwunden wäre. Als sich die Gesichter voneinander lösten, erkannte sie ihn.
Sie stützte sich auf die Spüle. Stand in ihrem alten Nachthemd da und vergaß ganz, daß sie sie entdecken konnten. Ihr Herz bewegte sich wie ein Tier in ihrem Brustkorb. Nach einer Weile verspürte sie einen Brechreiz, der sie zum Schlucken zwang. Der Speichel war ihr im Mund zusammengelaufen.
Dasselbe Gesicht. Fester und gröber nach achtzehn Jahren. Aber das war er. Der Regen rann wie über ein Fenster in der Zeit, und da war er, ein Körper, Fleisch.
Sie trat zurück, vom Fenster weg. Sie hatten sie nicht entdeckt. Als Mia den Schlüssel ins Schloß steckte, lag sie schon wieder im Bett. Sie hörte, wie Saddie in den Flur tappte und sich leise freute; sie schlug mit dem Schwanz gegen die Mäntel in der Diele, so daß die Kleiderbügel klapperten. Mia ging in die Küche, und der Automotor sprang an. Wahrscheinlich winkte sie ihm. Dann stieg sie, Saddie auf den Fersen, die Treppe hinauf. Sie ging sich nicht waschen. Und es war ja nicht schwer zu verstehen, weshalb.
Annie hatte kalte Füße bekommen, und die Kälte kroch nun nach oben. Sie traute sich jedoch nicht, in die Küche zu gehen und im Herd Feuer zu machen oder auch nur einen warmen Morgenrock zu suchen. Mia sollte nicht hören, daß sie wach war.
Sie hatten miteinander geschlafen. Vielleicht im Freien, im Regen. Er war jener Junge. Wenn auch viel