Ein altes Schloss in Brandenburg und die Leidenschaft zweier Brüder einfühlsam und lebensnah erzählt Leonie Ossowski von einem entscheidenden Abschnitt deutsch-deutscher Geschichte: Nach dem Fall der Mauer ist für Conrad und Ludwig klar, dass sie das brandenburgische Schloss Großscherkow wieder in den Besitz der Familie bringen werden. Aber so einfach ist das nicht, denn vieles hat sich verändert und nicht nur die Eigentumsverhältnisse erweisen sich als vertrackt. 'Leonie Ossowski verdeutlicht auf sensible Weise Einzelschicksale und führt vor Augen, wie dumm manches vorschnell entstandene Vorurteil doch ist.' Westfälischer Anzeiger

Leonie Ossowski, geboren 1925 in Niederschlesien, war Autorin zahlreicher Erfolgsromane und Drehbücher. In all ihren Romanen machte sie auf soziale und gesellschaftliche Themen in Vergangenheit und Gegenwart aufmerksam. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber, dem Schillerpreis der Stadt Mannheim und mit der Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums, hat sie sich in ihren Romanen als 'Dichterin der Menschlichkeit' einen Namen gemacht. Seit 1980 lebte Leonie Ossowski in Berlin, wo sie am 4. Februar 2019 verstarb.

Autorentext

Leonie Ossowski, geboren 1925 in Niederschlesien, war Autorin zahlreicher Erfolgsromane und Drehbücher. In all ihren Romanen machte sie auf soziale und gesellschaftliche Themen in Vergangenheit und Gegenwart aufmerksam. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber, dem Schillerpreis der Stadt Mannheim und mit der Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums, hat sie sich in ihren Romanen als "Dichterin der Menschlichkeit" einen Namen gemacht. Seit 1980 lebte Leonie Ossowski in Berlin, wo sie am 4. Februar 2019 verstarb.



Leseprobe

Im Juli des Jahres 1990 wurde in der DDR die D-Mark eingeführt. Das bedeutete Umstellung, Umrechnung und oft tiefe Verwirrung, vor allem auf dem Land. Man glaubte, das Geld reiche hinten und vorne nicht, selbst wenn man seine Ostmark eingetauscht hatte.

Noch immer war Conrad zutiefst von der Rückgabe seines väterlichen Besitzes überzeugt, auch wenn er damit einverstanden war, das Land der Umsiedler nicht mehr zu bekommen. Dafür sorgten mit Vehemenz die Politiker der DDR, die noch immer den Einigungsvertrag aushandelten.

Conrad hatte das eingesehen und sorgte dafür, daß man im Dorf wußte, daß er an Pachtverträgen interessiert sei und es sich lohne, darüber nachzudenken.

Auch Ludwig gab die Hoffnung noch nicht auf, Stockhagen sein eigen nennen zu dürfen, und hatte längst alle notwendigen Papiere zusammen, die den Anspruch auf sein Erbe bestätigten. Alles war eine Frage der Zeit und des Einigungsvertrags zwischen der Bundesrepublik und der DDR.

Gleich nach der Währungsumstellung hatte Ludwig beim inzwischen neugewählten Bürgermeister von Stockhagen vorgesprochen, um zu fragen, ob er ein oder zwei Zimmer im Schloß gegen eine entsprechende Miete beziehen könne. Er begründete seinen Aufenthalt mit der geplanten Renovierung der Kapelle. Auch um den Park würde er sich gern kümmern. Er schlug noch vieles vor, was der Bürgermeister ablehnte, denn, so sagte er, noch wisse man ja nicht, wie sich die Besitzverhältnisse in Stockhagen entwickelten. Aber ein Zimmer könne er gegen Miete im Schloß bewohnen. Es war das Tantenzimmer, das Ludwig im Ostflügel im ersten Stock zugewiesen wurde, einer der wenigen Räume, der nicht durch Trennwände verbaut worden und irgendwie in der Wohnungsaufteilung übriggeblieben war. Es hatte noch wie früher ein Waschbecken mit Wasseranschluß. Nur die Toilette mußte sich Ludwig mit den Bewohnern des Stockwerks teilen.

Conrad bekam keine Möglichkeit, im Schloß von Großscherkow zu wohnen. Er hatte sein Elternhaus zwar einmal besichtigen dürfen, aber dabei war es geblieben. Auch hier sagte der Bürgermeister, die Besitzverhältnisse müßten erst geklärt werden. So wohnte er, wenn er in Großscherkow übernachtete, nach wie vor bei Molli in der Kammer ihres winzigen Häuschens. Irgendwie hatte man sich an seine Anwesenheit im Ort gewöhnt. Er hielt mit den Alten, die ihn noch von früher kannten, gern ein Schwätzchen und ließ sich aus ihrem Leben erzählen. Auch mit den ehemaligen Flüchtlingen nahm er Kontakt auf und beteuerte jedem, der es wissen wollte, daß er bei einer Rückgabe seines Eigentums keinerlei Anspruch auf das Land der Siedler erheben wolle. Nie versäumte Conrad, Harry Blaske einen Besuch abzustatten.

Auf seltsame Weise hatten sich die beiden angefreundet, saßen in Blaskes Büro, wo die Plakate von den Wänden verschwunden waren, und fachsimpelten oft bis in den späten Abend. Manchmal lief Conrad aber auch allein über Land. Die Leute aus dem Dorf sahen ihn, wie er am Rand der ehemals väterlichen Felder entlangstapfte, die Ähren zwischen den Händen rieb oder auch mal eine Kartoffelstaude ausriß, um die Knollen zu begutachten. Sie lachten und nickten ihm zu und hatten nichts gegen den Mann, der niemandem schaden wollte und nur vom Staat zurückverlangte, was sein Eigentum war. Manchmal legte Conrad eine Pause ein und setzte sich unter einen der wenigen wilden Birnbäume, deren Früchte schon zu seiner Kindheit ungenießbar waren, klein, hart und unreif zu Boden fielen. Dann schloß Conrad die Augen, hörte das Zwitschern der Lerchen über dem Baumwipfel, weiter weg das Geräusch von Traktoren, und ließ langsam die Erde zwischen den Fingern hindurchrieseln. Bald würde der Boden, auf dem er hier ausruhte, ihm gehören. Er würde seine eigenen Felder bestellen und da wohnen, wo sein Vater, sein Großvater und die Vorfahren gewohnt hatten. Alles war eine Frage der Zeit.

Conrad dachte an seinen Bruder und den gemeinsamen Gebu

Titel
Der einarmige Engel
Untertitel
Roman
EAN
9783492972673
ISBN
978-3-492-97267-3
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Herausgeber
Veröffentlichung
01.02.2017
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
1.13 MB
Anzahl Seiten
319
Jahr
2017
Untertitel
Deutsch
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet