Leonie Ossowski, geboren 1925 in Niederschlesien, war Autorin zahlreicher Erfolgsromane und Drehbücher. In all ihren Romanen machte sie auf soziale und gesellschaftliche Themen in Vergangenheit und Gegenwart aufmerksam. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber, dem Schillerpreis der Stadt Mannheim und mit der Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums, hat sie sich in ihren Romanen als 'Dichterin der Menschlichkeit' einen Namen gemacht. Seit 1980 lebte Leonie Ossowski in Berlin, wo sie am 4. Februar 2019 verstarb.
Vorwort
»Was soll ich machen«, flüsterte sie, »noch mal nach Hause fahren?«
Autorentext
Leonie Ossowski, geboren 1925 in Niederschlesien, war Autorin zahlreicher Erfolgsromane und Drehbücher. In all ihren Romanen machte sie auf soziale und gesellschaftliche Themen in Vergangenheit und Gegenwart aufmerksam. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber, dem Schillerpreis der Stadt Mannheim und mit der Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums, hat sie sich in ihren Romanen als "Dichterin der Menschlichkeit" einen Namen gemacht. Seit 1980 lebte Leonie Ossowski in Berlin, wo sie am 4. Februar 2019 verstarb.
Leseprobe
Der Löwe
Seit Maries Besuch in Polen waren fünfzehn Jahre vergangen, und noch immer saß die Babka im Schloss an ihrem Fenster und starrte hinaus. Zwar wusste jedermann, dass sie kaum weiter als drei Meter sehen konnte, aber das gab sie nicht zu. Seit eh und je sagten die einen im Dorf, sie lauere wie ein Hofhund auf Fremde, während die anderen behaupteten, es sei nur der Hass auf die Deutschen, der sie noch am Leben halte, und wieder andere meinten, sie sei ganz einfach verrückt. Das eine stimmte so wenig wie das andere.
Die Babka saß zwar am Fenster und starrte hinaus, aber sie lauerte niemandem mehr auf, auch war es nicht der Hass, der sie am Leben hielt, und am allerwenigsten war sie verrückt. Nur das Reden hatte sie aufgegeben. Das war ganz allmählich vonstattengegangen. Erst hatte sie das Fragen eingestellt und Monate später das Antworten verweigert. Schließlich erwiderte sie auch keinen Gruß mehr, wackelte höchstens mit dem Kopf oder ließ, ähnlich einem Huhn, ihre hauchdünnen und mittlerweile wimpernlosen Lider über die Augäpfel klappen, die milchglasig und bewegungslos in den Höhlen hingen, als blickten sie mehr nach innen als nach außen.
Und so war es auch. Die Babka lebte nur noch in der Erinnerung. Eine Erinnerung, die niemand mehr kannte, denn alle, die sie mit ihr hätten teilen können, waren inzwischen gestorben. Und was für sie noch schlimmer war: Es schien sich niemand mehr dafür zu interessieren. Der Sohn, mittlerweile schon in Rente, hatte seine eigenen Erinnerungen. Und für Janusz, den Enkel, inzwischen Lehrer, verheiratet und Vater einer kleinen Tochter, zählten die Erinnerungen der Babka zu den Kindheitsgeschichten, die mit der Zeit an Realität verloren hatten.
Also hatte es sich die Babka angewöhnt, den Mund zu halten. Tatsache war, dass sie kaum noch etwas sah. Schon gar nicht die Wipfel der Platanen und Kastanien, die das Schloss umringten und keinen Blick zur Straße hin zuließen. Auch die sich ständig vermehrenden Ringeltauben waren für die Babka nur noch zu hören. Und selbst von der neunjährigen Urenkelin Danka erkannte sie gerade mal die Umrisse und das flachsblonde Haar. Alles andere, sogar die Länge der Zöpfe, musste die Babka ertasten, was Danka unheimlich war und sie deshalb stets Abstand von der Urgroßmutter halten ließ.
Das alles störte die alte Frau nicht mehr. Seit über fünfzig Jahren kannte sie den Ausblick aus ihrem Fenster, kannte das Grün der Bäume, das Perlgrau der Tauben, die Kurve der Einfahrt zum Schloss, die weißen und blauen Krokusse auf dem Stück Rasen im Frühling, den Löwenzahn im Sommer und den Schnee im Winter. Sie kannte die Länge und die Breite der Felder, die eben, wie plattgewalzt, bis zum vier Kilometer weit entfernten Wald reichten, der lückenlos den Horizont abdeckte. Mit den Jahren hatte sie lange genug die Aussicht studiert, brauchte sie nicht mehr anzuschauen und wandte sich lieber dem zu, was nicht mehr zu betrachten war, der Vergangenheit.
Noch bevor sie mit den Eltern im Jahre 1940 von den Deutschen vom Hof gejagt worden war, stieß sie eines Sonntags beim Pilzesuchen im Polnischen auf Martin Gutschke. Sie kannten sich von Hochzeiten, Beerdigungen und Erntefesten her. Ihre Eltern waren als Kinder Nachbarn gewesen, und es hieß, Martin und die Babka, deren Taufname Jadwiga war, hätten sogar eine gemeinsame Tante. Von Feier zu Feier waren sie sich nähergekommen, und kurz vor Ausbruch des Krieges hatten sie sich bei besagtem Pilzesuchen versprochen.
Es war die Zeit der Pfifferlinge, Stockschwämmchen, Semmel- und Schirmpilze. Man musste sich auskennen. Als Jadwiga unverhofft Martin auf einem der Waldwege begegnete, stieg ihr vor Freude die Röte vom Hals bis unter die Haarwurzeln. In ihrer beider Verlegenheit, sich so unerwartet zu sehen, wussten sie nicht, was sie sagen sollten, zeigten sich dafür aber stumm, was sie bisher an Pilzen in ihren Körben hatten. Und weil Jadwiga nicht aufhörte, über den