Seit über zweitausend Jahren gilt der Kompass als Inbegriff technischer Verlässlichkeit. Ein unscheinbarer Zeiger, ausgerichtet an einer unsichtbaren Kraft, ermöglichte Orientierung jenseits vertrauter Horizonte. Er verband Himmel und Erde, Karte und Bewegung, Wissen und Vertrauen. Seine Erfindung markierte einen stillen, aber tiefgreifenden Einschnitt in der Geschichte menschlicher Fortbewegung: Richtung wurde messbar, Orientierung reproduzierbar, Raum beherrschbar. Der Kompass versprach Gewissheit - unabhängig von Wetter, Tageszeit oder Erfahrung. Dieses Buch nähert sich dem Kompass jedoch nicht nur als historisches Navigationsinstrument, sondern als kulturelles und erkenntnistheoretisches Phänomen. Denn die Bedingungen, unter denen der Kompass einst zuverlässig funktionierte, haben sich verändert. Elektrifizierung, technische Verdichtung und künstliche Magnetfelder überlagern heute jene natürliche Ordnung, auf der seine Funktionsweise beruht. Der Zeiger reagiert weiterhin korrekt - doch nicht mehr zwingend auf das, was er ursprünglich anzeigen sollte. Orientierung wird damit kontextabhängig, erklärungsbedürftig, fragil. >Die Erfindung des Kompass< verfolgt diese Verschiebung mit nüchternem Blick. Es geht nicht um spektakuläre Entdeckungsfahrten oder technische Details, sondern um die Frage, was geschieht, wenn ein Werkzeug seine Selbstverständlichkeit verliert. Der Kompass steht hier exemplarisch für ein größeres Spannungsfeld: zwischen Naturkonstante und Zivilisation, zwischen Vertrauen und Störung, zwischen Ordnung und Überlagerung. In der Reduktion auf das Wesentliche entfaltet sich ein schmaler, präziser Gedankengang - leise, sachlich und offen genug, um weiterzuführen.



Autorentext

Lutz Spilker wurde am 17.2. des Jahres 1955 in Duisburg geboren. Bevor er zum Schreiben von Büchern und Dokumentationen fand, verließen bisher unzählige Kurzgeschichten, Kolumnen und Versdichtungen seine Feder. In seinen Veröffentlichungen befasst sich Lutz Spilker vorrangig mit dem menschlichen Bewusstsein und der damit verbundenen Wahrnehmung. Ihn fasziniert die Tatsache, dass zu jeder weiteren Sekunde neue Erkenntnisse existieren. »Ich liebe die Sprache: Sie vermag zu streicheln, zu liebkosen und zu Tränen zu rühren. Doch sie kann ebenso stachelig sein, wie der Dorn einer Rose und mit nur einem Hieb zerschmettern.«

Titel
Die Erfindung des Kompass
Untertitel
Wie ein Zeiger die Welt ordnete
EAN
9783565199754
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Veröffentlichung
27.01.2026
Digitaler Kopierschutz
frei
Dateigrösse
3.01 MB
Anzahl Seiten
113