Cambridge, Herbst 1990: Der Tod einer alten Dame in einer Seniorenresidenz scheint ein Selbstmord zu sein bis Detective Chief Inspector Harry House auf beunruhigende Widersprüche stößt. Was als Routinefall beginnt, führt ihn in ein Geflecht aus Geheimdienstmanövern, IRA-Terror und vertuschten Akten. Die Spur reicht zurück in das Dritte Reich und zu einem geheimen Nuklearprojekt und mitten hinein in die Vergangenheit seines eigenen Vaters. Aus Ermittlungen werden Zweifel, aus Zweifel wird persönliche Betroffenheit. Ein packender Politthriller über Schuld, Nuklearterrorismus und die explosive Kraft verdrängter Geschichte.

Leseprobe
Südnorwegen 22. Februar 1944 Als Heinrich Ucker aus der warmen Unterkunft ins Freie trat, roch die Luft nach Winter und nach Schnee. Dabei hatte es bereits die Tage zuvor geschneit. Auch zum Ende der Woche hatte es das. Als der Schneefall aufgehört hatte, war der Güterzug mit der akribisch verstauten Fracht von Vemork1 zum Tinnsjø-See aufgebrochen. Das war am Samstag gewesen. Mitte November war Vemork das letzte Mal von den Alliierten bombardiert worden, und die Schäden, besonders die an den Rohrleitungen der hydroelektrischen Anlage, waren bislang erst notdürftig repariert. Die Überreste der Hängebrücke hingen immer noch in Fetzen an den Rändern der Schlucht. Um die wichtigen Schwerwasserbestände vor möglichen weiteren Angriffen zu schützen, hatte man in Berlin angeordnet, sie schleunigst nach Deutschland in Sicherheit zu bringen. Der Eisenbahnzug mit der wertvollen Fracht hatte am Sonntag den See mit einer Fähre überqueren und dann weiter per Schiene bis nach Herøya rollen sollen, um dort auf ein Schiff zum Transport in die Heimat verladen zu werden. Ucker sog kalte Luft durch die Nase. Sie brannte in seinen Lungen und kondensierte zu Nebelwölkchen, als er sie ausatmete. Alle Mann aufsitzen!, hörte er den fast gebellten Befehl des SS-Sturmscharführers Gleisner, der seine kurzsichtigen, hervorstehenden Augen wie immer hinter einer silbernen Nickelbrille verbarg. Ähnliche Anweisungen erschallten auf Norwegisch und galten den Männern des norwegischen Sicherheitsdienstes sowie der Sturmabteilung Hirden, die den heutigen Transport zusätzlich zu den SS-Mannschaften als Wachen begleiteten. Ucker zog sich den Kragen seines Wintermantels enger um den Hals und knotete den Schal fest. Dann setzte er sich in Bewegung. Der Schnee knirschte unter seinen und den Füßen der gut zwanzig Männer, die wie er auf die stahlgrauen Büssing-Lkws mit ihren bulligen Schnauzen zuhielten. Während er durch den Schnee stapfte, dachte Ucker an den Sonntag. Sprengladungen, von Saboteuren auf der Fähre angebracht, hatten mitten auf dem See das zunichtegemacht, was Trupps von Arbeitern vorher in den Waggons verstaut hatten. Das waren zehn Tonnen Flüssigkeit aus den letzten Stufen der Elektrolyse- und Hochkonzentrieranlage gewesen. Man hatte sie zuvor in neununddreißig Trommeln gefüllt, große, röhrenartige Metallbehälter und mit der als Verschleierung gedachten falschen Aufschrift Kalilauge versehen. Nicht, dass es ihm leidtat, dass die Explosion die Fähre mitsamt ihrer Ladung in die Tiefe gerissen hatte. Ganz im Gegenteil. Ucker hatte nicht gewollt, dass das schwere Wasser an seinem Bestimmungsort angelangte. Der Stoff war von besonderer Bedeutung für das im Reich laufende Uranprojekt, das letztendlich nur der Herstellung einer atomaren Waffe diente. Das wusste Ucker als Physiker nur zu gut. Aber eine Atombombe in Hitlers Händen? Ihm lief jedes Mal ein Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte. Trotzdem bedauerte er den Tod der vielen Menschen, die am Sonntag beim Untergang der Fähre gestorben waren. Es war einfach eine dunkle, schwere Zeit, sagte er sich in Gedanken. Von ferne drang eine Stimme an sein Ohr, auffordernd, aber nicht unfreundlich. Na, geben Sie mir schon Ihre Hand, Doktor! Ucker starrte dorthin, von wo die Stimme gekommen war, und blickte in das Gesicht eines SS-Soldaten, das ihm nicht unbekannt war. Der junge Mann stand nach vorn gebeugt über ihm und streckte ihm eine Hand entgegen. Ucker ergriff sie, stemmte den linken Fuß auf das Trittbrett und kletterte mithilfe des Soldaten auf die Ladepritsche. Durchrücken!, hörte Ucker nicht weit entfernt das Kommando des Sturmscharführers, der anscheinend die Reihe der Lkws abschritt und seine Befehle gab. Danke! Keuchend stützte sich Ucker auf den Holm des Seitenbretts und suchte sich einen freien Platz. Der SS-Soldat machte eine undefinierbare Geste aus Nicken und Schulterzucken und setzte sich auf die Sitzbank gegenüber. Ucker ließ seinen Blick über die Pritsche schweifen. Die Männer hockten in ihren schwarzen und feldgrauen Uniformen dicht gedrängt wie Hühner auf der Stange. Alle trugen Stahlhelme. Die Maschinenpistolen und Sturmgewehre hatten sie sich zwischen die Knie geklemmt. Ucker presste den Nacken an die Plane, die die Ladefläche überspannte. Sie fühlte sich kalt an und bewegte sich leicht im Wind, der am Nachmittag aufgekommen war. Draußen waren immer noch Stimmen zu hören, Kommandos, die über den Platz hallten. Zwei Köpfe tauchten in der halbrunden Öffnung auf, und Hände klappten das hintere Seitenteil der Ladefläche hoch und verriegelten es. Jemand stieg auf das Trittbrett, entzurrte die Heckplane und ließ sie nach unten fallen. Gleich darauf wurden außen die Ösen der Plane geräuschvoll in die Gummistroppen der Halterungen gepresst. Natürlich hatte das mit Geheimhaltung zu tun, war Ucker klar. Immerhin ging es um eine wertvolle Fracht, die vor den Alliierten und dem norwegischen Widerstand verborgen, bis zu ihrer Verschiffung ins Reich sicher zwischengelagert werden sollte. Tatsächlich war Ucker neben Sturmscharführer Gleisner und dem stellvertretenden Gestapochef Odenberger aus Rjukan der Einzige, der den vollen Umfang der Ladung kannte. Ganz gewiss hätte er ihn lieber nicht gewusst. Erneut fühlte er die kalte Plane an seinem Hinterkopf. Er neigte den Oberkörper leicht nach vorn und hörte das Geräusch der startenden Motoren. Der Wagen ruckte an und holperte über den Schnee. Ucker hörte die Geräusche der beiden Lkws, die hinter ihnen fuhren. Auch ohne etwas zu sehen, wusste er, dass es in Richtung der Landstraße ging. Sie war die einzige Verbindung zwischen Vemork und Rjukan. Auf der Pritsche war es still. Nur ab und an war das Getuschel zwischen Wachen oder das Klappern der Stahlhelme und Gewehre zu hören. Minutenlang saß Ucker da, die Hände im Schoß gefaltet und lauschte auf das Geräusch der Motoren. Es dauerte nicht lange, bis sich zwischen den Wachen vereinzelte Gespräche entwickelten. Auch die Hirden-Leute beteiligten sich in ihrer Sprache. Ucker gab nicht zu erkennen, dass er Norwegisch verstand. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und lauschte dem Geräusch der Plane, die im Fahrtwind knatterte. Er dachte an die heutige Ladung. Der zweite Anlauf nach dem missglückten Versuch vom Sonntag, die Schwerwasserbestände der Norsk Hydro in Sicherheit zu bringen. Diesmal waren es entgegen der beachtlichen Menge vom Wochenende nur zweihundert Liter, dafür aber hoch konzentriert, die sich in sechsundzwanzig handlichen, versiegelten Edelstahlkanistern befanden. Das Gespräch vom Nachmittag mit dem Chefingenieur Dr. Speer kam Ucker in den Sinn. Er hatte ihn zu sich bestellt, um ihm zu erklären, dass er Ucker heute dabeihaben wollte, um die Transport- und Lagerbedingungen der brisanten Fracht zu überwachen. Im nächsten Satz hatte er Ucker anvertraut, dass sie heikler als die vom Sonntag war. Auf einem der hinteren Lkws befand sich ein massiver Bleibehälter, in dem sich fünfeinhalb Kilo angereichertes Uran befanden. Alles war streng geheim. Wegen der Bedeutung der im Reich laufenden Versuche zur Waffenproduktion, wie der Chefingenieur angedeutet hatte. Geheim wie die andere ominöse Kiste, die sich auf einer der Ladeflächen befand. Aber das war eine andere Geschichte. Das Uran jedenfalls hatte man den Franzosen entwendet. Es war auf Umwegen nach Norwegen gelangt, von wo…
Titel
Die Cambridge-Akte
EAN
9783961274635
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Veröffentlichung
28.02.2026
Digitaler Kopierschutz
frei
Dateigrösse
0.5 MB
Auflage
1. Auflage
Lesemotiv