Demenziell erkrankte Migrantinnen und Migranten sind dem Dreifachrisiko Alter, Demenz und Migra-tion ausgesetzt. Auch ihre pflegenden Angehörigen sind überdurchschnitt-lich belastet. Migrationsbedingte Hürden wie z.B. mangelnde Deutschkenntnisse verhindern häufig den Zugang zu den Regelleistungen des deutschen Gesundheitssystems. Damit sind sie häufiger von frühzeitiger Pflegebedürftigkeit, sozialer Isolation und Verar-mung betroffen. Obwohl es zunehmend Beratungsstellen für demenziell erkrankte Menschen gibt, mangelt es an Angeboten für diese spezielle Personengruppe. Insofern muss nach wie vor die Versorgungslage dieser wachsenden Personengruppe als sehr prekär eingestuft werden. Bezeichnend ist ebenso, dass es keine repräsentativen Untersuchungen zu der Anzahl und Versorgungssituation von demenziell erkrankten Menschen mit Migrationshintergrund gibt. Darüber hinaus sind die Ressourcen und Bewältigungsformen der Erkrankten und der Angehörigen wenig erforscht. Hier setzt das Buch neue Impulse bezüglich Prävention, Gesundheitsförderung, Beratung und Vernetzung.


Autorentext
Olivia Dibelius ist Professorin für Pflege an der Evangelischen Fachhochschule Berlin.

Leseprobe
2 Versorgungsstrukturen für Menschen mit Demenz in der Türkei

Türkan Y?lmaz und Deniz Pamuk 1
2.1 Einführung

Die Zahl der älteren Menschen nimmt auch in der Türkei zu. Bei einem Vergleich der demografischen Entwicklung mit europäischen Ländern fällt auf, dass die Türkei zwar noch eine junge Bevölkerung hat, betrachtet man aber die Daten des Statistischen Amtes der Türkei, zeigt sich auch, dass ein rapider Anstieg der Älteren zu verzeichnen ist.

Während 2007 die Einwohnerzahl der Türkei bei 70,5 Millionen lag, stieg sie im Jahre 2013 auf 76,5 Millionen an. 2007 lag die Zahl derer, die 65 Jahre und älter waren, bei 5 Millionen, 2013 lag sie bei 6 Millionen In 6 Jahren nahm die Bevölkerung um 6,5 Millionen zu; 1 Million davon machen allein die Menschen aus, die 65 Jahre und älter sind (TÜIK, 2013) 2 . Der Bevölkerungszuwachs ist demnach nicht auf die Neugeborenen zurückzuführen, sondern auf die Generation 65+.

Die 6 Millionen Menschen, die in der Türkei im Jahre 2013 65 Jahre und älter waren, machten 9% der türkischen Gesamtbevölkerung aus. Da die Bevölkerung insgesamt weiterhin wächst, blieb der "versteckte Alterungsprozess" trotz Anstieg des prozentualen Anteils der alten Menschen an der Gesamtbevölkerung, vorerst unbemerkt. Im Jahre 2050 wird die Gesamtbevölkerung voraussichtlich ca. 86 Millionen Personen betragen. Der Anteil der über 65-Jährigen wird dann aller Wahrscheinlichkeit nach von derzeit ca. 8% auf ca. 19% ansteigen (TÜIK, 2013). Alle diese Prognosen zeigen, dass die Türkei im Jahre 2050 mit unter den Ländern sein wird, die die älteste Bevölkerung der Welt haben (Arun, 2014: 3).

Es gibt nur sehr wenige Informationen über die Verbreitung und Verteilung von demenziell erkrankten Menschen in der Türkei. Statistische Daten sind primär über Menschen mit Behinderung zu finden, über die von der Alzheimer-Krankheit und anderen Formen von Demenz betroffenen Personen existiert keine statistische Datenbasis (Tufan, 2011: 19). Auf Landesebene gibt es keine Studien zu diesem Thema. Informationen beruhen auf Arbeiten, die in einigen Städten durchgeführt worden sind und auf deskriptiven Statistiken basieren (Bulut, Ekici, Polat ve di?erleri, 2002; Arslanta? ve di?erleri, 2009; Harmanc? ve di?erleri, 2003; Keskino?lu ve di?erleri, 2006; Gurvit ve di?erleri, 2008).

Die Notwendigkeit für ein öffentliches Bewusstsein steigt mit jedem Tag, dennoch sind Bemühungen rund um die ständig wachsenden Bedarfe für Menschen mit Demenz bislang nur von bestimmten Einrichtungen und Verbänden zu verzeichnen.

In diesem Kapitel wird vor allem das Erbringen von Pflege und Pflegeleistungen beleuchtet und es werden Projekte dargestellt und wissenschaftliche Untersuchungen analysiert.

Die Begriffe "Alzheimer" und "Demenz" werden in der türkischen Sprache oft synonym gebraucht, obwohl die Alzheimer-Krankheit eine Demenzform ist. In diesem Kapitel wird, sofern nicht explizit differenziert, die synonyme Begriffsverwendung beibehalten.
2.2 Demenz in der Türkei: ein Überblick

In der Pressemitteilung vom 21. September 2014 hat die Psychiatrische Vereinigung der Türkei erklärt, dass die Türkei für die erforderlichen Versorgungsbedürfnisse der schnell wachsenden älteren Bevölkerung nicht gerüstet ist. Laut dieser Erklärung wird im Rahmen einer Diagnose die erste Stufe der "Krankheit im Alter" beurteilt, in der fortgeschrittenen Phase von Auffälligkeiten wird dann von "Demen
Titel
Lebenswelten von Menschen mit Migrationserfahrung und Demenz
Untertitel
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet
EAN
9783456755465
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Herausgeber
Veröffentlichung
19.10.2015
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
1.17 MB
Anzahl Seiten
224
Auflage
1. Auflage 2016
Lesemotiv