Philippe Smolarski ist Historiker, Archäologe und Experte für asiatische Kunst. Er lebte in Russland, China und in Teilen Zentralasiens, und erhielt die Ehrendoktorwürde der Mongolischen Akademie der Wissenschaften. Als Direktor des Europäischen Instituts für Chinastudien in Brüssel organisierte er mehrere große Ausstellungen, etwa zu den Schätzen des Tianjin-Museums. Er wurde 1963 in Straßburg geboren und lebt heute in Brüssel. 'Fayvel der Chinese' ist sein literarisches Debüt.
Fayvel der Chinese, Paul der Pole, Pavel S.: Dieser Ganove kann so ziemlich alles, was die Unterwelt zu bieten hat, falsche Pässe organisieren, Rauschgift schmuggeln, Menschen schleusen. Zumindest konnte er das, als Europa noch nicht verrückt geworden war und die Nazis noch nicht Polen besetzt hatten. Kann er unter diesen Umständen noch seine Familie aus dem Ghetto retten und die beschützen, die er liebt? Die Tagebücher des Bandenchefs und Reisenden Pavel S. fallen nicht ganz zufällig dem Historiker Philippe Smolarski in die Hände. Als er nach Jahren die ungeheure Geschichte darin entdeckt, entsteht ein literarisches Roadmovie sondergleichen: 'Endlich einmal kommen die Türsteher, die Gangster und die Drogenschmuggler, die von den Geschichtsschreibern des Ghettos so oft verunglimpft oder ignoriert wurden, zu Wort.'
Autorentext
Philippe Smolarski ist Historiker, Archäologe und Experte für asiatische Kunst. Er lebte in Russland, China und in Teilen Zentralasiens, und erhielt die Ehrendoktorwürde der Mongolischen Akademie der Wissenschaften. Als Direktor des Europäischen Instituts für Chinastudien in Brüssel organisierte er mehrere große Ausstellungen, etwa zu den Schätzen des Tianjin-Museums. Er wurde 1963 in Straßburg geboren und lebt heute in Brüssel. "Fayvel der Chinese" ist sein literarisches Debüt.
Leseprobe
Heimland
Nach einer langen Reise und ein paar Stationen in Indien, der Türkei und in Bulgarien kommen wir Mitte März 1941 in Berlin an. Von dort aus - wir haben keine Tickets nach Warschau bekommen - beschließen wir, ein Flugzeug nach Danzig zu nehmen. Trotz ihrer beeindruckenden Größe sitzen in der Maschine, einer Junker Ju 90, nur wenige Passagiere. Die Polizei überprüft unsere Pässe, unsere Missionsaufträge und die Einladungen von der deutschen Firma Astra-Werke in Chemnitz, die einen Teil ihrer Werkstätten im Warschauer Ghetto hat. Nichts zu bemängeln. Wir kommen mit typisch deutscher Pünktlichkeit um genau 10.20 Uhr in Danzig an.
Bei unserer Ankunft wartet auf dem Rollfeld ein Auto auf uns, um uns nach Warschau zu bringen. Was für ein Schock ist es, mein Land in diesem Zustand zu sehen! Deutsche Straßensperren, die Polizei allgegenwärtig, die Narben der Besetzung von 1939, die Gebäude in Schutt und Asche, die Häuser ausgeplündert ... Und in Warschau ist es noch schlimmer. Ich sehe, wie meiner Stadt Gewalt angetan wurde. Der Todesengel hat das ganze Land mit einem grauen Mantel bedeckt und herrscht nun über dieses.
Der Boxer bleibt wie immer ungerührt - ein wahrer Golem, wie Moyshe der Narr sagen würde. Und Meiling schmollt, weil selbst Sofia, die Hauptstadt des kleinen Bulgariens, ein Paradies zu sein scheint im Vergleich zu diesem ausgeweideten Warschau. Wir kommen im Hotel Bristol in der Krakowskie Przedmiescie an - Verzeihung, in der Krakauer Straße, wie auf den neuen Straßenschildern in gotischen Buchstaben zu lesen ist, die die Ecken jeder Straße schmücken. Das Hotel ist fast ausschließlich mit Offizieren, Beamten und Volksdeutschen* gefüllt.
Meiling und ich beziehen eine Suite. Der Boxer wohnt in dem angrenzenden Zimmer. Meiling nimmt ein ausgedehntes Bad und setzt sich dann ans Fenster, um eine Zigarette zu rauchen. Ich sehe sie an, sie trägt eine Kombination aus transparenten Stoffen. Diesmal denke ich nicht an ihren Körper und daran, was sie mit ihm alles anstellen kann. In diesem Augenblick denke ich an meine Eltern und an meine Brüder. So als ob sie mir dadurch näher wären. Ich erinnere mich, dass ich nie mehr so intensiv an sie gedacht habe seit dem Tag, an dem ich Polen verlassen habe - vor so langer Zeit ...
Das laute, kehlige Lachen eines Offiziers im Flur bringt mich zurück in die Gegenwart. Heute werden wir mit den Deutschen zu Abend essen. Morgen werden wir so tun, als würden wir über Geschäftsbeziehungen sprechen. Nur keinen Verdacht erwecken. Einen kühlen Kopf bewahren und sich bedeckt halten.
Das Ghetto ist nur ein paar Hundert Meter vom Hotel entfernt, aber es kommt nicht infrage, übereilt dorthin zu gehen. Und doch kribbelt es mir in den Fingern. Meiling sitzt immer noch am Fenster, mit dem Rücken zu mir.
Sie kann mich nicht sehen, aber sie hat immer schon die Gabe gehabt, meine Gefühle wahrzunehmen. Daher sagt sie mit ihrer sanften Stimme: »Wenn du möchtest, geh heute Abend dorthin und such deine Eltern. Ich werde den Deutschen sagen, dass du krank bist und ein wenig mit ihnen spielen. Ich will, dass du sie bald findest. Diese Stadt, deine Stadt, ist weniger wert als Chungking ... Ich möchte nach Rom reisen und nach Paris und nicht meine Zeit hier verschwenden.«
»Wir werden bald dorthin reisen.«
Sie bläst eine Rauchwolke aus, lang wie ein Seufzer. Sie weiß zweifellos, dass ich gerade eine fromme Lüge von mir gegeben habe. Ich würde gerne die Wahrheit sagen. Auch ich möchte am liebsten das Ghetto verlassen, das ich noch nicht einmal betreten habe. Aber die Aufgabe, die auf uns wartet, ist gewaltig. Meine Eltern, meine Brüder wiederfinden ... Ich weiß nicht einmal, wo sie sich befinden. Oder wo sie wohnen. Noch weniger kann ich mir den täglichen Ho