Viktor Henrik Askenasi, der großbürgerliche Held in Sándor Márais ebenso dramatischem wie radikalem Roman, verliebt sich in die Tänzerin Eliz. Ungerührt will er die langjährige Ehe mit Anna lösen. Doch bald nimmt Askenasis Suche nach dem eigenen Glück wahnhafte Züge an - und er ist bereit zu einem schicksalhaften Schritt.

Sándor Márai, 1900 bis 1989, gehörte zu den gefeierten Autoren Europas, bis er 1948 mit seiner Emigration nach Italien und in die USA in Vergessenheit geriet. Mit der Wiederentdeckung des Romans 'Die Glut' wurde er 1998 weltweit gelesen und als einer der bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkannt. Der Niedergang des europäischen Bürgertums zählt zu seinen wichtigsten Motiven.

Vorwort
Der Mensch befreit sich nicht durch Güte, sondern durch Sünde.

Autorentext

Sándor Márai, 1900 bis 1989, gehörte zu den gefeierten Autoren Europas, bis er 1948 mit seiner Emigration nach Italien und in die USA in Vergessenheit geriet. Mit der Wiederentdeckung des Romans "Die Glut" wurde er 1998 weltweit gelesen und als einer der bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkannt. Der Niedergang des europäischen Bürgertums zählt zu seinen wichtigsten Motiven.



Leseprobe

38? C

Der Kaffee wurde unter bunten Sonnenschirmen auf der Terrasse serviert.

Als erster erhob sich der Wortführer und Spaßvogel der deutschen Tischgesellschaft von der gemeinsamen Mittagstafel. Es war der stark schwitzende kahlrasierte Porzellanfabrikant, der zwischen zwei Gängen mit Messer und Gabel auf dem Tisch oder Tellerrand die neuesten Gassenhauer so stimulierend trommeln konnte. »Nimm dich in acht vor blonden Frauen«, sang er in Manier und Tonfall der gerade populären Filmschauspielerin, sooft die Herrin des Hauses, die strohblonde Direktorin des Argentina, den Saal betrat. Die in geschäftlicher Hinsicht versteckt bedeutungsvolle Anspielung rief jedesmal verdiente Heiterkeit hervor.

Der Porzellanfabrikant trug seine Sommertracht, gelbe Hose aus Segeltuch, offenes kragenloses Sporthemd, das seine rotgebrannte, mit grauen Haaren bedeckte gewölbte Brust zeigte, riemenartige, mit bayrischen Stickereien verzierte Hosenträger, gelbe Hornbrille und weiße Kappe, wie eine possenhafte Verkleidung in einer Laienvorstellung. In der Tür zur Terrasse, von wo man das Meer sehen konnte, schauderte er regelrecht zurück. »Schon übertrieben«, sagte er in seinem Telegrammstil, schnarrend, forsch und so laut, daß man es bis in den Speisesaal hörte. Er schüttelte den Kopf und blinzelte in Richtung Meer und Himmel, als würde er unvermutet Zeuge einer Katastrophe.

Er wandte sich dem Thermometer zu, das an den Türpfosten genagelt war, reckte sich kurzsichtig, als könnte sein an irdische Größenordnungen gewöhnter Blick das Ende der kletternden Quecksilbersäule nicht erreichen, und las die Temperatur halblaut, fast respektvoll ab. »Achtunddressig«, sagte er asthmatisch stotternd, rhythmisch. Seiner Stimme war die Vorliebe des Jahrhunderts für Rekorde anzuhören. Mit einem Tritt öffnete er die Glastür des Speisesaals und rief: »Achtunddressig im Schatten.« Und als der unsichtbare Chor nicht einmal auf dieses Alarmsignal reagierte, eher für sich: »Alle Achtung.« Plattfüßig schlurfte er in seinen Tennisschuhen über den Beton der Terrasse, von dem trockene heiße Luft aufstieg, und sackte in den einzigen Liegestuhl, dem die Ölbäume, die sich über die Brüstung neigten, nennenswerten Schatten spendeten.

Einige Minuten lag er allein in seinem Stuhl. Er zog das sorgfältig geglättete zusammengefaltete Blatt einer deutschen Zeitung aus der Hosentasche. Wie es schien, hatte die Hiobsbotschaft jene Gäste, die in diesem Moment noch einigermaßen geborgen hinter raschelnden Fächern und heruntergelassenen Jalousien, neben eisgekühltem Mineralwasser und zu Pfützen versumpften Speiseeisresten ausharrten, zu besonderer Zurückhaltung veranlaßt.

Während sie zu Mittag gegessen hatten, war ein einheimischer Straßenverkäufer vor dem Haus erschienen und hatte seine Handarbeiten Tischdecken, Halstücher und handgewebte bunte Bettüberwürfe auf der Steinmauer der Terrasse ausgebreitet. Unterhalb der Mauer befanden sich zwei in steilen Stufen angelegte Gärten, ein Tennisplatz und ein Gemüsegarten, der bis auf die Höhe des Meeresspiegels abfiel. Von der Terrasse führte eine serpentinenartig gewundene, mit Kies bestreute schmale Treppe zum Strand. Der Verkäufer wanderte die Treppe hinauf und hinab, lautlos, mit schleppenden, vornehmen Bewegungen. Er holte Steine aus dem Garten und beschwerte seine duftige Ware, die von der glutheißen, vom Meer heraufwehenden Brise immer wieder zusammengerollt wurde. In seinen schwarzen Baumwollpantoffeln, den weißen Wollstrümpfen, der ehemals schwarzen abgenutzten Hose aus Englischleder und

Titel
Die Fremde
Untertitel
Roman
EAN
9783492960151
ISBN
978-3-492-96015-1
Format
E-Book (epub)
Herausgeber
Veröffentlichung
27.02.2013
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
1.76 MB
Anzahl Seiten
208
Jahr
2013
Untertitel
Deutsch
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet