Sándor Márai, 1900 bis 1989, gehörte zu den gefeierten Autoren Europas, bis er 1948 mit seiner Emigration nach Italien und in die USA in Vergessenheit geriet. Mit der Wiederentdeckung des Romans 'Die Glut' wurde er 1998 weltweit gelesen und als einer der bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkannt. Der Niedergang des europäischen Bürgertums zählt zu seinen wichtigsten Motiven.
Vorwort
Zwei verlorene Seelen und die Macht des Schicksals
Autorentext
Sándor Márai, 1900 bis 1989, gehörte zu den gefeierten Autoren Europas, bis er 1948 mit seiner Emigration nach Italien und in die USA in Vergessenheit geriet. Mit der Wiederentdeckung des Romans "Die Glut" wurde er 1998 weltweit gelesen und als einer der bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkannt. Der Niedergang des europäischen Bürgertums zählt zu seinen wichtigsten Motiven.
Leseprobe
»Vielleicht ist es wirklich die Nacht«, murmelt er. »Du hast gesagt, Einzige Welle, es gibt eine Nacht, die man sich nicht vorstellen kann, die nur der kennt, der sie erlebt hat. Eine Nacht, wie es sie nur einmal im Leben gibt, in der man spürt, dass schreckliche Mächte sich regen und sich gegen einen verbünden, dass einen sogar die Himmelskörper ins Visier genommen haben, einen selbst und sein Leben. Du hast in dem Haus, in dem dein Vater gestorben ist, in dem deine Vorfahren gelebt haben und gestorben sind, eine solche Nacht erlebt. Ich glaube, es stimmt: Es gibt solche Nächte Nach deiner Nacht kam meine, die heutige, in der du wieder zu mir gekommen bist und ich dich geküsst habe, wie man jemanden küsst, den man gleichzeitig verabschiedet und begrüßt. Du kamst von fern und warst mir immer sehr nah. Wusstest du das?«
»Wovon redest du?«, sagt die Frau mit geschlossenen Augen. »Man ist immer auf dem Weg zu dem anderen, der einen küssen wird.«
»So empfindest du es?«, sagt der Mann lebhafter. »Ist das alles, was du spürst? Als du bei mir eingetreten bist, hätte ich lachen mögen. Ich hatte das Gefühl, die Mächte der Unterwelt erlaubten sich einen dummen Scherz mit uns, mit dir und mit mir. Du musst wissen, dass du schon bei mir gewesen bist.«
»Du träumst«, sagt die Frau. »Ich komme aus dem Norden und war noch nie bei dir.«
»Aus dem Norden oder von weiter her«, sagt der Mann ernst. »Aber wenn ich träume, dann ist es ein Traum, der das Leben und die Wirklichkeit formt. Es gibt solche Träume, und sie haben beängstigende Kraft. Die Urväter träumten solche Träume, nahe bei Gott, in der Mitte der Welt: Träume, durch die die Wirklichkeit auf die Welt gelangte, die Stämme, Städte und die menschlichen Situationen. Ich verstehe nicht, warum gerade ich diesen Traum träume ich, der ich ganz gewiss kein Urvater bin. Ich bin ein Mensch, der ein Schicksal hat und ein Amt und außerdem sehr gewöhnliche Fähigkeiten und Voraussetzungen dafür, dass er lebt und dass auch ihm Träume geschehen. Aber es muss so sein, dass das Leben auch das Wunderbare aus ganz gewöhnlichen Stoffen zusammenrührt besteht doch schon der Körper eines Menschen aus lauter gewöhnlichen Stoffen, nicht wahr? Du und ich sind heute Nacht nur Bestandteile eines Spiels oder einer Schöpfung, deren eigentlichen Sinn wir vielleicht nie verstehen werden. Zwei Bestandteile wundern sich heute Nacht Lass uns, Einzige Welle, ordentlich wundern, dass das Leben gerade uns zu etwas Außerordentlichem ausgewählt hat: Wir wollen also nicht rührselig werden, aber auch nicht über das Wunderbare spotten.«
»Was ist das Wunderbare?«, fragt die Frau ruhig.
»Das Wunderbare?« Der Mann denkt nach. »Dass du aus dem Dunkel und der Welt den Weg gefunden hast und noch einmal zu mir gekommen bist.«
»Ich bin gekommen«, sagt die Frau, »das ist sicher. Leicht war es nicht, denn ich brauchte Reisepass, Visum und Eisenbahn, und all das ist heute eine komplizierte Angelegenheit Aber ich bin nicht aus der Unterwelt gekommen, und es ist ganz und gar nicht sicher, dass ich zu dir kommen wollte. Nein, mein Lieber lieber Fremder oder lieber Freund, das weiß ich noch nicht genau , daran ist nichts Wunderbares. Vielleicht wird es das einmal sein, wenn «
»Jetzt schweig«, sagt der Mann leidenschaftlich. »Jetzt schweig, wenn die Nacht schon gekommen ist. Diese Situation ist so, als würden sich dein Körper und mein Körper gegen unseren Willen ein Stelldichein geben &