Shirin Ebadi, geboren 1947, war eine der ersten Richterinnen im Iran und arbeitete als Vorsitzende des Teheraner Gerichts, bis sie 1979 im Zuge der islamischen Revolution ihres Amtes enthoben wurde. Sie setzt sich seit den 90er-Jahren besonders für die Rechte von Frauen und Kindern ein. 2003 wurde ihr für ihren Kampf um Menschenrechte der Friedensnobelpreis verliehen. Seit 2009 lebt Shirin Ebadi im Exil.
Autorentext
Shirin Ebadi, geboren 1947, war eine der ersten Richterinnen im Iran und arbeitete als Vorsitzende des Teheraner Gerichts, bis sie 1979 im Zuge der islamischen Revolution ihres Amtes enthoben wurde. Sie setzt sich seit den 90er-Jahren besonders für die Rechte von Frauen und Kindern ein. 2003 wurde ihr für ihren Kampf um Menschenrechte der Friedensnobelpreis verliehen. Seit 2009 lebt Shirin Ebadi im Exil.
Leseprobe
KAPITEL 1
Einschüchterung
Die Geschichte des Irans ist die Geschichte meines Lebens. Manchmal frage ich mich, warum ich so stark an meinem Land hänge, warum die Silhouette von Teherans Elburs-Gebirge mir so vertraut und so kostbar für mich ist wie der Umriss des Gesichts meiner Tochter, und warum mein Pflichtgefühl gegenüber meinem Land stärker ist als alles andere. Ich erinnere mich an die 1980er-Jahre, als so viele meiner Freunde und Verwandten das Land verließen, entmutigt von dem Bombenregen, der während des Kriegs mit dem Irak über uns niederging, und den Kontrollstellen der Moralpolizei, die von der neuen islamischen Regierung errichtet wurden. Ich verurteilte zwar niemanden, der gehen wollte, konnte diesen Drang jedoch nicht verstehen. Verließ man die Stadt, in der man seine Kinder zur Welt gebracht hatte? Ließ man die Bäume in dem Garten zurück, den man jedes Jahr bepflanzte, noch bevor sie Granatäpfel und Walnüsse und duftende Äpfel trugen?
Für mich war das undenkbar. Als ich das höchste Gericht des Landes betrat und das Säuberungskomitee mir mitteilte, Frauen könnten nicht länger Richterinnen sein, blieb ich. Ich blieb, als man mich in eben dem Gericht, dem ich vorgesessen hatte, zur Büroangestellten degradierte. Ich verschloss die Ohren, als die Revolutionäre, die die Leitung des Strafjustizsystems übernommen hatten, sich in meiner Anwesenheit darüber ausließen, dass Frauen launenhaft, entscheidungsschwach und ungeeignet seien, Recht zu sprechen, was nun die Arbeit von Männern sein würde. Ich blieb, als die irakischen Kampfflugzeuge Häuser in unserer Straße in Schutt und Asche bombten. Ich blieb, als die neuen Machthaber erklärten, dass der Islam eine hart durchgreifende Rechtsprechung verlange, dass er es erlaube, junge Männer und Frauen auf Hausdächern hinzurichten, sie wegen ihrer politischen Überzeugungen an Kränen aufzuhängen und ihre Leichen in Massengräber zu werfen.
So wie ich den Iran nicht verließ, so wendete ich mich auch nicht vom Islam ab. Wenn wir alle unsere Koffer packten und in Flugzeuge stiegen, was würde dann von unserem Land noch übrig bleiben? Wenn wir uns fügten, still zu Hause blieben und es zuließen, dass sie verkündeten, der Islam erlaube die Ermordung von Schriftstellern und die Hinrichtung von Teenagern, was bliebe dann noch von unserem Glauben?
Auf dem dünnen, transparenten Papier, das wir damals für Luftpost verwendeten, schrieb ich lange Briefe an Freunde, die ausgewandert waren, und berichtete ihnen, dass ich trotz allem mit dem Leben hier zurechtkam. Mitte der 1980er-Jahre hörte ich ganz auf zu arbeiten. Ich entfloh der brutalen politischen Realität, die das neue Regime geschaffen hatte, und zog mich in mich selbst zurück. Trotz der Bomben und der Kontrollstellen der Moralpolizei zogen mein Mann und ich unsere beiden Töchter groß, die mit Zöpfen zur Schule gingen und lesen lernten. Jeden Abend aßen wir zusammen. Javad arbeitete weiterhin als Ingenieur, und ich kümmerte mich um die Mädchen und überlegte, wie ich mich jetzt, wo das Gerichtswesen das Reich von Männern geworden war, neu erfinden könnte.
Nach dem Ende des Kriegs, Anfang der 1990er-Jahre, waren die Mädchen älter und brauchten mich nicht mehr so sehr. Ich versuchte kurz, Familienrecht zu praktizieren, erkannte jedoch schnell, dass die Gerichte der Islamischen Republik völlig anders operierten, als es unter dem Schah der Fall gewesen war. Frauen durften zwar als Anwältinnen tätig sein, doch das System und all seine neuen Verfahren waren so dysfunktional, dass es unmöglich war, einen Fall zügig zu bearbeiten. Mehrmals hatte ich Schwierigkeiten, einfach nur an Gerichtsakten heranzukommen, die ich noch einmal überprüfen wollte. Als der Gerichtsbedienstete erkannte, dass ich ihm kein »Trinkgeld« dafür geben würde, mir eine bestimmte Akte herauszusuchen (korrupte Länder haben eine Vielzahl von Euphemismen für Bestechung), sagte er: »Tut mir leid, die Akte fehl
Inhalt
Prolog Morddrohung
Einschüchterung
Eine Hochzeit
Der Mann, der eine Zentrifuge kaufen wollte
Ein mitternächtlicher Besuch
Im Schatten von Ahmadinedschad
Die Frauen, die den Aufstand wagten
Spione auf der Türschwelle
Ein Fatwa
Belagert
Eine Mutter wird auf die Probe gestellt
Der Abschied
Die gestohlene Wahl
Allein auf der Welt
Verrat
Leben ohne ein Zuhause
Der gefälschte Pass
Enteignung
Der Frühling, der zum Winter führte
Ein Blutbad als Warnung
Der suspekte Nachbar
Epilog
Anmerkung der Autorin
Danksagung