Thekla Chabbi, geboren 1968, studierte Sinologie in Trier und Nanjing. Sie übersetzte u.a. die Romane des chinesischen Schriftstellers Li Er ins Deutsche. Für ihr Lehrwerk 'Liao Liao' erhielt sie den Friedhelm-Denninghaus-Preis. Sie ist Co-Autorin von Martin Walsers Roman 'Ein sterbender Mann' und Herausgeberin des Essaybandes 'Ewig aktuell'. Thekla Chabbi lebt in München.
Autorentext
Thekla Chabbi, geboren 1968, studierte Sinologie in Trier und Nanjing. Sie übersetzte u.a. die Romane des chinesischen Schriftstellers Li Er ins Deutsche. Für ihr Lehrwerk "Liao Liao" erhielt sie den Friedhelm-Denninghaus-Preis. Sie ist Co-Autorin von Martin Walsers Roman "Ein sterbender Mann" und Herausgeberin des Essaybandes "Ewig aktuell". Thekla Chabbi lebt in München.
Leseprobe
Amelie drückte die Tür der Galerie auf. Es bimmelte. Von einer Empore, zu der fünf Stufen hinaufführten, schaute Kugler senior um die Ecke.
»Frau Frank, bitte setzen Sie sich für ein paar Minuten. Ich bin, so schnell ich kann, bei Ihnen.«
»Guten Tag, Herr Kugler. Natürlich. Ich warte.«
»Sie sehen bezaubernd aus!«, rief er noch.
In dem Moment flog eines der Fenster auf. Eine heftige Windböe stob durch den Raum, einige Blätter auf dem tiefen Tisch vor dem Sofa wirbelten durcheinander und glitten zu Boden. In einem Satz sprang Pius Kugler die Stufen hinab. Als hätte auch ihn ein Sturm erfasst, jagte er auf das Fenster zu und schloss es wieder.
»Das hätten Sie mir vermutlich nicht zugetraut, habe ich recht?«, fragte er mit einem Zwinkern. »Also, bis gleich.«
Dieses Mal nahm er die Stufen zu seinem Büro in zwei großen Schritten. Von dort vernahm sie seine Stimme, er musste die Bürotür offen gelassen haben. Amelie hörte, was auch sie bereits von ihm erzählt bekommen hatte:
»Das, was Sie hier in der Galerie sehen, ist im Vergleich zu meinem Lager im Keller nicht mehr als ein Taubenschiss.«
»Ehrlich?«, hörte sie eine ruhige Frauenstimme staunend fragen.
»Natürlich! Was glauben Sie? Das passt hier bei Weitem nicht hinein. Und einladen will man doch auch niemanden.«
Der Senior lachte.
»Das ist imposant«, sagte die Frau. »Und alles Bilder von solchen Malern wie diesen hier?«
»Aber selbstverständlich, meine Liebe. Im Keller habe ich Kandinsky, Corinth, Klimt, Klee, Schmidt-Rottluff, Baselitz, Beuys, um nur ein paar Beispiele zu nennen.«
»Unglaublich!«
»Vielleicht zeige ich Ihnen einmal meine Katakomben.«
»Sehr gerne. Das wäre toll! Woher bekommen Sie diese Werke?«
»Viele aus Holland. Aber auch aus anderen Gegenden. Uns kennt man in der Branche. Da wird mir manches angeboten, häufig, wenn ein Sammler in Geldnot gerät. Den größten Teil hat jedoch mein Vater zusammengetragen. Der ist heute vierundneunzig. Und immer noch rüstig.«
»Beeindruckend.«
»Ja, das ist es. Meine Mutter ist schon mit siebenundsechzig gestorben. Aber mit einundsiebzig hat mein Vater wieder geheiratet, die Marina ...«
Das Telefon klingelte.
»Entschuldigen Sie. Aber bitte, bleiben Sie ruhig sitzen«, sagte er.
»Kugler. - Willi, mein Lieber! Wie geht es dir? - Ja, auch ganz fabelhaft! Wie immer! - Die Idee ist spitze, könnte von mir sein. Lass mich im Kalender nachsehen. Die Woche vor Ostern passt. Palmsonntag hin und Ostermontag zurück. - Das wär's, wenn wir dort wieder unterkommen. Und mit demselben Personal! Ich verlasse mich wie immer voll und ganz auf dich. - Ein paar Mädels, die kommen mit. - Selbstredend. - Ja, unbedingt! - Fraglos!«
Jetzt lachte Kugler aus voller Kehle.
»Ein absolutes Muss! Mach die Länge von der Anzahl der Mädels abhängig. Die müssen sich auf und unter Deck ausbreiten können. - Großartig. - Die schicke ich dann Ostern zu ihrer Schwester. Mach dir keine Gedanken. Das schaukeln wir schon.«
Wieder Gelächter.
»Willi, ich mache Schluss, ich habe hier Leute sitzen. Sag Alex und Mike, dass ich dabei bin. Ahoi!«
Amelie hörte ihn lachend auflegen und sich sogleich wieder an die Frau in seinem Büro wenden:
»Also, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Sie sehen toll aus, aber für die Arbeit hier sind Sie zu alt.«
»Wenn Sie meinen«, antwortete die Frau enttäuscht. »Aber nur damit Sie Bescheid wissen: Ich suche einen zusätzlichen Job neben meiner Tätigkeit als Literaturübersetzerin. Ich könnte Sie organisatorisch unterstützen - ohne Kundenkontakt«, hörte Amelie die Stimme sagen.
Wieder klingelte das Telefon.
»Kugler. - Frau Biedenstock! Wie geht es Ihnen? - Wunderbar, das freut mich. - Kein Problem. - Ach, Frau Biedenstock, nicht der Rede wert, bei Ihnen doch nicht. Hundertfünfzigtausend. - Ich bitte Sie, wo kämen wir da