Vera Zwerger Bonell ist Lehrerin und Psychologin: sie war als Mittel- und Oberschullehrerin tätig, arbeitete als Schulentwicklungsberaterin in der Begleitung von Projekt- und Leitungsteams, sowie in der Lehrer*innenfortbildung, auch als Therapeutin und Coach in der Arbeit mit Einzelpersonen. Hat im beruflichen Rahmen als Herausgeberin und Mitautorin von Fachliteratur aus dem Bereich der Schulentwicklung publiziert, der vorliegende Band ist ihr literarisches Erstlingswerk. Sie lebt mit ihrer Familie in Südtirol und widmet sich seit ihrer Pensionierung verstärkt den eigenen kreativen Seiten: Dem Schreiben und Modellieren.
Autorentext
Vera Zwerger Bonell ist Lehrerin und Psychologin: sie war als Mittel- und Oberschullehrerin tätig, arbeitete als Schulentwicklungsberaterin in der Begleitung von Projekt- und Leitungsteams, sowie in der Lehrer*innenfortbildung, auch als Therapeutin und Coach in der Arbeit mit Einzelpersonen. Hat im beruflichen Rahmen als Herausgeberin und Mitautorin von Fachliteratur aus dem Bereich der Schulentwicklung publiziert, der vorliegende Band ist ihr literarisches Erstlingswerk. Sie lebt mit ihrer Familie in Südtirol und widmet sich seit ihrer Pensionierung verstärkt den eigenen kreativen Seiten: Dem Schreiben und Modellieren.
Leseprobe
Theres oder Der Steffel
Sie saß auf der obersten Stufe der steinernen Treppe, kleine Kieselsteine auf der flachen Hand. Mit der anderen pickte sie wie ein Vogel einzelne Steine heraus und warf sie die Treppenstufen hinunter. Die meisten sprangen über die wenigen Stufen und blieben im Kies des Hofes liegen, nicht mehr unterscheidbar von denen, die schon dort lagen. Sie drehte nicht einmal den Kopf, als Agnes, ihre Schwester, hinter sie trat und eine Weile schweigend stehenblieb. Ohne sich umzuwenden, sagte sie, Wut in der Stimme:
»Da ist sie wieder mit ihrer braunen Tasche, und Mutter ist so müde und krank und jetzt bringt sie noch so ein schreiendes Bündel, wie im letzten Jahr und vor zwei Jahren! Wenn sie das nächste Mal kommt, schmeiß ich sie samt ihrer Tasche die Stiegen hinunter!«
Unbeweglich saß sie da, ihr magerer Körper drückte Spannung und Abwehr aus, sie blickte starr geradeaus. Die Schwester legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter: »Aber was! Die alte Stina mit ihrer Tasche bringt nicht das Kind, sondern Medizin, sie hilft der Mutter, das Kind auf die Welt zu bringen!«
Und aufmunternd, nach kleiner Pause: »Komm! Du musst mir helfen noch einen Topf Wasser auf den Herd zu stellen, die Stina braucht viel heißes Wasser.«
Wenn sie alle um den Tisch saßen, waren sie zehn ohne die Gesellen, die hatte der Vater nicht mehr, seit die älteren Buben groß genug waren, in der Mühle zu helfen. Die dampfende Schüssel mit Kraut und Knödeln stand in der Mitte des Tisches, der Vater nahm zuerst, dann die Söhne ihrem Alter nach, dann die Mutter und dann die Mädchen.
»Du hast wieder einmal nicht zugehört, du sollst noch einen Krug Wasser holen, hat die Mutter gesagt«, sagte Agnes und gab ihr einen aufmunternden Klaps auf die Schulter.
»Ja ja, unser Steffel stinkt nach Adel, die ist zur Arbeit nicht zu gebrauchen!«
Heute muss der Vater wohl ein gutes Geschäft gemacht haben, sonst hätte sie sicher die Rute zu spüren bekommen, dachte sie, während sie aufsprang und mit dem blauen Steingutkrug ans Fenster ging. Nun war sie groß genug, um mit Leichtigkeit den Krug in das vorbeischießende Wasser des Mühlbachs zu halten, sie wusste auch, wie sie den Krug neigen musste, damit das Wasser nicht wieder herausschoss. Als sie mit dem Krug zu ihrem Platz am Tisch zurückkam, saßen schon alle schweigend über ihre Teller gebeugt. Sie begann zögerlich den Knödel auf ihrem Teller zu zerteilen, führte einen Bissen zum Mund. Sie hoffte, dass es auch heute so wäre wie an vielen anderen Tagen. Die anderen würden ihr Mal rasch beendet haben.
Es war ihre Aufgabe und die ihrer Schwester, den Tisch abzuräumen und den Abwasch zu machen, so fiel es kaum auf, dass ihre Schwester den Teller für sie leer aß, denn: "Weggeworfen wird nichts in diesem Haus!", bestimmte der Vater. Seit sie denken konnte, verspürte sie Widerwillen gegen das eintönige und derbe Essen. Sie fühlte den besorgten Blick der Mutter, aber die sagte nichts, sie war mit den beiden Jüngsten beschäftigt, die wie Vogeljunge ihre kleinen Schnäbel aufhielten und vergnügt zwischen dem einen und anderen Löffel Milchbrei quietschten.
Als der richtige Doktor, nicht der fürs Vieh, vor wenigen Monaten vom Vater gerufen worden war, weil einer der Brüder mit einem schweren Getreidesack auf dem Rücken von der Leiter, die auf den Getreidespeicher führt, gestürzt war, hatte der Doktor ihm einen Verband angelegt und dem Bruder für gute zwei Wochen das Arbeiten verboten. Das hatte der Vater gar nicht gern gehört. Danach saß der Doktor noch eine Weile bei der Mutter in der Küche. Als sie ihm im Auftrag der Mutter einen Schnaps servierte, meinte der Doktor lächelnd: »Wo habt ihr denn dieses schöne Kind her?« »Ja«, meinte die Mutter, »unser Steffel schlägt ganz aus der Art. Sie spricht nicht viel, sie isst fast nichts, für die Arbeit hat sie zwei linke Hände, aber in der Schule hat sie bis heu