In vielen Politikfeldern ist der Reformstau ein bekanntes Makro-Phänomen; insbesondere das Gesundheitswesen ist Gegenstand anhaltender Reformdebatten. Am Beispiel eines politischen Realexperimentes zur Qualitätssicherung in der ambulanten Psychotherapie - als Mikro-Phänomen - analysiert Andreas Nagel den Versuch der Ablösung eines seit Jahrzehnten bestehenden Steuerungsinstrumentes, des so genannten Gutachterverfahrens. Mittels des kontingenzbasierten Multiple-Streams-Ansatzes (MSA) beschreibt er detailliert die Akteurkonstellationen und Entscheidungsprozesse, die in Deutschland zu einem "Ruck" im Bereich der Psychotherapie geführt haben. Die Anwendung des MSA auf der Steuerungsebene des Selbstverwaltungskorporatismus stellt ein Novum dar. Der Autor zeigt, dass das "politische Zeitfenster" und der "politische Entrepreneur" von zentraler Bedeutung sind und bestätigt die in der Literatur genannten Voraussetzungen für umfassende Reformen.
Zur Einführung eines neuen Steuerungsinstruments im Politikfeld
Vorwort
Zur Einführung eines neuen Steuerungsinstruments im Politikfeld Psychotherapie
Autorentext
Dr. Andreas Nagel, Soziologe und Politologe, promovierte an der Universität Mannheim. Er arbeitet heute im Bereich Konzeption, Entwicklung, Management und Evaluation von Projekten im Gesundheitswesen.
Zusammenfassung
In Deutschland ist der Reformstau ein über alle Politikbereiche verbreitetes P- nomen, insbesondere ist das Gesundheitswesen Dauerobjekt von Reformdebatten und Reformgesetzgebungen. Die Untersuchung widmet sich zunächst dem The- 1 ma Reformstau als Makrophänomen und geht dann zu den Besonderheiten im Gesundheitswesen über, in der Finanzierungs- und Qualitätsprobleme im Mitt- punkt vieler Diskurse stehen. Im Feld der ambulanten Psychotherapie ist das sogenannte TK-Modell wegen seines Reformpotenzials ein Phänomen und Knotenpunkt hitziger gesundheits- und berufspolitischer Kontroversen um die Einführung neuer Steuerungsinstrumente. Mit den Debatten und der Umsetzung des Modellvorhabens Qualitätsmo- toring in der ambulanten Psychotherapie der Techniker Krankenkasse (kurz: TK-Modell) ist ein Ruck durch Deutschlands Psychotherapieszene gegangen. Ausgangspunkt ist ein groß angelegtes Realexperiment, ein anspruchsvolles Qualitätssicherungsverfahren in der ambulanten Psychotherapie, das in drei - gionen Deutschlands erprobt wird. Nach mehrjährigen Debatten und zähen V- handlungen mussten sich die zahlreichen Gegner des Modellversuches Ende 2004 geschlagen geben. Der Diskussions- und Verhandlungsmarathon hatte über längere Zeit die Gemüter der politischen Fachvertreter und Beobachter erregt: In diesen zwei Jahren erweckte das TK-Modellprojekt wie kaum ein anderes V- haben im Bereich Psychotherapie das Interesse von Vertretern psychotherapeu- scher Verbände und Fachausschussmitgliedern, Praktikern und Wissenschaftlern. Keiner blieb unbeteiligt, die Wogen gingen teilweise recht hoch. Das Spektrum der Ansichten und Einstellungen zu dem Modellvorhaben reichte von gutgläubiger, - kritischer Zustimmung bis zur strikten Ablehnung (Simon 2005).
Inhalt
Forschungsrahmen.- Die Methode der Fallstudie.- Aspekte des Politikfeldes Gesundheitswesen.- Multiple-Streams-Ansatz zur Erklärung von politischem Wandel.- Fallstudie Teil 1 Agendasetting, Konzeption und Verhandlung (20012004).- Fallstudie Teil 2 Implementation (ab Ende 2004).- Fallstudie Teil 3 Evaluation (ab 2005).- Fazit zur Umsetzung politischer Realexperimente.