Schleswig 1872. Zum Ärger ihrer Mutter lehnt Emma eine sehr gute Partie ab. Anstatt einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt, besteigt sie voller Erwartungen den Dampfsegler »Borussia«, um nach Kalifornien auszuwandern. Emma arbeitet als Gesellschafterin bei einer reichen Witwe in San Francisco und verliebt sich schon bald in den sympathischen Holzhändler Lars. Sie wollen heiraten und eine Familie gründen. Emma zieht zu ihm in den Norden an die Humboldt Bucht. Doch die Ehe bleibt kinderlos, Lars ist geschäftlich viel unterwegs und Emma fühlt sich einsam. Als Hans, Lars' bester Freund und Trauzeuge, ihr eine Stelle im Kontor seiner Schiffswerft anbietet, entwickelt sich eine starke Zuneigung zwischen beiden - doch ihre Liebe darf nicht sein.
Herzerfrischend, packend und mit feinem Humor erzählt Anne Müller von einer starken jungen Frau, die den Zwängen ihrer Zeit trotzt und ihren eigenen Weg sucht, findet und geht.
Anne Müller wuchs in Schleswig-Holstein auf und lebt heute in Berlin. Nach dem Studium der Theater- und Literaturwissenschaften arbeitete sie zunächst als Radiojournalistin, dann als Drehbuchautorin. Ihre beiden Romane »Sommer in Super 8« und »Zwei Wochen im Juni« begeisterten zahlreiche Leserinnen und Leser. Inspiriert durch die Lebensgeschichte einer Vorfahrin schrieb sie ihren neuesten Roman »Das Lied des Himmels und der Meere«.
Autorin ist sehr gut vernetzt, zahlreiche Lesungen in Planung
Autorentext
Anne Müller wuchs in Schleswig-Holstein auf und lebt heute in Berlin. Nach dem Studium der Theater- und Literaturwissenschaften arbeitete sie zunächst als Radiojournalistin, dann schrieb sie Komödiendrehbücher fürs Fernsehen. Ihre Romane »Sommer in Super 8«, »Zwei Wochen im Juni« und »Das Lied des Himmels und der Meere« begeisterten zahlreiche Leserinnen und Leser. In ihrem neuen Roman »Wer braucht schon Wunder« lässt sie die 80er Jahre wieder auferstehen und erzählt vom letzten Sommer, bevor man das Elternhaus verlässt und ins Leben aufbricht.
Leseprobe
1.
Das Buggefühl
Der Wind konnte so zärtlich sein. Emma spürte, wie ihr der feuchtmilde Westwind über die Wangen und den Nacken strich, ihr in die Haare fuhr. Binnen Minuten hatte sich »der Windbeutel«, so nannte sie den eigens fürs pustige Deck gebundenen Dutt, aufgelöst, sobald sie an der Reling der Borussia stand. Und sie stand oft hier, bewunderte die Segel, roch je nach Windrichtung den Rauch und blickte zurück oder nach vorn, was seit ein paar Tagen egal war, der Ausblick war immer gleich. Wasser, Wasser. Und nochmals Wasser. Der Atlantik, der zwischen Europa und der Neuen Welt lag. Und kein geringeres Ziel hatte Emma Johanna Callsen. Insofern war es doch ein Unterschied, ob sie über den Bug hinweg in Fahrtrichtung des Schiffes aufs Meer sah, denn dort würde in wenigen Tagen die Küste von Panama erscheinen und sie an Land gehen, sie würde mit dem Zug weiterreisen, den Atlantik gegen den Pazifik tauschen und mit einem anderen Dampfschiff nach Kalifornien fahren. Der Bug war die Zukunft, das Heck die Vergangenheit und an Deck zu stehen und aufs Meer zu sehen, pure Gegenwart.
Wenn Emma über das Heck zurückschaute, dann sah sie wieder ihre Familie in Hamburg am Kai stehen, als unter lautem und langem Tuten des Nebelhorns und dem Kommando »Leinen los!« die Schiffstaue an Land von den dicken Eisenpollern gelöst wurden und das große Schiff langsam ablegte. Emma sah wieder genau vor sich, wie ihr kleiner Vater den schwarzen Hut lüftete und ihn schwenkte, seiner Tochter zu Ehren, und wie ihm seine grauen Haare dabei zu Berge standen. Daneben winkte die Mutter mit ihrem Taschentuch und war, so dachte Emma in dem Moment, vielleicht insgeheim ganz froh, die mittlere Tochter auf diese Weise elegant loszuwerden. Und da standen inmitten eines Meeres weißer, flatternder Taschentücher, Erika und Bertha, in ihren guten Kleidern, alle hatten sich herausgeputzt für die Fahrt nach Hamburg. Erika wahrte die Fassung, wie es sich für eine große Schwester gehörte, und Bertha winkte und weinte zugleich.
Zuvor, am Kai beim Verabschieden, war viel um sie herum geschluchzt worden, es gab regelrechte Dramen. Man wusste nicht, ob man sich jemals wiedersehen würde. Und während Emma und ihre Familie letzte gute Wünsche miteinander austauschten und sich dabei zu wiederholen begannen, wurde das große Gepäck ins Unterdeck verladen, Truhen, Schrankkoffer, sogar eine Klavierkiste war dabei. Vier laut fluchende Hafenarbeiter bugsierten sie gemeinsam an Seilen in die Ladeluke, es fielen unschöne Bemerkungen über das Musizieren an sich und wozu der Mensch, verdammig noch mal, ein Klavier braucht da unten bei den Hottentotten. »Guckt mal, da muss ein Klavier mit auswandern!«, sagte Emma, und ihr Vater antwortete: »Ich denke mir, dass es darüber sehr verstimmt sein wird.« Was hatten sie alle gelacht. Sogar die Mutter. Und dieses Lachen hatte um sie als Familie ein letztes Mal ein Band geschlungen.
Wenn Emma an Deck stand und zurückblickte, Richtung Deutschland, dann kamen unweigerlich die Gedanken an das, was sie ausgeschlagen hatte, kam das Bild vom hageren Hinrichsen. Emma musste an seinen Händedruck denken, als sie Hinrichsen das erste Mal begrüßt hatte. Krötenhaut. Da wusste sie noch nicht, dass diese Hand um ihre Mädchenhand, die Chopinläufe aus dem Effeff beherrschte, anhalten würde, um die zwanzigjährige Tochter des Professors an der ehrwürdigen Domschule, Herrmann Callsen. Die erste Tochter war in sehr guter Partie verheiratet mit dem Besitzer der Zuckerfabrik, und nun war Emma an der Reihe. Bertha mit ihren siebzehn Jahren hatte noch eine kleine Schonfrist. Be