Es wird die Rede sein von Hotels und Küchentischen, von Krankenhäusern und Schlachtfeldern. Die Liebe ist allgegenwärtig. Und doch erkennt sie nicht jeder, denn manchmal macht sie sich unsichtbar und wird ganz still, manchmal erlischt sie von heute auf morgen, oder sie nimmt von allen unbemerkt eine neue Gestalt an. Wie die Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern. Oder die Zuneigung zu geliebten Gegenständen, die Liebe zu alten Freunden. Sie lässt sich nicht erklären, wohl aber kartografieren - und so widmet sich Annette Pehnt der Liebe in all ihren Formen, schreibt von Schmerz und Glück, Ungewissheit, Lust, Auf- und Hingabe, Verzweiflung und Ritual.

Annette Pehnt, geboren 1967 in Köln, lebt sie als Dozentin und freie Autorin mit ihrer Familie in Freiburg. 2001 veröffentlichte sie ihren ersten Roman 'Ich muß los', für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. 2002 erhielt sie in Klagenfurt den Preis der Jury, 2008 den Thaddäus-Troll-Preis sowie 2009 den Italo Svevo-Preis. 2011 erschien ihr Roman 'Chronik der Nähe', im selben Jahr erhielt sie den Solothurner Literaturpreis sowie den Hermann Hesse Preis. 2013 erschien der Prosaband 'Lexikon der Angst'. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman 'Briefe an Charley'.

Vorwort
Die Liebe hat genau 172 Seiten

Autorentext

Annette Pehnt, geboren 1967 in Köln, lebt sie als Dozentin und freie Autorin mit ihrer Familie in Freiburg. 2001 veröffentlichte sie ihren ersten Roman "Ich muß los", für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. 2002 erhielt sie in Klagenfurt den Preis der Jury, 2008 den Thaddäus-Troll-Preis sowie 2009 den Italo Svevo-Preis. 2011 erschien ihr Roman "Chronik der Nähe", im selben Jahr erhielt sie den Solothurner Literaturpreis sowie den Hermann Hesse Preis. 2013 erschien der Prosaband "Lexikon der Angst". Zuletzt veröffentlichte sie den Roman "Briefe an Charley".



Leseprobe
B

Balkon Nachmittags im Hotel, so ist es ausgemacht. Sie kommen aus verschiedenen Richtungen, in hellen Sommermänteln und mit staubigen Schuhen, er mit einem hohen Ton im Ohr, sie mit einem Ziehen im Rücken, beide noch eingesponnen in ein Netz aus Ausreden und erfundenen Terminen. Schon während sie sich im Foyer umarmen, streifen sie die Anstrengungen ab, die sie dieser freie Nachmittag gekostet hat, es ist gleichgültig, wen sie belogen haben und wie lang die Fahrt war, später ist Zeit für Erschöpfung und Magenschmerzen. Die Umarmung genügt, um sie wieder zum Paar zu machen, und dass es sie nicht geben darf, ist ein Grund zum Feiern, denn es gibt sie ja. Hier stehen sie, hineingelehnt in einen Duft aus Zahnpasta und Limettenspray, rasch noch im Zug frisch geputzt und durchgekämmt, in der schwankenden Toilettenkabine sich die Achseln mit Papiertüchern abgetupft und die Zähne gebleckt, die Nasenlöcher und die Fingernägel geprüft, es gehört dazu, sich vorher nach Kräften herzurichten für diese wenigen Stunden, die sie nicht mit Duschen verbringen und nicht mit Reden, sondern im Bett, dem immer gleichen Bett mit der festen Matratze und einem Blick über fremde Dächer.

Auf einem der Balkone könnte jemand stehen und sie beobachten, sie schließen nie die Vorhänge und lassen immer den Fernseher laufen, so war es beim ersten Mal, und so soll es bleiben. Sie müssen zwar lügen, um sich zu sehen, aber ansonsten haben sie nichts zu verstecken, sie umarmen sich glühend in der hellen Luft, und wer ihnen dabei zuschauen will, ist eingeladen, sich an ihnen zu verbrennen. Sie decken sich nicht zu und verbergen nichts. Sie sind nicht mehr jung, etwas angeschlagen, von den Kleidern zwar elegant zusammengehalten, doch darunter die Bäuche überreif, ihre Brüste ausgehangen, seine Oberschenkel breit gesessen. Deswegen ziehen sie sich immer erst kurz vorher aus, wenn sie es kaum noch erwarten können und die Blicke so gierig sind wie die Hände und für Scham keine Zeit bleibt.

Danach liegen sie beieinander, der Nachmittag draußen noch immer in vollem Gange, man hört Verkehr und das Klirren einer Straßenbahn weit unten auf der Straße. Da unten sind die anderen, zu denen sie bald wieder stoßen werden, die, die keine Ahnung haben, mit ihren regelmäßigen Lieben und ihren offen geführten Tagen. Sie dagegen sind Verbündete, nicht nur im Bett, sie lachen leise, die Heimlichkeit tut ihnen gut, alle sollten so leben.

Beim Anziehen glühen die Körper noch nach, sie wenden sich ab, streifen die Kleider über, Socken allein im Bad anziehen, diese Regeln halten sie immer ein. Dann erst kommen Gespräche auf, sie sind umstellt von ihren Familien, und es gibt weniges, worüber sie sprechen können, Bücher vielleicht, die Arbeit, Reisen, und doch hören sie sich gern zu, mehr den Stimmen als den Worten.

Darf ich dich etwas fragen, sagt er einmal.

Sie schüttelt den Kopf. Lächelnd blickt er auf ihre verschränkten Hände.

Schade.

Als es dann herauskommt, sind sie nicht überrascht. Sie sitzen mit gesenkten Köpfen in ihren Zügen, wie bestrafte Kinder, fest verzurrt in ihren Kleidern, um sich ein letztes Mal zu treffen. Endlos erschöpft halten sie sich die Tür auf, ziehen die Schuhe aus und liegen still in den Laken.

Jetzt darfst du mich fragen, sagt sie.

Er stützt sich auf die Ellbogen und starrt aus dem Fenster. Im Wohnblock gegenüber sieht er einen Mann an der Balkonbrüstung lehnen. Er raucht und schaut, unverwandt, direkt zu ihnen herüber.

Und, fragt sie nach, den Tränen nahe.

Er schließt die Augen und lässt sich zurückfallen.

Ich weiß nicht, murmelt er, ich habe es vergessen.

Band Als Kind fällt es ihr leicht, Gott zu lieben. Alle tun es, jedenfalls dann, wenn es darauf ankommt. Sonntags steht sie neben den Eltern und faltet die Hände zu einem fest geflochtenen Knoten.

Titel
Lexikon der Liebe
EAN
9783492977685
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Herausgeber
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
1.49 MB
Anzahl Seiten
192
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet