Wer Krimis lesen kann, kann auch einen Mord planen. Niemand traut der unscheinbaren Hilde einen Mord zu. Ihr gewalttätiger Mann Bernd duldet keinen Widerspruch, weshalb Hildes Leben aus Angst, Schmerz und Routine besteht. Der heimliche Beitritt zu einem Buchclub verändert alles. Zwischen Cocktails und Buchseiten findet sie ihr verloren geglaubtes Selbstbewusstsein wieder. Als Bernd die gemeinsame Tochter bedroht, plant Hilde, inspiriert von zahllosen Krimis, einen Mord. Aber alles geht schief und schon bald müssen die Mitglieder des Buchclubs eine Leiche loswerden. Der aufstrebende Dorfpolizist Tobias ahnt, dass mehr hinter Bernds Verschwinden steckt. Er scheint jedoch der einzige im Dorf zu sein, der sich für das Schicksal des Vermissten interessiert. Ein schwarzhumoriger Krimi über Bücher, unerwartete Freundschaft, die Kunst des Schweigens und darüber, dass manche Wahrheiten besser nie ans Licht kommen.
Leseprobe
Leni schlug das Buch zu. Sie schaltete die Taschenlampe aus. Einen Moment lang blieb sie noch unter der Bettdecke sitzen und genoss den Augenblick. Sie hatte ihr erstes Buch zu Ende gelesen. Ein ganzes Buch. Ein richtiges Buch. Nicht mit Bildern, sondern ein Buch nur mit Worten, mit vielen Worten. Sie hielt eine zauberhafte Geschichte in ihren kleinen Händen, gebunden in einem Umschlag aus dicker Pappe. Nachdem ihr das Lesen zu Beginn recht schwergefallen war, hatte es nun endlich Klick gemacht. Sie konnte jetzt Stunden damit verbringen, still dazusitzen und zu lesen. Die ganze Zeit war sie auf Erna richtig neidisch gewesen, weil diese schon ein halbes Jahr früher flüssig hatte lesen können. Aber all das war nun egal, denn Leni konnte lesen, richtige Bücher lesen. Sie war hin und her gerissen, ob sie ihrem Vater sofort von dem Erfolg erzählen sollte. Aber dann würde er wissen, dass sie nach der Zubettgehzeit noch aufgeblieben war und heimlich unter der Bettdecke gelesen hatte. Sie nahm sich vor, nichts zu sagen. Gleichzeitig hatte sie eine leise Vorahnung davon, wie sie es beim Frühstück einfach nicht aushalten und ihm trotzdem alles erzählen würde. Jetzt galt es aber, schnell einzuschlafen, was Leni dann auch mit einem Lächeln im Gesicht tat. Es kam, wie es kommen musste und Leni berichtete ihrem Vater mit stolz geschwellter Brust, dass sie das ganze Buch gelesen hatte. Sie platzte damit heraus, noch bevor er die Milch über ihr Müsli gießen konnte. Du wirst es nicht glauben, was am Ende passiert ist. Leni gab begeistert den Ausgang der Geschichte wieder. Ihr Vater, der sich mit der Milchtüte in der Hand neben sie gesetzt und ihrer Erzählung gelauscht hatte, drückte seine Tochter an sich. Ich bin unheimlich stolz auf dich, meine Kleine. Jetzt bist du fast schon erwachsen. Du kannst lesen. Er küsste sie auf die Stirn und schüttete endlich die Milch über das Müsli. Dann kannst du ja ab jetzt deine Gute-Nacht-Geschichten ganz alleine lesen und brauchst mich nicht mehr. Leni hielt mitten in der Bewegung inne und schaute von ihrem Müsli auf zu ihrem Vater, der einen vollkommen ernsten Gesichtsausdruck zur Schau trug. Aber heißt das jetzt, dass du mir nie wieder etwas vorlesen wirst? Leni schluckte. Sie biss sich auf die Unterlippe. Wo du doch jetzt selber lesen kannst ... Ich habe einen Vorschlag, unterbrach ihn Leni, wir können uns abwechseln. Weißt du, Vorlesen ist auch schön. Jetzt gab Lenis Vater seine ernste Miene auf. Er nickte und strich seiner Tochter über die Haare. Selbstverständlich. Das ist eine sehr gute Idee. Wir wechseln uns ab. Später in der Schule überbrachte Leni ihren beiden besten Freundinnen die Neuigkeit. Na endlich. Gabi stemmte die Fäuste in die Hüften. Das war aber auch Zeit. Erna umarmte Leni und schenkte ihr ein freundliches, breites Lächeln, das auf dem Kindergesicht irgendwie fehl am Platz wirkte. Erna konnte lächeln wie eine alte weise Frau. Glückwunsch, sagte Erna. Willkommen im Club. Genau das ist es. Gabi warf die Hände in die Höhe. Genau was? Leni und Erna schauten ihre Freundin verwundert an. Na ein Club, wir gründen einen Club, einen Leseclub oder wie das heißt. Nur wir drei. Mit allen unseren Büchern. Und dann lesen wir zusammen. Das habe ich mal im Fernsehen gesehen. Das gibt es wirklich. Einen Buchclub meinst du? Erna kannte natürlich die korrekte Bezeichnung. Genau. Einen Buchclub. Leni und Erna fanden die Idee großartig. Ich habe aber nur drei Bücher, sagt Erna nachdenklich. Mama hat einen Büchereiausweis. Damit haben wir Zugang zu allen Geschichten dieser Erde. Gabi schob sich kokett eine Haarsträhne aus der Stirn. Jetzt wird unser Leben richtig spannend. Die siebenjährige Gabi war schon immer sehr pragmatisch und ebenso träumerisch gewesen. Und zielstrebig. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab es kein Zurück mehr. An diesem legendären Tag der Gründung des Buchclubs von Grimmelbach konnte sich keine der drei vorstellen, ein Leben ohne Bücher zu führen. Sie glaubten fest daran, dass sie für immer ihren Buchclub führen würden. Sie wussten nicht, wie unwahrscheinlich es war, dass der Club auch noch in 45 Jahren bestand. Klothilde Berwanger band sich sorgfältig die Schuhe. Komm endlich, wir sind spät dran! Ihr Vater hatte bereits die Haustür geöffnet. Sie beeilte sich, die Hausschuhe ordentlich ins Regal zu stellen und huschte durch die Haustür nach draußen. Das Auto war aufgesperrt und die hintere Tür stand offen. Wortlos stieg sie ein. Als der Wagen startete, legte sie ihren Sicherheitsgurt an. Während der gesamten Fahrt presste sie ihre Nase an die Autoscheibe und zählte die Kinder, die auf dem Bürgersteig in kleinen Gruppen zur Schule gingen. Ach, könnte ich doch mit ihnen gehen. Klothilde wünschte sich nichts sehnlicher als Freunde. Oder für den Anfang eine einzige Freundin. Das wäre schon ausreichend. Und sie wünschte sich, dass man sie nicht Klothilde nannte, sondern einfach Hilde. Das war weniger peinlich. Sie verstand jetzt, wo sie schon fast acht Jahre alt war, warum ihre Mutter sie nicht alleine zur Schule gehen lassen wollte. Sie war sich aber nicht ganz im Klaren darüber, welche Krankheit ihre Mutter hatte. Immerhin wusste sie nun, dass Mama diese Krankheit durch den Tod ihres Bruders bekommen hatte. Seitdem hatte Mama nicht mehr gelächelt. Sie war überängstlich geworden und der Gedanke daran, ihrer kleinen Klothilde könne auf dem Schulweg von einem Auto überfahren werden, so wie es ihrem Bruder passiert war, quälte Hildes Mutter täglich. Auch Hildes Vater war sehr still geworden in den letzten Jahren. Hilde fragte sich, ob ihre Eltern sich noch lieb hatten oder ob diese Liebe auch durch den Tod ihres Bruders verletzt worden war. Hilde verstand viele Dinge aus der Erwachsenenwelt nicht und sie traute sich nicht zu fragen. Das war ein weiterer Grund dafür, warum sie dringend eine Freundin gebraucht hätte. Kleine, ich komme heute ein bisschen später, um dich abzuholen. Ich habe noch einen Termin. Du wartest hier auf mich, verstanden? Hilde nickte zögerlich. Ich könnte doch einfach mit den anderen Kindern zu Fuß nach Hause gehen, sagte sie lahm, wohl wissend, welche Antwort folgte. Du weißt ganz genau, dass Mama das nicht erlaubt. Hör bitte auf zu fragen, Hilde. Hilde vermutete, dass Papa ihr diese Bitte nicht abschlagen würde. Aber sie wusste auch, dass Mutters Krankheit noch schlimmer wurde, wenn Vater ihr widersprach. Also nickte sie langsam, drückte ihrem Vater einen sanften Kuss auf die Wange und ging in Richtung Schulgebäude. Abseits der anderen Kinder setzte sie sich auf eine Mauer, fischte ein Buch aus ihrem Ranzen und fing an, darin zu lesen. Bücher waren Hildes einzige Freunde. Auf der einen Seite waren Bücher die besten Freunde, die man sich vorstellen konnte. Sie waren treu, lachten nicht, enttäuschten nicht. Auf der anderen Seite wäre ein Mensch natürlich auch schön gewesen. Als es zur ersten Stunde klingelte, schlug Hilde ihr Buch zu und schob es in ihren Rucksack. Sie wollte gerade von der Mauer springen, da rempelte ein älterer Junge sie an.…
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Leni schlug das Buch zu. Sie schaltete die Taschenlampe aus. Einen Moment lang blieb sie noch unter der Bettdecke sitzen und genoss den Augenblick. Sie hatte ihr erstes Buch zu Ende gelesen. Ein ganzes Buch. Ein richtiges Buch. Nicht mit Bildern, sondern ein Buch nur mit Worten, mit vielen Worten. Sie hielt eine zauberhafte Geschichte in ihren kleinen Händen, gebunden in einem Umschlag aus dicker Pappe. Nachdem ihr das Lesen zu Beginn recht schwergefallen war, hatte es nun endlich Klick gemacht. Sie konnte jetzt Stunden damit verbringen, still dazusitzen und zu lesen. Die ganze Zeit war sie auf Erna richtig neidisch gewesen, weil diese schon ein halbes Jahr früher flüssig hatte lesen können. Aber all das war nun egal, denn Leni konnte lesen, richtige Bücher lesen. Sie war hin und her gerissen, ob sie ihrem Vater sofort von dem Erfolg erzählen sollte. Aber dann würde er wissen, dass sie nach der Zubettgehzeit noch aufgeblieben war und heimlich unter der Bettdecke gelesen hatte. Sie nahm sich vor, nichts zu sagen. Gleichzeitig hatte sie eine leise Vorahnung davon, wie sie es beim Frühstück einfach nicht aushalten und ihm trotzdem alles erzählen würde. Jetzt galt es aber, schnell einzuschlafen, was Leni dann auch mit einem Lächeln im Gesicht tat. Es kam, wie es kommen musste und Leni berichtete ihrem Vater mit stolz geschwellter Brust, dass sie das ganze Buch gelesen hatte. Sie platzte damit heraus, noch bevor er die Milch über ihr Müsli gießen konnte. Du wirst es nicht glauben, was am Ende passiert ist. Leni gab begeistert den Ausgang der Geschichte wieder. Ihr Vater, der sich mit der Milchtüte in der Hand neben sie gesetzt und ihrer Erzählung gelauscht hatte, drückte seine Tochter an sich. Ich bin unheimlich stolz auf dich, meine Kleine. Jetzt bist du fast schon erwachsen. Du kannst lesen. Er küsste sie auf die Stirn und schüttete endlich die Milch über das Müsli. Dann kannst du ja ab jetzt deine Gute-Nacht-Geschichten ganz alleine lesen und brauchst mich nicht mehr. Leni hielt mitten in der Bewegung inne und schaute von ihrem Müsli auf zu ihrem Vater, der einen vollkommen ernsten Gesichtsausdruck zur Schau trug. Aber heißt das jetzt, dass du mir nie wieder etwas vorlesen wirst? Leni schluckte. Sie biss sich auf die Unterlippe. Wo du doch jetzt selber lesen kannst ... Ich habe einen Vorschlag, unterbrach ihn Leni, wir können uns abwechseln. Weißt du, Vorlesen ist auch schön. Jetzt gab Lenis Vater seine ernste Miene auf. Er nickte und strich seiner Tochter über die Haare. Selbstverständlich. Das ist eine sehr gute Idee. Wir wechseln uns ab. Später in der Schule überbrachte Leni ihren beiden besten Freundinnen die Neuigkeit. Na endlich. Gabi stemmte die Fäuste in die Hüften. Das war aber auch Zeit. Erna umarmte Leni und schenkte ihr ein freundliches, breites Lächeln, das auf dem Kindergesicht irgendwie fehl am Platz wirkte. Erna konnte lächeln wie eine alte weise Frau. Glückwunsch, sagte Erna. Willkommen im Club. Genau das ist es. Gabi warf die Hände in die Höhe. Genau was? Leni und Erna schauten ihre Freundin verwundert an. Na ein Club, wir gründen einen Club, einen Leseclub oder wie das heißt. Nur wir drei. Mit allen unseren Büchern. Und dann lesen wir zusammen. Das habe ich mal im Fernsehen gesehen. Das gibt es wirklich. Einen Buchclub meinst du? Erna kannte natürlich die korrekte Bezeichnung. Genau. Einen Buchclub. Leni und Erna fanden die Idee großartig. Ich habe aber nur drei Bücher, sagt Erna nachdenklich. Mama hat einen Büchereiausweis. Damit haben wir Zugang zu allen Geschichten dieser Erde. Gabi schob sich kokett eine Haarsträhne aus der Stirn. Jetzt wird unser Leben richtig spannend. Die siebenjährige Gabi war schon immer sehr pragmatisch und ebenso träumerisch gewesen. Und zielstrebig. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab es kein Zurück mehr. An diesem legendären Tag der Gründung des Buchclubs von Grimmelbach konnte sich keine der drei vorstellen, ein Leben ohne Bücher zu führen. Sie glaubten fest daran, dass sie für immer ihren Buchclub führen würden. Sie wussten nicht, wie unwahrscheinlich es war, dass der Club auch noch in 45 Jahren bestand. Klothilde Berwanger band sich sorgfältig die Schuhe. Komm endlich, wir sind spät dran! Ihr Vater hatte bereits die Haustür geöffnet. Sie beeilte sich, die Hausschuhe ordentlich ins Regal zu stellen und huschte durch die Haustür nach draußen. Das Auto war aufgesperrt und die hintere Tür stand offen. Wortlos stieg sie ein. Als der Wagen startete, legte sie ihren Sicherheitsgurt an. Während der gesamten Fahrt presste sie ihre Nase an die Autoscheibe und zählte die Kinder, die auf dem Bürgersteig in kleinen Gruppen zur Schule gingen. Ach, könnte ich doch mit ihnen gehen. Klothilde wünschte sich nichts sehnlicher als Freunde. Oder für den Anfang eine einzige Freundin. Das wäre schon ausreichend. Und sie wünschte sich, dass man sie nicht Klothilde nannte, sondern einfach Hilde. Das war weniger peinlich. Sie verstand jetzt, wo sie schon fast acht Jahre alt war, warum ihre Mutter sie nicht alleine zur Schule gehen lassen wollte. Sie war sich aber nicht ganz im Klaren darüber, welche Krankheit ihre Mutter hatte. Immerhin wusste sie nun, dass Mama diese Krankheit durch den Tod ihres Bruders bekommen hatte. Seitdem hatte Mama nicht mehr gelächelt. Sie war überängstlich geworden und der Gedanke daran, ihrer kleinen Klothilde könne auf dem Schulweg von einem Auto überfahren werden, so wie es ihrem Bruder passiert war, quälte Hildes Mutter täglich. Auch Hildes Vater war sehr still geworden in den letzten Jahren. Hilde fragte sich, ob ihre Eltern sich noch lieb hatten oder ob diese Liebe auch durch den Tod ihres Bruders verletzt worden war. Hilde verstand viele Dinge aus der Erwachsenenwelt nicht und sie traute sich nicht zu fragen. Das war ein weiterer Grund dafür, warum sie dringend eine Freundin gebraucht hätte. Kleine, ich komme heute ein bisschen später, um dich abzuholen. Ich habe noch einen Termin. Du wartest hier auf mich, verstanden? Hilde nickte zögerlich. Ich könnte doch einfach mit den anderen Kindern zu Fuß nach Hause gehen, sagte sie lahm, wohl wissend, welche Antwort folgte. Du weißt ganz genau, dass Mama das nicht erlaubt. Hör bitte auf zu fragen, Hilde. Hilde vermutete, dass Papa ihr diese Bitte nicht abschlagen würde. Aber sie wusste auch, dass Mutters Krankheit noch schlimmer wurde, wenn Vater ihr widersprach. Also nickte sie langsam, drückte ihrem Vater einen sanften Kuss auf die Wange und ging in Richtung Schulgebäude. Abseits der anderen Kinder setzte sie sich auf eine Mauer, fischte ein Buch aus ihrem Ranzen und fing an, darin zu lesen. Bücher waren Hildes einzige Freunde. Auf der einen Seite waren Bücher die besten Freunde, die man sich vorstellen konnte. Sie waren treu, lachten nicht, enttäuschten nicht. Auf der anderen Seite wäre ein Mensch natürlich auch schön gewesen. Als es zur ersten Stunde klingelte, schlug Hilde ihr Buch zu und schob es in ihren Rucksack. Sie wollte gerade von der Mauer springen, da rempelte ein älterer Junge sie an.…
Titel
Der mörderische Buchclub
Untertitel
Ein Saarland-Krimi
Autor
EAN
9783961274734
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Digitaler Kopierschutz
frei
Dateigrösse
0.42 MB
Auflage
1. Auflage
Lesemotiv
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