'Hast du eine Ahnung, wo Katrin sein könnte, Wölfchen? Sie müßte schon längst zu Hause sein!' Der kleine Junge sah von seinem Spiel auf und schüttelte den Kopf. 'Nö, Mama, weiß ich nicht', sagte er und setzte geduldig immer wieder einen Baustein auf den anderen, bis ein hoher Turm entstanden war. Daniela von Thumberg seufzte und lief zum Fenster. 'Langsam mache ich mir Sorgen', sagte sie halblaut und mehr zu sich selber. 'Die Schule ist schon längst aus. Sie weiß doch, daß ich am Freitag im Büro früher Schluß habe und zu Hause bin.' Doch dann fiel ihr siedendheiß ein, daß ihr Chef, Herr Brenner, sie gebeten hatte, noch ein paar dringende Briefe für ihn zu schreiben. Deshalb war es im Büro doch später geworden. Sie war gerade noch rechtzeitig gekommen, um Wölfchen aus dem Kindergarten abzuholen. Aber Kathrin, die ausgerechnet heute ihren Schlüssel vergessen hatte, war sicherlich vor verschlossener Tür gestanden - und dann wieder fortgegangen. 'Wo mag sie nur hingegangen sein?' überlegte Daniela laut. 'Ich habe doch schon bei ihrer Freundin Inge angerufen und auch bei Claudia. Dort ist sie nicht.' Allmählich machte sich eine lähmende Furcht in ihr breit. Wie, wenn dem Kind etwas zugestoßen war?
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»Hast du eine Ahnung, wo Katrin sein könnte, Wölfchen? Sie müßte schon längst zu Hause sein!«
Der kleine Junge sah von seinem Spiel auf und schüttelte den Kopf.
»Nö, Mama, weiß ich nicht«, sagte er und setzte geduldig immer wieder einen Baustein auf den anderen, bis ein hoher Turm entstanden war.
Daniela von Thumberg seufzte und lief zum Fenster.
»Langsam mache ich mir Sorgen«, sagte sie halblaut und mehr zu sich selber. »Die Schule ist schon längst aus. Sie weiß doch, daß ich am Freitag im Büro früher Schluß habe und zu Hause bin.«
Doch dann fiel ihr siedendheiß ein, daß ihr Chef, Herr Brenner, sie gebeten hatte, noch ein paar dringende Briefe für ihn zu schreiben. Deshalb war es im Büro doch später geworden. Sie war gerade noch rechtzeitig gekommen, um Wölfchen aus dem Kindergarten abzuholen. Aber Kathrin, die ausgerechnet heute ihren Schlüssel vergessen hatte, war sicherlich vor verschlossener Tür gestanden - und dann wieder fortgegangen.
»Wo mag sie nur hingegangen sein?« überlegte Daniela laut. »Ich habe doch schon bei ihrer Freundin Inge angerufen und auch bei Claudia. Dort ist sie nicht.«
Allmählich machte sich eine lähmende Furcht in ihr breit. Wie, wenn dem Kind etwas zugestoßen war? Wie, wenn sie auf dem Heimweg von der Schule verunglückt oder vielleicht sogar von einem Unhold belästigt und gar entführt worden war? Man las
so Schreckliches in den Zeitungen...
»Dummes Zeug«, wies sie sich selbst energisch zurecht. »Dummes, dummes Zeug...«
In diesem Moment fiel Wölfchens hoher Turm aus Holzbausteinen mit einem lauten Plumps in sich zusammen, und Daniela stieß einen entsetzten Schrei aus. Sie preßte die Hand aufs Herz.
»Du meine Güte, Wölfchen, hast du mich aber erschreckt! Was fällt dir ein!« rief sie aus. Der Kleine breitete mit einer entschuldigenden Geste beide Hände aus und sah sie verschmitzt von unten herauf an.
»Das war nicht meine Schuld, Mama, der Turm ist ganz von alleine zusammengestürzt. Ich habe ihn nicht angetippt, nicht einmal ein kleines bißchen!«
»Schon gut, mein Junge, ich habe es ja auch nicht so gemeint. So was passiert eben, nicht wahr? Mir tut es selber leid um deinen wunderschönen, hohen Turm«, sagte sie und strich ihrem kleinen Sohn über den blonden Schopf. »Weißt du, ich bin ein wenig nervös, weil Katrin noch nicht zu Hause ist.«
Wölfchen sammelte seine Bausteine ein, die im ganzen Zimmer verstreut herumlagen, und meinte eher beiläufig: »Vielleicht ist sie ja zu Oma Keller gegangen...«
Daniela schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
»Natürlich! Oh, Wölfchen, du bist ein Schatz! Nein, daß ich nicht schon selber draufgekommen bin!« sagte sie. Sie hatte es auf einmal sehr eilig, zur Tür hinaus und über die breite Treppe zwei Stockwerke nach oben zu laufen. Dort - in der Wohnung im obersten Stockwerk - wohnte eine reizende alte Dame. Sowohl für Daniela als auch für ihre beiden Kinder war Frau Keller, eine herzensgute, lebenskluge Frau, so eine Art Großmutter-Ersatz. Meta Keller war nicht mehr gut zu Fuß, das Gehen war ihr beschwerlich geworden. Deshalb erledigte Daniela, so oft sie es nur einrichten konnte, die Einkäufe für sie oder kleine Besorgungen. Frau Keller dagegen war bereit, sich um Danielas Kinder zu kümmern, wenn die junge Frau im Büro aufgehalten wurde. Das war in letzter Zeit immer öfter der Fall. Ihr Chef nahm häufig ihre freie Zeit in Anspruch, allerdings bezahlte er auch sehr gut dafür. Und Daniela konnte das Geld wahrhaftig gut gebrauchen.
Vor Meta Kellers Wohnung angekommen, mußte Daniela erst einmal tief Luft holen. Sie drückte auf den Klingelknopf und horchte auf die Schritte, die sie hinter der Tür vernahm. Es waren flinke, hüpfende Kinderschritte, und Daniela atmete erleichtert auf. Ein Stein fiel ihr vom Herzen. Dann ging auch schon die Tür einen Spalt auf, und Katrin streckte den Kopf hindurch.
»Katrin!« rief Daniela anstelle