Die Zukunft können wir nicht vorhersehen. Wer glaubt, bereits darin zu leben, wie so mancher im Silicon Valley, muss sich umstellen, denn die Zukunftsmacht China schickt sich an, die Deutungshoheit zu übernehmen. Was also können wir heute über das Bevorstehende sagen? Haben wir Anlass, uns zu freuen? Müssen wir uns fürchten? Der Zeit -Autor und Technologie-Experte Dirk Peitz reiste durch die USA, der alten Zukunft entgegen, bis nach Shenzhen, in die neue Silicon City des Ostens. Auf dem Weg sprach er mit denen, die jetzt schon an der Welt von morgen arbeiten: mit Stanford-Professoren, Think-Tank-Wissenschaftlern, Tech-Arbeitern, Managern, Städteplanern und Träumern. Das Ergebnis ist ein Reisebericht aus der Gegenwart und Vergangenheit des Vorstellbaren. Ein faszinierender Ausblick auf das Morgen. Sowie eine kluge, fundierte Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen von heute.
Dirk Peitz wurde 1971 in Mönchengladbach geboren. Er schrieb lange für die Kulturseiten der Süddeutschen Zeitung, war dann Redaktionsleiter von Wired und ist heute bei Zeit online für das Thema Technologie zuständig.
Autorentext
Dirk Peitz wurde 1971 in Mönchengladbach geboren. Er schrieb lange für die Kulturseiten der Süddeutschen Zeitung, war dann Redaktionsleiter von Wired und ist heute bei Zeit online für das Thema Technologie zuständig.
Leseprobe
Menlo Park
Als ich das erste Mal das Silicon Valley besuchte, im Jahr 1991 , war ich ein anständig trauriger, leicht übergewichtiger Zwanzigjähriger, der ausreichend viele, wenn auch keine wirklich originellen Gründe hatte, seine jungmännlichen Sorgen wie Kekse in Schokolade zu tunken und dazu ständig Behaviour zu hören, das damals gerade erschienene Album der Pet Shop Boys. Eigentlich hörte ich stets nur das erste Lied, "Being Boring", in dessen Lyrics der Ich-Erzähler in der Rückschau auf die Erwartungen blickte, die er als junger Mann einmal an ein aufregendes Leben gehabt hatte, als er die Dinge noch auf sich hatte zukommen sehen, die Zukunft: "But I sat back and looking forward ..."
Meine Cousine hatte mich eingeladen zu einer Reise durch die USA , erst New York, dann Kalifornien. Dort machten wir zwei Tage Halt im Valley, auf unserem Weg von San Francisco nach Los Angeles, immer den Highway Number One hinunter, klar, natürlich, was sonst. Wir waren Touristen.
Meine Cousine wollte einen der örtlichen Nationalparks am Rande des Valley besuchen, ich aber machte mir schon damals nichts aus Bergketten, Bäumen, der ganzen Natur. Ich ging stattdessen spazieren durch die Computerfirmengegend, in der unser Motel 6 lag.
Ich erinnere mich sehr genau an die Spaziergänge, denn ich unternahm sie aus einem bohrenden Gefühl der Langeweile heraus. Ich schaute mir dabei die glatten Fassaden der Firmenbauten rechts und links der Straßen an und stellte fest, dass ich keinen der Namen der Softwarehersteller und Hardwarezulieferer kannte, die an den Einfahrten auf Schildern standen. Diese Schilder, so schloss ich, würde man rascher abmontieren und durch andere ersetzen können, als wenn man die Firmennamen in großen, leuchtenden Lettern an die Fassaden geschraubt hätte.
Das Eingeständnis des Temporären faszinierte mich: Diese Firmen waren offenbar jederzeit bereit zu gehen, in bessere Immobilien oder in die Insolvenz. Die Klötze, die sie bezogen hatten, waren insofern spektakulär ehrlich: sofort bezugsfähig, sofort wieder zu verlassen. Einer wie der andere, zwei- bis dreistöckig oft, Außenhäute aus nichts als getönten Glasfassaden, nur Ecken und Kanten und vor allem Oberflächen, glatte schwarze und blaue zumeist. Manchmal war das Glas auch verspiegelt, so dass man sich selbst darin erkannte.
"We'll slide down the Surface of Things": Als ich diesen Satz sieben Jahre später auf dem Einband von Bret Easton Ellis' reichlich verstörendem Roman Glamorama las, da dachte ich sofort wieder an diese blickdichten Glasfassaden, an denen meine Blicke herabgerutscht waren. So wie sie heute an Apple-Produkten herabrutschen.
Bis Apple seinen Ring errichtete, ist im Silicon Valley, das sich westlich entlang der Bucht von San Francisco erstreckt, eigentlich nie für die Ewigkeit gebaut worden. Die Visionen, die man zu haben glaubte, wurden hier zumindest früher nicht in Architektur verwandelt. Und schon gar nicht in symbolistische, so wie das anderswo auf der Erde seit langem geschieht, wo Architektur die Überzeitlichkeit von Herrschaft dokumentiert und einen fortwährenden Machtanspruch formuliert.
Visionen können sich in Silicon Valley rasch als nicht zukunftsfähig, als unrealistisch, fehlgeleitet, töricht, überholt erweisen. Die Arbeitsgrundlage des Tals ist der Glaube an die Permanenz der technologischen Revolution, an die nie endende Veränderung, deren Tempo sich darüber hinaus noch immerzu beschleunigen soll, exponentiell.
Architektur hingegen ist die Stilllegung der Zeit in der fixen Form des konkret Gebauten. Und damit das Gegenteil von Veränderung.
Fürs Steinwerden der Ideen glaubt man im Silicon Valley einfach keine Zeit zu haben. Das gilt für alle grob drei Epochen, die hier nacheinander begonnen, aber (noch) keinen Abschluss gefunden haben. Denn die Produkte diese
Dirk Peitz wurde 1971 in Mönchengladbach geboren. Er schrieb lange für die Kulturseiten der Süddeutschen Zeitung, war dann Redaktionsleiter von Wired und ist heute bei Zeit online für das Thema Technologie zuständig.
Autorentext
Dirk Peitz wurde 1971 in Mönchengladbach geboren. Er schrieb lange für die Kulturseiten der Süddeutschen Zeitung, war dann Redaktionsleiter von Wired und ist heute bei Zeit online für das Thema Technologie zuständig.
Leseprobe
Menlo Park
Als ich das erste Mal das Silicon Valley besuchte, im Jahr 1991 , war ich ein anständig trauriger, leicht übergewichtiger Zwanzigjähriger, der ausreichend viele, wenn auch keine wirklich originellen Gründe hatte, seine jungmännlichen Sorgen wie Kekse in Schokolade zu tunken und dazu ständig Behaviour zu hören, das damals gerade erschienene Album der Pet Shop Boys. Eigentlich hörte ich stets nur das erste Lied, "Being Boring", in dessen Lyrics der Ich-Erzähler in der Rückschau auf die Erwartungen blickte, die er als junger Mann einmal an ein aufregendes Leben gehabt hatte, als er die Dinge noch auf sich hatte zukommen sehen, die Zukunft: "But I sat back and looking forward ..."
Meine Cousine hatte mich eingeladen zu einer Reise durch die USA , erst New York, dann Kalifornien. Dort machten wir zwei Tage Halt im Valley, auf unserem Weg von San Francisco nach Los Angeles, immer den Highway Number One hinunter, klar, natürlich, was sonst. Wir waren Touristen.
Meine Cousine wollte einen der örtlichen Nationalparks am Rande des Valley besuchen, ich aber machte mir schon damals nichts aus Bergketten, Bäumen, der ganzen Natur. Ich ging stattdessen spazieren durch die Computerfirmengegend, in der unser Motel 6 lag.
Ich erinnere mich sehr genau an die Spaziergänge, denn ich unternahm sie aus einem bohrenden Gefühl der Langeweile heraus. Ich schaute mir dabei die glatten Fassaden der Firmenbauten rechts und links der Straßen an und stellte fest, dass ich keinen der Namen der Softwarehersteller und Hardwarezulieferer kannte, die an den Einfahrten auf Schildern standen. Diese Schilder, so schloss ich, würde man rascher abmontieren und durch andere ersetzen können, als wenn man die Firmennamen in großen, leuchtenden Lettern an die Fassaden geschraubt hätte.
Das Eingeständnis des Temporären faszinierte mich: Diese Firmen waren offenbar jederzeit bereit zu gehen, in bessere Immobilien oder in die Insolvenz. Die Klötze, die sie bezogen hatten, waren insofern spektakulär ehrlich: sofort bezugsfähig, sofort wieder zu verlassen. Einer wie der andere, zwei- bis dreistöckig oft, Außenhäute aus nichts als getönten Glasfassaden, nur Ecken und Kanten und vor allem Oberflächen, glatte schwarze und blaue zumeist. Manchmal war das Glas auch verspiegelt, so dass man sich selbst darin erkannte.
"We'll slide down the Surface of Things": Als ich diesen Satz sieben Jahre später auf dem Einband von Bret Easton Ellis' reichlich verstörendem Roman Glamorama las, da dachte ich sofort wieder an diese blickdichten Glasfassaden, an denen meine Blicke herabgerutscht waren. So wie sie heute an Apple-Produkten herabrutschen.
Bis Apple seinen Ring errichtete, ist im Silicon Valley, das sich westlich entlang der Bucht von San Francisco erstreckt, eigentlich nie für die Ewigkeit gebaut worden. Die Visionen, die man zu haben glaubte, wurden hier zumindest früher nicht in Architektur verwandelt. Und schon gar nicht in symbolistische, so wie das anderswo auf der Erde seit langem geschieht, wo Architektur die Überzeitlichkeit von Herrschaft dokumentiert und einen fortwährenden Machtanspruch formuliert.
Visionen können sich in Silicon Valley rasch als nicht zukunftsfähig, als unrealistisch, fehlgeleitet, töricht, überholt erweisen. Die Arbeitsgrundlage des Tals ist der Glaube an die Permanenz der technologischen Revolution, an die nie endende Veränderung, deren Tempo sich darüber hinaus noch immerzu beschleunigen soll, exponentiell.
Architektur hingegen ist die Stilllegung der Zeit in der fixen Form des konkret Gebauten. Und damit das Gegenteil von Veränderung.
Fürs Steinwerden der Ideen glaubt man im Silicon Valley einfach keine Zeit zu haben. Das gilt für alle grob drei Epochen, die hier nacheinander begonnen, aber (noch) keinen Abschluss gefunden haben. Denn die Produkte diese
Titel
Fernblick: Wie wir uns die Zukunft erzählen
Autor
EAN
9783518763346
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Herausgeber
Veröffentlichung
19.08.2020
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
1.49 MB
Anzahl Seiten
315
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet
Auflage
Originalausgabe
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