Im Schatten des schwarzen Kreuzes lassen sich manche Gelübde nicht halten.
Als Erwin von Stade in der Ordensburg Marienburg ankommt, bringt er zwei Dinge mit: eine Dose Dämpföl, das er seit zwei Jahren jeden Morgen aufträgt, und einen Körper, der geduldig und unausweichlich auf den Moment wartet, an dem das Öl aufgebraucht ist. Er wird das hier zum Funktionieren bringen. Das sagt er sich seit Hamburg.
Bruder Raimund von Eilenfeld hat vier Omegas ohne Zwischenfall durch ihre Zeit im Orden begleitet. Er ist diszipliniert. Er ist beherrscht. Er hat nicht allzu genau hingeschaut, warum er immer wieder den Weg nimmt, der im Morgengrauen am Übungshof vorbeiführt - oder warum er sich auf dieselbe Seite des Skriptoriumstisches setzt, oder warum mitten in der Nacht eine einzelne Kerze vor einer dunklen Zelle erschienen ist.
Als der Vorrat an Dämpföl mitten im Winter ausgeht und Erwins Glut früher einsetzt als erwartet, hängen neunzehn Jahre eiserner Selbstbeherrschung an einer einzigen Stunde in einem verschlossenen Steinraum - und einem Biss, den keiner von beiden geplant hatte.
Das partielle Band lässt sich noch lösen. Die Schwangerschaft nicht mehr rückgängig machen. Und der Mann, der Raimund wird - der den Orden bis auf die Grundmauern niederbrennen würde, bevor er zulässt, dass Erwin etwas zustößt - hat keinen Platz in der Ordensregel der Deutschritter.
Er beabsichtigt, sich trotzdem einen zu schaffen.
"Heb es auf, Bruder." Auf der letzten Seite wird keiner von ihnen mehr daran erinnert werden müssen.