Efraim Frischs "Zenobi" ist ein psychologisch verdichteter Roman über Identität, Herkunft und die prekäre Selbstbehauptung eines Menschen zwischen religiöser Überlieferung, bürgerlicher Moderne und geistiger Entwurzelung. In einer Prosa von hoher Reflexionskraft verbindet Frisch erzählerische Beobachtung mit essayistischer Durchdringung; äußere Handlung wird weniger als Abenteuer denn als Symptom innerer Konflikte sichtbar. Das Werk steht im Kontext der deutsch-jüdischen Literatur der Zwischenkriegszeit, die Fragen von Assimilation, Gedächtnis und europäischer Krise mit besonderer Schärfe formulierte. Frisch, 1873 in Galizien geboren und später als Schriftsteller, Kritiker und einflussreicher Lektor im deutschsprachigen Literaturbetrieb tätig, kannte jene Spannungen aus eigener Erfahrung. Seine Herkunft aus dem ostjüdischen Kulturraum, seine Bildung in der deutschen Sprache und seine Nähe zu Autoren der Moderne prägten seinen Blick auf Figuren, die nirgends ganz heimisch werden. "Zenobi" erscheint daher auch als literarische Verarbeitung einer Biographie zwischen Tradition, Urbanität und intellektueller Verantwortung. Empfohlen sei dieses Buch Leserinnen und Lesern, die einen stillen, gedanklich anspruchsvollen Roman suchen. Wer sich für deutsch-jüdische Moderne, seelische Zwiespälte und eine präzise, unaufdringlich kunstvolle Erzählweise interessiert, wird in "Zenobi" ein bedeutendes, wiederzuentdeckendes Werk finden. Diese erweiterte Ausgabe wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um Ihr Leseerlebnis zu bereichern. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Klappentext
Dieses eBook: "Zenobi" ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen.
Aus dem Buch:
"Ein jeder kannte Zenobi oder glaubte zu wissen, wer er sei. Der über mittelgroße Mann von schwer bestimmbarem Alter, das jugendlich angegraute Haar nach der letzten Mode geschnitten, das lange, faltige Gesicht aufs sorgfältigste rasiert, die biegsame elegante Figur ein klein wenig im Äußeren vernachlässigt, wie es sich nur die ganz Vornehmen erlauben dürfen, war eine bekannte Erscheinung. Wenn jemand auf ihn aufmerksam geworden - und er erregte stets solche Aufmerksamkeit - bei Gelegenheiten, da Neugierige sich ansammeln, oder in Räumen, wo viele Menschen ab und zu gehen, einen Dienenden oder Bekannten nach ihm gefragt hätte, so würde er sicherlich einen Namen gehört haben, von jenen bevorzugten Hundert, die man in einer Großstadt berühmt heißt, angefangen von einem gerade beliebten Filmschauspieler bis zu einem populären Mitglied der Aristokratie. Und wäre der Fragende einmal umgekehrt der Gefragte gewesen, so hätte er bestimmt oder ungefähr irgendeinen dieser hundert Namen genannt, ohne Verlegenheit und mit mehr als halber Gewißheit überzeugt, eine richtige Auskunft gegeben zu haben; vielleicht auch, weil er es schmeichelhaft für sich empfand, den Mann vom Sehen wenigstens zu kennen, und Genugtuung, seinen Namen zu wissen."
Efraim Frisch (1873-1942) war ein deutscher Schriftsteller. Efraim Frischs literarisches Werk umfasst Romane, Erzählungen und Essays. Daneben übersetzte er aus dem Französischen, Englischen, Polnischen und Jiddischen.