Washington 1897: Anna O'Brien ist Bibliothekarin in der berühmten Library of Congress und führt ein eher vorhersehbares Leben. Doch dann stolpert sie über eine Karte, die auf Fehler in einem alten Bericht hinweist. Vor Jahren soll ein Schiff angeblich während eines Wirbelsturms gesunken sein, doch das neue Material stellt das eindeutig in Frage. Anna beantragt die Korrektur des Berichts und plötzlich werden ihr an allen Ecken und Enden Steine in den Weg gelegt. Sogar mit Entlassung droht man ihr. In ihrer Verzweiflung wendet Anna sich an den Kongress- abgeordneten Luke Callahan und bittet ihn um Hilfe. Denn sie kann den alten Fall nicht einfach ruhen lassen: Ihr Vater kam bei diesem Schiffsunglück ums Leben. Doch ist die Wahrheit es wert, alle ihre Träume für die Zukunft aufs Spiel zu setzen und die von Luke gleich mit?

Autorentext
Elizabeth Camden ist Historikerin. Die Woche über arbeitet sie als Bibliothekarin, an den Wochenenden schreibt sie historische Romane. Zusammen mit ihrem Mann lebt sie in der Nähe von Orlando.

Leseprobe
Kapitel 1 Washington, D.C. Oktober 1897 Hört endlich auf, euch schmutzige Bilder anzusehen. Schließlich sind wir hier in einer Bibliothek! Anna hätte nie gedacht, dass sie diesen Satz jemals würde sagen müssen, noch dazu mit ernster Miene. Aber die Jungen waren kurz davor, in der Library of Congress Hausverbot zu bekommen, es sei denn, sie ging dazwischen. Aber das sind doch medizinische Abbildungen, gab Jack Wilkerson vom Lesetisch zurück. Wir bilden uns nur weiter, Miss O'Brien. Gab es etwas Frustrierenderes als fünfzehnjährige Lausbuben? Die Regierung beschäftigte Hunderte von Waisenkindern als Dienstboten im Kapitol, wo sie Besorgungen erledigten und den Kongressabgeordneten zu Diensten waren, ansonsten aber leider kaum beaufsichtigt wurden. Eine Gruppe von ihnen war in der Bibliothek zu einer regelrechten Plage geworden, und nun hatte Anna sie dabei erwischt, wie sie Anatomiebücher nach Abbildungen von nackten Körpern durchforsteten. Anna spürte das instinktive Verlangen, diese elternlosen Kinder zu beschützen. Sie war schließlich selbst Waise und eine Bibliothek war ein wunderbarer Zufluchtsort vor der grausamen Welt. Anna versammelte die Jungen um den einzigen Arbeitstisch im Kartenraum, der mit Atlanten, Kartenständern und Globen gefüllt war. Ihr habt euch angehört wie ein Rudel lachender Hyänen, schimpfte sie. Seid froh, dass ich euch Sack und Asche erspare. Eine Entschuldigung beim Bibliotheksdirektor wird genügen. Wofür sind denn Sack und Asche?, wollte Jack wissen. Das ist eine Metapher. Erwachsene Menschen benutzen Metaphern, wenn sie Rabauken wie euch nicht den Hintern versohlen dürfen. Einige der Jungen feixten. Sie sind witzig, Miss O'Brien. Und trotzdem meine ich es ernst. Anna hoffte, dass sie nicht zu belehrend klang, aber schließlich war die Arbeit hier in der Library of Congress ihr größtes Glück. Auch nach sechs Jahren blieb sie noch manchmal zwischen den Regalen stehen und staunte über die unermesslichen Büchertürme, die links und rechts von ihr aufragten. Für Anna hatte dieser Ort etwas Magisches und Überwältigendes. Die Bücher beeindruckten und inspirierten sie. Sie enthielten das Wissen ganzer Zeitalter, einige hatten sogar die Reiche überlebt, in denen sie geschrieben worden waren. Die Bücher zu pflegen und anderen dabei zu helfen, die Geheimnisse in ihnen zu entschlüsseln, das war Annas Berufung. Sie würde die gute alte Bibliothek vermissen. Nächsten Monat stand der Umzug in das große neue Gebäude an. Seit 1810 befand sich die Library of Congress im Kapitol und sollte einst einhunderttausend Büchern Platz bieten. Mittlerweile war der Bestand auf fast eine Million Exemplare angewachsen und der Platz reichte hinten und vorne nicht mehr. In der neuen Bibliothek werden noch viel schärfere Regeln gelten, warnte Anna die Jungen. Die Lampenhalter sind vergoldet. Die Fußböden sind mit Mosaiken und Edelmetallen ausgelegt. In den Fluren Fangen zu spielen oder die Geländer hinunterzurutschen ist dort verboten. Das ist euch hoffentlich klar? Jack grinste und gab einem alten Globus einen mächtigen Schubs. Der antike Erdball quietschte und eierte. Anna sprang herbei, um das gefährliche Kreiseln zu stoppen. Jack, was ist nur in dich gefahren? Eigentlich sollte sie es aufgeben und dem Jungen endgültig Hausverbot erteilen. Seine Krawatte hing schief, er war am Morgen mit schlammigen Schuhen in die Bibliothek gekommen und sein Grinsen zeigte keine Spur von Reue. Aber diese schiefe Krawatte ... sie ließ Anna nicht kalt. Wie man einen Krawattenknoten band, das gehörte zu der Sorte Dingen, die ihm ein Vater beigebracht hätte. Anna seufzte. Steh auf. Ich werde dir jetzt zeigen, wie man einen ordentlichen Windsor-Knoten macht. Sie löste ihren eigenen Binder und zog ihn glatt, um die Prozedur zu demonstrieren. Anna versuchte, mit ihrer gestärkten weißen Bluse und dem dunklen Rock genauso akkurat auszusehen wie all die Männer, die im Kapitol arbeiteten. Jack tat, als wäre es ihm egal, aber trotzdem verfolgte er jede ihrer Bewegungen genau. Die anderen Jungen reckten die Hälse. Gut möglich, dass das heute ihre wichtigste Lektion war. Als ein Mann in Marineuniform eintrat, ertönte eine Glocke über der Tür. Seine stocksteife Haltung und autoritäre Ausstrahlung ließen den Kartenraum kleiner und gleichzeitig voller erscheinen. Miss Anna O'Brien?, fragte der Offizier. Annas Herzschlag beschleunigte sich. Sie ließ ihren halb geknoteten Binder los. Das konnte nur eins bedeuten. Ja, Sir? Der Offizier reichte ihr einen Umschlag. Das Siegel aus Wachs gehörte der Navy. Sie werden unten im Raum für Marineangelegenheiten erwartet. Jetzt sofort. Er nickte kurz und verließ den Raum wieder. Anna und die Jungs blieben erstaunt und sprachlos zurück. So eine Uniform will ich auch, sagte einer schließlich. Habt ihr seine Schuhe gesehen? Die haben geglänzt wie ein Spiegel! Die Jungen schwatzten wild durcheinander und Anna kämpfte mit ihren Gefühlen. Das hatte garantiert mit der Nachricht zu tun, die sie vergangene Woche an die Navy geschickt hatte. Es gab keinen anderen Grund, warum sie sonst auf sie aufmerksam geworden sein sollten. Was steht denn drin?, fragte Jack. Anna brach das Siegel und überflog die Zeilen. Sie musste lächeln. Genau, wie sie vermutet hatte. Ich habe in einem alten Bericht einen Fehler gefunden, sagte sie leise. Und weil ich dachte, dass die Navy das interessiert, habe ich das gemeldet. Es war aufregend, dass man dort ihre Botschaft ernst nahm, denn einen Fehler in den historischen Aufzeichnungen zu ignorieren, war für jemanden wie Anna undenkbar. Seit ihrem ersten Tag in der Bibliothek fühlte sie sich als Teil einer Jahrhunderte zurückreichenden Kette von Bibliothekaren, Archivaren und Historikern, die sich alle derselben Aufgabe verschrieben hatten: der Sammlung und Bewahrung des Wissens der gesamten Welt. Gab es ein nobleres Unterfangen in der Geschichte der Menschheit? Zukünftige Generationen verließen sich auf die Sorgfalt von Bibliothekaren. Sie sah es als ihre Aufgabe an, für Genauigkeit in den Aufzeichnungen zu sorgen. Als sie den Fehler in dem alten Bericht entdeckt hatte, wusste sie sofort, dass er so nicht stehen bleiben durfte. Was für ein Fehler denn?, wollte einer der Jungen wissen. Ein großer, erwiderte Anna, beließ es aber dabei. Das war zu persönlich, um es vor einer Gruppe ungestümer Knaben auszubreiten. Anna hätte eine einfache Dankeskarte bevorzugt. Mit fremden Menschen in Kontakt zu treten war jedes Mal eine Tortur für sie. Ich weiß noch nicht einmal, wo der Raum für Marineangelegenheiten ist, gab sie offen zu, während sie ihren Binder richtete. Aber ich!, rief Jack und sprang auf. Anna wagte sich nur selten aus dem in die Jahre gekommenen Kartenraum. Abgenutzte Bücher, Karten und Atlanten bildeten eine Art sicheren Kokon um sie. Unten, im Haupttrakt des Kapitols, war alles anders: Die Pracht aus Marmor und Vergoldungen gab einem das Gefühl, ein Königshaus s…
Titel
Die Grenzen der Wahrheit
Übersetzer
EAN
9783868277586
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
0.68 MB
Anzahl Seiten
309
Auflage
1., Auflage
Lesemotiv