Erwin J. O. Kompanje ist Medizinethiker und Wissenschaftler am Erasmus Medisch Centrum in Rotterdam.
Autorentext
Erwin J. O. Kompanje ist Medizinethiker und Wissenschaftler am Erasmus Medisch Centrum in Rotterdam.
Leseprobe
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Alice im Wunderland
Der Hausarzt hatte die 39-jährige alleinstehende Frau wegen unerklärlicher Beschwerden an eine psychiatrische Klinik überwiesen. Dem Psychiater berichtete sie von Anfällen, bei denen sie das Gefühl habe, ihr Körper werde immer größer, bis er schließlich den ganzen Raum ausfülle, in dem sie sich befinde. Weniger häufig gingen die Anfälle mit dem Empfinden einher, ihr Körper schrumpfe, und am Ende fielen ihr die Hände ab und verschwänden. Bisweilen habe sie den Eindruck, ihr Bauch schwelle in kurzer Zeit stark an. All diese Wahrnehmungen machten ihr, so erzählte sie, große Angst.
Ein lediger 40-jähriger Mann wurde ebenfalls an die psychiatrische Klinik überwiesen. Er litt unter übermächtigen Ängsten und hatte eine Reihe höchst ungewöhnlicher Anfälle erlebt, bei denen ihm sein Körper sehr viel größer oder kleiner als in Wirklichkeit vorkam. Manchmal hatte er das Gefühl, über zweieinhalb Meter groß zu sein, dann wieder war ihm, als betrage seine Körpergröße gerade einmal neunzig Zentimeter. In wieder anderen Situationen schien sein Kopf doppelt so groß und dabei federleicht zu sein, ein Arm oder beide Arme abgefallen oder Gegenstände in seiner Umgebung extrem klein oder extrem groß. Wie sich herausstellte, litt er seit vielen Jahren unter schweren Migräneattacken.
Auch eine 24-jährige Hausfrau berichtete dem Psychiater von seltsamen Eindrücken: »Der Boden unter mir hebt sich, oder ich versinke darin. Manchmal glaube ich, über dreieinhalb Meter groß zu sein, dann wieder kommt es mir vor, als wäre ich nur eineinhalb Meter groß.« Hinzu kamen Situationen, in denen sie meinte, ihre Füße seien mindestens 90 Zentimeter lang. Am meisten ängstigte sie das Gefühl, ihr Körper sei der Länge nach gespalten und ihr wachse ein zweiter Kopf, der sich manchmal vom Körper löse. Ihr Denken, so sagte sie, spiele sich dann in dem schwebenden zweiten Kopf ab. Auch diese Frau litt unter Migräne sowie unter Schwindelanfällen.
»Sie wuchs und wuchs ...«
(Aus: Lewis Carroll, Alice im Wunderland; urspr. 1865 erschienen)
Die letzte Patientin mit seltsamen Wahrnehmungen, eine 32-jährige verheiratete Frau, sagte, ihr Kopf komme ihr manchmal drei Mal größer als normalerweise vor, und sie habe das Gefühl, ihr linker Arm und ihre linke Brust seien nicht Teile ihres, sondern eines anderen Körpers. Personen, die sich im gleichen Raum wie sie aufhielten, erschienen ihr zeitweise wie Liliputaner. Wie sich herausstellte, litt sie seit vielen Jahren an extrem starken linksseitigen Kopfschmerzen.
Diese vier Fallbeschreibungen stammen aus einem Artikel, der bizarre Wahrnehmungen von Patienten beschreibt, die sich zwecks Behandlung in eine psychiatrische Klinik begeben hatten; verfasst hat ihn der englische Psychiater John Todd (1914 - 1987), der ihn im Jahr 1955 im Canadian Medical Association Journal veröffentlichte.
Diese Geschichten sind alles andere als alltäglich und eigentlich unvorstellbar. Offensichtlich sind sie Beispiele für eine psychische Störung, und die Empfindungen der Patienten als Wahnvorstellungen abzutun, liegt ziemlich nahe. Doch trifft das ganz und gar nicht zu.
Unzählige Eltern haben ihren Kindern in den letzten 140 Jahren vor dem Schlafengehen eine Geschichte vorgelesen, in der genau solche Dinge passieren. Ein Zitat: »So geschah es dann tatsächlich, und zwar schneller als erwartet: Alice hatte die Flasche noch nicht zur Hälfte geleert, da stieß sie mit dem Kopf schon an die Decke und mußte sich bücken, um sich nicht das Genick zu brechen. Rasch setzte sie die Flasche ab. 'Das genügt', dachte sie. 'Hoffentlich wachse ich nicht noch weiter. Ich kann schon jetzt nicht mehr zur Tür hinaus. Wenn ich doch nur nicht soviel davon getrunken hätte.' Doch es war zu spät. Sie wuchs und wuchs, und bald war sie gezw