Wir spielten Lieblingstier': Das von Nina der Jaguar, meines die Schildkröte Eine Mutter, die einfach verschwindet, ein Vater, der sich elegant aus der Verantwortung stiehlt. Zwei Schwestern so unterschiedlich wie Sonne und Mond, untrennbar miteinander verbunden durch eine große schmerzhafte Leere, die sich durch ihre Kindheit und Jugend zieht und tiefe Wunden hinterlässt. Maddi, die Große, ist schüchtern, zurückhaltend, vernünftig; Nina, die Kleine, bildschön, launisch, egozentrisch. Rollen, die ihnen das Drehbuch einer permanenten Abwesenheit bis ins Erwachsenenalter hinein zugeteilt hat, obwohl beide mittlerweile auf unterschiedlichen Kontinenten leben. Zwischen exzessiven Spaziergängen durch Paris, endlosen Telefonaten, WhatsApp-Salven aus New York führt die Erinnerung die Ältere zurück nach Rom, zur Geschichte ihrer Familie, zurück in eine seltsam absurde Existenz im Schutz des eigenen Panzers. Doch manchmal bedarf es erst eines Wiedersehens mit den Orten der Vergangenheit, um sich endgültig aus alten Fesseln zu befreien und zu erkennen, dass wahrer innerer Friede keinen Panzer braucht. Carapax ist die zweite Publikation aus einer Reihe von fünf Romanen, die zum Projekt Identität und Diversität in der italienischen Gegenwartliteratur gehören. Das Projekt ist im Rahmen des Creative Europe Programme (CREA) und wird von der Europäischen Union mitfinanziert.

Autorentext
Lisa Ginzburg, lebt und arbeitet in Paris. Sie hat in Pisa studiert und sich auf die französische Mystik des 17. Jahrhunderts spezialisiert. Sie war Kulturdirektorin der Lateinischen Union und veröffentlichte unter anderem "Desiderva la bufera" (Feltrinelli, 2002), "Colpi d'ala" (Feltrinelli, 2006), "Per amore" (Marsilio, 2016), "Buongiorno mezzanotte, torno a casa" (Italosvevo Edizioni, 2018) und "Pura invenzione" sowie "Dodici variazioni su Mary Shelleys Frankenstein" (Marsilio, 2018). Ihr Roman "Cara pace" wurde 2021 mit dem Premio Strega ausgezeichnet.

Leseprobe
Lisa Ginzburg Carapax Ein Roman Aus dem Italienischen von Stefanie Römer Wenn ich ich bin, weil ich ich bin, und du bist du, weil du du bist, dann bin ich ich und du bist du. Aber wenn ich ich bin, weil du du bist, und du bist du, weil ich ich bin, dann bin ich nicht ich und du bist nicht du. Rabbi Menachem Mendel von Kotzk Die Vergangenheit ist ein Leuchtturm und kein Hafen. Russisches Sprichwort Für meine Mutter Erster Teil Strömungen Ich beschließe, dass ich unbedingt nach Rom muss. Ich beschließe es eines Abends, während ich mich abschminke. Pierre liegt schon im Bett, im Badezimmerspiegel kann ich ihn durch den Spalt der leicht geöffneten Tür sehen, wie er so tut, als lese er Der Mann, der den Zügen nachsah, den Krimi von Simenon aber er tut eben nur so: Er ist hundemüde und viel zu beschwipst, um sich tatsächlich konzentrieren zu können. Wir sind gerade von einem dieser offiziellen Dinner zurück, zu denen ich ihn in meiner wie ich finde, ziemlich gut gespielten Rolle der Diplomatengattin begleite. Langweilige und immergleiche Abendessen, immer gleich die Käsesorten vor dem Dessert, die üppigen Torten, der Ton der Gespräche, die Gesichter, das Getue, das Hin und Her zwischen Themen, die mich weder interessieren noch jemals überraschen. Wie man sich abschminkt (und schminkt), hat mir Leyla beigebracht, eine befreundete Kosmetikerin genauer gesagt, meine Kosmetikerin und inzwischen beste Freundin. Wir führen völlig unterschiedliche Leben, sie und ich. Leyla ist nicht verheiratet, sie hat keine Kinder. Sie kümmert sich um ihren Vater, den es vor über fünfzig Jahren aus Fort-de-France auf den Kleinen Antillen nach Paris verschlagen hat, einen reizenden älteren Herrn mit weißem Haar, das prächtig mit seiner dunklen Haut kontrastiert (einmal, an einem unvergesslichen Sonntag, war ich zusammen mit Leyla bei ihm zu Hause, in Champigny, zum Mittagessen eingeladen). Ihr Geschäft hat Leyla vollkommen allein aufgebaut, und gerade steht sie kurz davor, die über fünfundzwanzig Jahre lang angemieteten Räume ihres Kosmetiksalons im 17. Arrondissement zu kaufen, ein Etappenziel, auf das sie zu Recht stolz ist. Ich fühle mich wohl in Leylas Gesellschaft, ich liebe es, mich mit ihr auf einen Kaffee oder zum Lunch zu treffen. Manche Menschen schlagen dich von der ersten Sekunde an in ihren Bann, scheinen dich zu beflügeln, und Leyla ist solch ein Mensch für mich: ihr Kampfgeist, ihre Eleganz, das stets perfekte Make-up die bunten Schals über den dunklen Kleidern, der auffällige Schmuck, die hohen Absätze, auf denen sie mit echter, beneidenswerter Nonchalance durch die Welt geht. Ich vertraue Leyla, vielleicht, weil sie mich ein bisschen an meine Mutter erinnert: Sie durchschaut die Dinge, ist achtsam, niemals taktlos, die Erfahrung hat sie gelehrt, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, ohne dabei in Zynismus zu verfallen, und trotz ihres nicht immer ganz einfachen Lebens als Woman of Color in Frankreich habe ich sie noch nie wütend oder verzagt erlebt. Leyla hat mir also erklärt: Bevor man das Gesichtswasser verwendet, muss zuerst die Reinigungsmilch eingezogen sein die letzten Reste von Eyeliner, Wimperntusche oder Kajal entfernt man am besten nach der Reinigungsmilch und vor dem Gesichtswasser. Die Lippen werden mit einer Arganöl-Creme befeuchtet, die man mit dem Finger einem sündhaft teuren, winzigen Döschen entnimmt, das ich, müde wie ich bin, nicht mehr aus meiner Tasche drüben holen will. Ich belasse es bei Reinigungsmilch und Gesichtswasser. Pierre hat kapituliert, mit letzter Anstrengung hat er das LED-Nachttischlämpchen ausgeschaltet und ist weinselig eingeschlafen. Ich sehe mich im Spiegel und finde mich wie üblich weder schön noch hässlich, ehrlich gesagt sehe ich mich gerade überhaupt nicht, so gedankenverloren, wie ich bin. Ich war nur selten in Rom in den letzten Jahren, und auch nur zu besonderen Anlässen. Gemeinsam mit Nina zur Beerdigung unserer Mutter. Davor, lange davor, zu Weihnachten, zusammen mit Pierre und den Kindern, Valentina und Samuel, die damals noch klein waren. Pierre hatte darauf bestanden, mit Nachdruck, fast schon indigniert: Sie müssen doch auch die Stadt kennenlernen, in der ihre Mutter aufgewachsen ist; ihre Wurzeln liegen nicht nur in Paris, Maddalena, sondern auch in deiner Heimat! In meinem Kopf bleibt Rom jedoch ein schwieriger Ort: ein Gewirr aus Erinnerungen, bei denen ich aus einer Art Selbstschutzinstinkt nicht allzu lange verweile. Aber sieh an, heute Abend habe ich es beschlossen, ohne Wenn und Aber. Ich muss nach Rom. Nina und ich waren schon immer ständig in Kontakt, doch seit sie nach New York gezogen ist, hat sie ein noch größeres Bedürfnis sich auszutauschen. Wegen jeder Lappalie ruft meine Schwester mich an oder schickt mir WhatsApp-Nachrichten. Sie treffen rund um die Uhr ein, ohne jede Rücksicht auf die Zeitverschiebung zwischen uns. Mitten in der Nacht, am frühen Morgen, tagsüber, wenn ich allein unterwegs bin, abends genau dann, wenn ich mich gerade mit Pierre und den Kindern zu Tisch setze. Gnadenlos verkündet der Mitteilungston des iPhones den Eingang neuer Worte. Übergriffige Attacken, störend wie ein nerviges Nebengeräusch. Mittlerweile schalte ich das Handy oft aus, um unerreichbar zu sein; doch sobald ich es wieder einschalte und Ninas Nachrichten sehe, werde ich jedes Mal unruhig und fühle mich verpflichtet, ihr zu antworten. Ich hab geschlafen, Ich kann gerade nicht, Können wir morgen telefonieren? tippe ich hektisch, in der Hoffnung, meine Schwester möge den leisen Wink verstehen und sich kommunikativ ein wenig zügeln. Doch vergebens: Nina bleibt sich treu, stört uns weiterhin unbarmherzig. Oh Maddi, wie dumm von mir, tut mir leid, daran hab ich echt nicht gedacht!: eine Meisterin der Entschuldigung, nur um gleich darauf völlig unbekümmert, als wäre nichts gewesen, abermals zu den unmöglichsten Zeiten ihre Salven abzufeuern. Ich sehe es ihr nach; doch Pierre ist stinksauer. Das gibt's doch nicht! Deine Schwester ist dermaßen nar…
Titel
Carapax
Übersetzer
EAN
9783947767137
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
0.49 MB
Anzahl Seiten
240
Auflage
erste Auflage
Lesemotiv