Weihnachten - das ist das Fest der Geburt des Erlösers und ein Anlass, uns wieder auf unser Verhältnis zu Gott, zum Nächsten und zu uns selbst zu besinnen. Aber stimmt das heute wirklich noch, ist es nicht längst zu einem Fest von Konsum, Lärm und Hektik verkommen? Der vielseitige bayerische Schriftsteller Helmut Zöpfl hat sich in seinen zahlreichen Prosa- und Gedichtbeiträgen, unterhaltsamen Geschichten und Szenen zum Thema Gedanken gemacht. Er findet viele nachdenkliche und viele ermutigende, aber auch kritische Worte, die doch mit ihrem augenzwinkernden Humor immer versöhnlich bleiben. Ein ausgezeichnetes Lesefutter für lange Winterabende!

Helmut Zöpfl, emeritierter Pädagogikprofessor, ist einer der bekanntesten bayerischen Autoren. Der gebürtige Münchner versteht es in seinen Werken immer wieder, den Lesern die Augen für das Schöne und Positive zu öffnen: zeitkritisch und zugleich optimistisch, humorvoll und doch kämpferisch.

Autorentext

Helmut Zöpfl, emeritierter Pädagogikprofessor, ist einer der bekanntesten bayerischen Autoren. Der gebürtige Münchner versteht es in seinen Werken immer wieder, den Lesern die Augen für das Schöne und Positive zu öffnen: zeitkritisch und zugleich optimistisch, humorvoll und doch kämpferisch.



Leseprobe
E INE W EIHNACHTSGESCHICHTE

Der Schein des Sterns

Das Schicksal hatte es nicht so gut gemeint mit dem kleinen Pauli. Seine Eltern waren im alten Schlesien Gutsverwalter gewesen. Da war es ihm und seinen zwei älteren Brüdern zuerst noch einigermaßen gut gegangen. Aber es tobte damals schon der Zweite Weltkrieg. Der Vater, der nicht mehr der Gesündeste war und deswegen zunächst vom Wehrdienst verschont blieb, wurde ganz zum Schluss noch zum Volkssturm eingezogen und fiel kurz darauf.

Ja, und der Rest der Familie musste kurz darauf fliehen. Auf der Flucht wurden sie von einer bösen Seuche heimgesucht. Die zwei Brüder fielen ihr zum Opfer. Der Pauli überlebte zwar, aber er stürzte unterwegs so unglücklich, dass er sich das Becken brach. Die ärztliche Versorgung ließ damals natürlich zu wünschen übrig. Man legte ihn in Gips und brachte ihn und seine Mutter in ein Auffanglager. Da lag er viele Wochen lang, nur notdürftig versorgt und ohne besondere ärztliche Betreuung. Als das Lager aufgelöst wurde, brachte ihn ein Krankentransport, immer noch im Gipsbett, in seine neue Heimat: einen kleinen Ort in Bayern. Endlich kümmerten sich Ärzte um den kleinen Buben. Als sie ihm den Gips abnahmen, schüttelten sie aber den Kopf: "Da ist nicht mehr viel zu machen", stellten sie fest. Der Fuß sei verkorkst. Irgendwie sei alles falsch zusammengewachsen und das eine Bein werde wohl für alle Zeiten kürzer bleiben. Der Mutter teilte man in dem damals üblichen, recht rüden Sprachgebrauch mit, ihr Sohn werde wohl ein "Krüppel" bleiben.

Als der Krieg zu Ende war, arbeitete Paulis Mutter auf einem Bauernhof als Magd. Die beiden wohnten in einer winzigen Kammer. Trotz der großen Armut war es für den Buben eine schöne Zeit, denn seine Mutter kümmerte sich rührend um ihn und versuchte ihm, so gut es ging, das Gehen beizubringen. Ein Knecht am Bauernhof zimmerte dem Buben eine Krücke, mit deren Hilfe er sich immer besser fortzubewegen lernte.

Bald suchte der inzwischen Fünfjährige Kontakt zu den Kindern des Ortes. Er wurde als Spielgefährte durchaus anerkannt, doch das hinderte die anderen nicht daran, ihn hin und wieder "Hinkebein" zu heißen. Bei den meisten Spielen war er kein vollwertiger Akteur, aber der Pauli begnügte sich auch dankbar mit der Rolle einer Randfigur. Wenn die anderen Fußball spielten, machte er den Linien- oder Schiedsrichter und manchmal, wenn der Torwart fehlte, stellte man ihn sogar zwischen die, in der Regel durch zwei Ziegelsteine markierten "Torpfosten".

Pauli hatte zwei große Hobbys: Zeichnen und Basteln. In der Adventszeit malte er stundenlang mit seinen Farbstiften Bilder oder bastelte aus Papier Weihnachtsschmuck, vor allem Sterne. Denn die Sterne hatten es ihm besonders angetan. Immer wieder wollte er von seiner Mutter die Geschichte von den Heiligen Drei Königen hören, die der Stern zur Krippe des Christkindes geleitet hatte.

"Weißt du", sagte er einmal zu seiner Mutter, "irgendwie verstehe ich diese drei Könige nicht ganz." - "Wieso?", fragte die erstaunt zurück. - "Die haben dem kleinen Jesulein doch Gold, Weihrauch und Myrrhe gebracht?" - "Ja und?", meinte die Mutter. - "Weihrauch, Gold und Myrrhe, was soll denn ein kleines Kind mit so was anfangen? Da hätte ich mir schon etwas Besseres gewusst", behauptete er. - "Was hättest du denn mitgebracht?", wollte die Mutter wissen. - Darum war er nicht verlegen: "Vielleicht eine Tafel Schokolade, einen Vanillepudding oder Gummibärchen. Und auf alle Fälle was zum Spielen, einen Teddybären oder einen Ball. - Du", sagte er plötzlich, "ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als dass ich einer der drei Könige gewesen wäre."

Diese Idee setzte sich im Kopf Paulis immer mehr fest. Liebevoll malte und bastelte er zum nächsten Weihnachtsfest für die bescheidene Krippe, die sie schon hatten, die drei Weisen aus dem Morgenland mit einem prächtigen Gefolge, samt Kamelen und Elefanten. Von se
Titel
Mein großes Weihnachtsbuch
Untertitel
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet
EAN
9783475545511
ISBN
978-3-475-54551-1
Format
E-Book (epub)
Veröffentlichung
02.12.2015
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
5.29 MB
Anzahl Seiten
304
Jahr
2015
Untertitel
Deutsch