Linn braucht einen freien Kopf, damit sie vergessen kann. Gern wäre sie jemand anders. Weniger berühmt, dafür glücklich. Als Sterneköchin weiß sie am besten, dass Liebe durch den Magen geht. Nur hat sie zu lieben verlernt. Linn sehnt sich nach dem Alleinsein und reist in den Norden Schwedens. Doch je mehr sie sich zurückzieht, desto wundervolleren Menschen begegnet sie.
Linnea Lindblad führt ein Sternerestaurant in Göteborg, und seit sie in einer Kochshow auftritt, kennt ganz Schweden ihr Gesicht. Mit ihren achtunddreißig Jahren hat sie erreicht, wovon viele ein Leben lang träumen. Aber Linn ist müde, antriebslos und beschließt, eine Auszeit zu nehmen. Kurzerhand trennt sie sich von ihrem Markenzeichen, dem langen Zopf, instruiert ihre Angestellten und fährt in einem alten Volvo bis nach Norrbotten an der norwegischen Grenze. Einen Ort, mit dem sie nur schöne Erinnerungen verbindet: Hier verbrachte sie den letzten Urlaub mit ihren Eltern. Linn erkundet die Gegend, joggt, schläft und kocht endlich wieder nur für sich und nur mit dem, was der Wald um sie herum ihr bietet. Als sie die Dorfbewohner*innen kennenlernt, beginnt sie hier am Ende der Welt, wo niemand weiß, wer sie ist, zu begreifen, was ihr wirklich fehlt. Und dann bittet man sie, in einer Imbissbude auszuhelfen
Aus der Sterneküche in den Wald. Linn sucht im Norden Schwedens Ruhe und Erholung und findet so viel mehr.
Über Selbstfindung und Gemeinschaft, Haute Cuisine und Hausmannskost, den großen Erfolg und das wahre Glück
Autorentext
Hiltrud Baier ist in Süddeutschland aufgewachsen. Nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin absolvierte sie ein Germanistik und Pädagogikstudium. Vor über zwanzig Jahren wanderte sie der Liebe wegen nach Lappland aus. Seit Kurzem wohnt sie in Mariefred und ist glücklich, beim Schreiben jederzeit in die spektakuläre Natur Lapplands zurückkehren zu können.
Leseprobe
»Mitte Mai explodierte die Natur. Die Temperaturen schossen in die Höhe. Der Schnee schmolz, die Seen tauten auf, und das Gras vor ihrem Haus kroch aus der aufgetauten Erde. Innerhalb kürzester Zeit wurde es grün. Krokusse in unterschiedlichen Farben tauchten neben der Steintreppe auf, und Weidenkätzchen sprossen hinter dem Haus. Die Tage wurden immer länger. Jeden Morgen lief Linn stundenlang durch den Wald. In Südlagen und dort, wo die Sonne durch die dicht wachsenden Kiefern und Fichten drang, war der Schnee jetzt völlig geschmolzen. Sie frühstückte auf umgefallenen Baumstämmen, manchmal fand sie auch eine Holzbank, auf der sie rasten konnte. Im Rucksack hatte sie alles dabei: eine Sitzunterlage, Kaffee in der Thermoskanne, Fladenbrot und Rentierkäse aus der Tube. Da sie meist kreuz und quer durch den Wald lief, traf sie selten andere. Hinter dem Haus standen am Waldrand einige Birken, die sie anzapfen durfte. Sie musste sich beeilen. Wenn es weiterhin so warm sein würde, würden in ein paar Tagen die Blätter der Birken austreiben. Linn bohrte ein kleines Loch in die Stämme, setzte ein Röhrchen ein und befestigte Glasflaschen darunter, um den Birkensaft aufzufangen. Er schmeckte leicht süß mit einem erdigen Ton. In der Küche experimentierte sie mit unterschiedlichen Mengen Zucker, um Birkensaftsirup herzustellen. Sie ließ den Saft lange köcheln und hatte schließlich fünf Sorten Sirup. Sie testete ihn auf Hühnchen und Felchen, auf Erdbeereis und auf Waffeln und freute sich über die verschiedenen Geschmacksnoten. Vielleicht könnte sie im Herbst ein, zwei Gerichte mit Birkensaft im Restaurant anbieten. Es machte ihr Spaß, Neues auszutesten, Nuancen zu entdecken und zu verfeinern.«