Jan Wagner, geboren 1971 in Hamburg, lebt in Berlin. Bis 2003 war er Mitherausgeber der internationalen Literaturschachtel Die Außenseite des Elementes. Er wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt er den Hölderlin-Preis der Stadt Tübingen und den Kranichsteiner Literaturpreis.
Autorentext
Jan Wagner, geboren 1971 in Hamburg, lebt in Berlin. Bis 2003 war er Mitherausgeber der internationalen Literaturschachtel Die Außenseite des Elementes. Er wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt er den Hölderlin-Preis der Stadt Tübingen und den Kranichsteiner Literaturpreis.
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HUNDSTAGE
Erst sind es nur wenige, die sich leicht übersehen lassen. Man vergißt sie. Dann aber tauchen sie überall auf, nehmen die Bürgersteige und Straßenecken ein, besetzen Cafés und Plätze, verstellen die Sicht auf die Brunnen und beginnen das Bild der Altstadt zu prägen: hier der wohlbeleibte und in edlen Zwirn gewandete Signore mit seiner weißen Quadriga aus Königspudeln, dort die vor dem Slowakischen Nationalmuseum auf und ab trippelnde Diva mit einer erlesenen Auswahl von Windspielen. Am St.-Martins-Dom treibt ein französisches Pärchen eine Herde von Milchkühen vorbei, nein: es sind Dänische Doggen, schulterhoch. Eine Dame, sie könnte aus Spanien oder Südamerika eingeschwebt sein, feudelt das historische Kopfsteinpflaster vor der Jesuitenkirche mit ihrem Pekinesen, und unterm Michaelertor, gleich neben der historischen Apotheke mit dem roten Krebs im Schild, trifft ein Rudel von russischen Dachshunden auf ein Sextett Rehpinscher aus Österreich. Vor dem Geburtshaus des Komponisten Johann Nepomuk Hummel tummeln sich Chow-Chows und Möpse, und so geht es weiter: Barsois, Neufundländer und Bernhardiner, bis man kaum noch einen Schritt tun kann, ohne über eine Leine oder ein Fell zu stolpern, über Zwergspaniel, Spitze, Rottweiler und Leonberger, bis die Luft Bratislavas nicht länger erfüllt ist vom Klang des Slowakischen, sondern vom freudigen Bellen der Collies