Hannah ist 15 und Zeugin Jehovas. Was ihr früher ein Gefühl von Geborgenheit gegeben hat, wird jetzt zunehmend zum Problem. Hannah will ausbrechen, normal sein wie andere auch, die Ketten ihrer Religionsgemeinschaft sprengen. Doch auf einmal muss Hannah feststellen, dass ihre bisher so behütete Welt von nahezu unüberwindbaren Mauern umgeben ist ... Einfühlsam und authentisch greift Autorin Jana Frey in 'Das eiskalte Paradies' brisante Themen wie Religion und Sekten auf und bindet sie geschickt in die Lebenswelt der Jugendlichen ein. Ein Roman, der zum Nachdenken über Freiheit und Selbstbestimmung anregt.

Jana Frey, in Düsseldorf geboren, fing schon in ihrer Kindheit an zu schreiben. Mit 18 Jahren zog sie zu Hause aus und war danach lange in Amerika und Neuseeland, bevor sie wieder nach Deutschland zog. Aber egal auf welcher Seite der Weltkugel - das Schreiben hat sie immer begleitet. Sie studierte Literatur und wurde freischaffende Autorin. Inzwischen hat sie über 40 Bücher für Kinder und Jugendliche veröffentlicht und war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Autorentext

Jana Frey, in Düsseldorf geboren, fing schon in ihrer Kindheit an zu schreiben. Mit 18 Jahren zog sie zu Hause aus und war danach lange in Amerika und Neuseeland, bevor sie wieder nach Deutschland zog. Aber egal auf welcher Seite der Weltkugel - das Schreiben hat sie immer begleitet. Sie studierte Literatur und wurde freischaffende Autorin. Inzwischen hat sie über 40 Bücher für Kinder und Jugendliche veröffentlicht und war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.



Leseprobe

1

Meine Mutter war noch sehr jung, als ich geboren wurde. Und mein Vater war fast genauso jung wie sie. Die beiden sind schon zusammen in die Schule gegangen. Als mein Vater Abitur machte, ging meine Mutter in die zwölfte Klasse. Kennengelernt haben sie sich im Schulorchester. Das Schulorchester war mit Sicherheit auch der einzige Ort, wo die beiden sich überhaupt über den Weg laufen konnten, denn sie waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht.

Meine Mutter war laut und lustig und immer ein bisschen überdreht. Sie spielte Saxofon, konnte Einrad fahren und hatte viele Freunde.

Mein Vater war leise und scheu und nachdenklich. Er spielte Klarinette und verbrachte seine Freizeit damit, ganz alleine für sich durch die Gegend zu streifen und über die Welt im Allgemeinen und sein leises Leben im Besonderen nachzudenken.

Aber im Schulorchester hatten die beiden dann eines Tages einen gemeinsamen Auftritt. Während sich die übrigen Schüler nämlich bereits auf ihre Orchesterplätze begeben hatten, mussten meine Mutter und mein Vater, die damals natürlich noch nicht meine Eltern waren, Seite an Seite durch den großen abgedunkelten Musiksaal laufen, mitten durch den schmalen Mittelgang, und dabei leise miteinander musizieren. Es sollte klingen, als unterhielte sich eine traurige Klarinette mit einem vergnügten Saxofon. Die Aufführung klappte ganz wunderbar, bis mein Vater, die Klarinette zwischen den Lippen, über eine Bühnenstufe stolperte und sich bei seinem Sturz den Ellenbogen brach.

Aber das bekam an diesem Abend keiner mehr mit, denn mein Vater stand wortlos auf und verließ den unruhigen Musiksaal, ohne ein Wort der Erklärung abzugeben. Dabei musste er furchtbare Schmerzen gehabt haben.

Und eines Tages trafen sie sich ganz zufällig wieder. Es war Herbst und es regnete, und die beiden trafen sich am Rhein, der enormes Hochwasser führte und weit über seine Ufer hinüberschwappte.

"Hallo, Michael", rief meine Mutter vergnügt und winkte.

"Hallo ...", murmelte mein Vater, der den Vornamen meiner Mutter längst schon wieder vergessen hatte, und fuhr sich verlegen durch seine nass geregneten Haare, während er langsam auf sie zuging.

"Wie geht es deinem Arm?", fragte meine Mutter, als sie sich endlich gegenüberstanden.

"Längst wieder in Ordnung", sagte mein Vater verlegen.

"Wie war dein Abitur?", fragte meine Mutter.

"Sehr gut, danke", sagte mein Vater.

"Aber auf der Abifeier warst du nicht, ich habe nach dir Ausschau gehalten", sagte meine Mutter.

Mein Vater schüttelte den Kopf.

"Warum nicht?", erkundigte sich meine Mutter.

"Ich mag keine großen Feiern", sagte mein Vater knapp und hörte nicht auf, sich nach Steinen zu bücken, die er, einen nach dem anderen, ins dunkle, vorbeirauschende Flusswasser schleuderte.

"Ich kann sie springen lassen", erklärte meine Mutter und führte meinem Vater vor, wie man flache Steine so über die Wasseroberfläche zischen lässt, dass sie erst eine kleine Weile über das Wasser hüpfen, ehe sie versinken.

Und so kamen die beiden nach und nach ins Gespräch. Und weil meine Mutter damals ziemlich schlecht in der Schule stand, überredete sie meinen Vater schließlich dazu, ihr Nachhilfestunden zu geben.

Mein Vater lebte bei seiner alten, schweigsamen Großmutter.

"Wo sind deine Eltern?", fragte meine Mutter einmal.

"Ich weiß nichts von meinem Vater", erklärte mein Vater zögernd. "Und meine Mutter lebt in Amsterdam. Sie ist dort verheiratet."

"Warum wohnst du nicht bei ihr?", fragte meine Mutter verwundert.

"Sie wollte mich nicht, weil ihr Mann mich nicht wollte", sagte mein Vater knapp und dann mochte er nicht mehr über seine Mutter sprechen.

Und als eines Tages ganz plötzlich seine Großmutter starb, zog mein Vater niedergeschlagen in ein Studentenwohnheim und meine Mutter zog an ihrem achtzehnten Geburtstag zu ihm in sein enges Zimme

Titel
Das eiskalte Paradies
Untertitel
Ein Mädchen bei den Zeugen Jehovas
EAN
9783732009831
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Herausgeber
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
1.23 MB
Anzahl Seiten
192
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet