Dieses eBook: 'Nemesis' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Im ersten Dämmerschein des Morgens trat ein Mann aus dem Düster des Tannenforstes. Am Saume desselben blieb er stehen, schlug die Arme übereinander und schaute bohrenden Blickes in das graue Frühlingsnebelmeer hinab, welches hart unter seinen Füßen die Tiefe füllte und meilenweit hinzuwogen schien. Der Hochwald, aus welchem der Mann getreten, krönte eine Kuppe, von welcher aus man über die Nebelmassen hinweg ostwärts und südwärts die grandiosen und bizarren Formen einer Reihe von schneeglänzenden Kolossen in den blaßblauen Himmel emporragen sah. Aber diese Bergriesen hatten jetzt, wie immer vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, ein unheimlich geisterhaftes Ansehen, etwas leblos Starres, Ankältendes. Der Winter schien auf ihnen zu schlafen, bleiern, unnahbar, mit eisigem Odem Licht und Leben aus seiner Nähe bannend.' Johannes Scherr (1817-1886) war ein deutscher Kulturhistoriker und Schriftsteller.

Johannes Scherrs "Nemesis" entfaltet eine historisch grundierte Erzählung über Schuld, Vergeltung und die sittliche Logik geschichtlicher Ereignisse. Der Titel verweist auf die antike Rachegöttin und zugleich auf ein modernes Geschichtsverständnis, in dem private Leidenschaften und öffentliche Verhältnisse einander unentrinnbar durchdringen. Scherrs Stil verbindet erzählerische Spannung mit essayistischer Reflexion: Charakterzeichnung, moralische Analyse und kulturhistorische Anspielung treten in ein dichtes Verhältnis. Im literarischen Kontext des 19. Jahrhunderts steht das Werk zwischen historischem Roman, politischer Zeitdiagnose und bürgerlichem Bildungsnarrativ. Scherr, 1817 in Württemberg geboren und später in der Schweiz wirkend, war Schriftsteller, Literaturhistoriker und entschiedener Demokrat. Seine Erfahrungen mit politischer Repression, Exil und den Enttäuschungen nach 1848 prägten sein Denken nachhaltig. In "Nemesis" spiegelt sich diese Biographie: Geschichte erscheint nicht als bloße Abfolge von Ereignissen, sondern als Gericht über menschliche Hybris, gesellschaftliche Blindheit und moralische Verantwortung. Zu empfehlen ist das Buch Leserinnen und Lesern, die erzählende Literatur nicht von historischer Erkenntnis trennen möchten. "Nemesis" bietet keine leichte Zerstreuung, sondern eine anspruchsvolle, gedankenreiche Lektüre über Konsequenz, Macht und Gerechtigkeit. Gerade dadurch bleibt Scherrs Werk für historisch und politisch interessierte Leser bemerkenswert aktuell. Diese erweiterte Ausgabe wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um Ihr Leseerlebnis zu bereichern. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.



Klappentext

Dieses eBook: "Nemesis" ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: "Im ersten Dämmerschein des Morgens trat ein Mann aus dem Düster des Tannenforstes. Am Saume desselben blieb er stehen, schlug die Arme übereinander und schaute bohrenden Blickes in das graue Frühlingsnebelmeer hinab, welches hart unter seinen Füßen die Tiefe füllte und meilenweit hinzuwogen schien. Der Hochwald, aus welchem der Mann getreten, krönte eine Kuppe, von welcher aus man über die Nebelmassen hinweg ostwärts und südwärts die grandiosen und bizarren Formen einer Reihe von schneeglänzenden Kolossen in den blaßblauen Himmel emporragen sah. Aber diese Bergriesen hatten jetzt, wie immer vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, ein unheimlich geisterhaftes Ansehen, etwas leblos Starres, Ankältendes. Der Winter schien auf ihnen zu schlafen, bleiern, unnahbar, mit eisigem Odem Licht und Leben aus seiner Nähe bannend." Johannes Scherr (1817-1886) war ein deutscher Kulturhistoriker und Schriftsteller.



Leseprobe
2. Ein Wiedersehen Inhaltsverzeichnis

Als er das Dorf im Rücken hatte, befand er sich auf der Straße, welche, wie wir gesehen, rechtshin an dem aus dem See strömenden Flusse in das Tal sich hinabzog. Er verfolgte diese Richtung, bis er an der rotbedachten Brücke angekommen war. Hier bog er von der Straße ab, ging über die Brücke und am andern Ufer den Fahrweg hinauf, welcher auf die Mühle zuführte. Halbwegs begegnete ihm der Müllerwagen, welcher nach dem Dorfe fuhr, und er fragte den Knecht, ob sein Herr daheim sei. Auf die bejahende Antwort hin ging er weiter und langte bald bei der Mühle an.

Es war ein stattliches Gehöft und der Eindruck der Wohlhabenheit, welchen es machte, drang sich dem Herangekommenen so deutlich auf, daß er in den Bart brummte:

»Meister Veit hat sich gut gebettet, bei Jove! Vermute, er hat die Kunst, Erworbenes zusammenzuhalten und zu mehren, besser verstanden als ich. Der Mann war von jeher ein Geizkragen.«

Hiermit ging er zwischen der Scheune und den Stallungen hindurch in den Hof und auf die Mühle selber zu, aus deren Untergeschoß ein lustiges Geklapper hervorscholl. Der gewaltige Hofhund schoß bellend aus seiner Hütte hervor und wurde nur durch seine Kette verhindert, auf den Fremden einzuspringen. Dieser kümmerte sich jedoch nicht sehr um das grimmige Tier, sondern schritt geradenwegs auf die Haustür zu und war im Begriff, die Klinke derselben zu drücken, als die Tür aufging und ihm ein Mann aus der Flur entgegentrat.

Der Fremde hatte den Müller - denn der war es - kaum erblickt, als er ihm die Hand entgegenstreckte und in kordialem Ton sagte:

»Guten Morgen, Freund Veit. Freut mich ungemein, Euch so wohlauf zu treffen.«

Beim Anblicke des Fremden war das gelbliche Gesicht des Müllers erdfahl geworden und die Stimme desselben machte ihn ordentlich einen Schritt zurücktaumeln.

»Twerenbold?« preßte er endlich mühsam heraus, staunend, überrascht, durch diese Begegnung offenbar im höchsten Grade erschreckt.

»Ja, Twerenbold, mit Eurer Erlaubnis,« versetzte der andere keck und setzte im Tone des gutmütigen Polterers hinzu: »Aber, by all the powers, wie die Irishmen schwören, ist das 'ne Art, einen alten Freund willkommen zu heißen?«

»Twerenbold?« wiederholte der Müller. »Wie? Ihr seid zurückgekommen?«

»In Lebensgröße, wie Ihr seht,« lachte Twerenbold.

Dem Müller war es ganz und gar nicht ums Lachen zu tun. Er stand regungslos, starrte den Eindringling an und sagte dann:

»Und was wollt Ihr hier, Meister Twerenbold?«

Die Frage klang verzweifelt kühl, unfreundlich, abweisend, und doch auch wieder ängstlich forschend, furchtsam.

»Was ich hier will? Nun, zunächst will ich, daß Ihr mich nicht so zwischen Tür und Angel stehen laßt wie 'nen schäbigen Bettler, sondern mir die Hand gebt und aus vollem Herzen zu mir sagt: Willkommen, guter alter Freund!«

Der Müller zauderte und warf einen schielend forschenden Blick auf den »guten, alten Freund«, aber das harte Auge desselben übte eine Macht auf ihn, welcher er nicht zu widerstehen wagte.

Widerstrebend bot er ihm die Hand hin und sagte:

»Ihr seid willkommen. Folgt mir.«

Der Gast ließ sich das nicht zweimal sagen und folgte seinem Wirt die Treppe hinauf. Droben ging der Müller über einen langen Gang, schloß eine Hinterstube auf, in welche das Geräusch des Mühlwerks nur sehr gedämpft drang, und ließ seinen Besuch eintreten.

Twerenbold legte ohne Umstände Mantel, Hut und Stock ab und sah sich bedächtig in dem Zimmer um.

Es war so, wie man es unter dem Dach einer Gebirgsmühle zu finden nicht erwarten durfte, denn die ganze Einrichtung war nicht nur städtisch, sondern sogar luxuriös und nicht ohne Geschmack. Gestickte Vorhänge an den Fenstern, auf dem Boden ein bunter Teppich, Möbel von eleganter Form und weicher Sammetpo…

Titel
Nemesis
Untertitel
Erweiterte Ausgabe. Ein kulturhistorischer Roman ber Schuld, Vergeltung und moralische Verantwortung im 19. Jahrhundert
kommentiert von
Editor
EAN
9788026850434
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Herausgeber
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
0.8 MB
Anzahl Seiten
344
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet
Auflage
2. Aufl.