Katharina Gerwens wuchs in einem Dorf im Münsterland auf. Nach ihrer Ausbildung zur Journalistin arbeitete sie in verschiedenen Verlagen und ist heute als freie Autorin tätig. Sie lebt mit Mann und Kater in Niederbayern.
Autorentext
Katharina Gerwens wuchs in einem Dorf im Münsterland auf. Nach ihrer Ausbildung zur Journalistin arbeitete sie in verschiedenen Verlagen und ist heute als freie Autorin tätig. Sie lebt mit Mann und Kater in Niederbayern.
Leseprobe
1. Kapitel
Mit einem eigenartigen Gefühl öffnete Franziska Hausmann den großformatigen Briefumschlag und setzte sich erst einmal hin. Jetzt war es also passiert. Ihre beste Freundin Marie und einer ihrer ältesten Freunde, der Oberstaatsanwalt Dr. Benno Holdenrieder, waren zusammengezogen und luden nun, da sie nicht geheiratet hatten, zu einer Beziehungsfeier ein, die zugleich eine Einweihungsparty ihres neuen Anwesens war.
Ausgerechnet Lieblmühle hieß der Hof, und ganz kurz überlegte Franziska, ob Benno und Marie bewusst nach einem solchen Ortsnamen gesucht hatten oder ob es doch nur Zufall war. Ersteres hätte sie ihnen durchaus zugetraut. Lieblmühle, das klang doch ein bisschen wie Liebesmüh, ein Begriff, der irgendwie an das Wort »vergeblich« gekoppelt schien. Vergebliche Liebesmüh hatten Benno und Marie reichlich geleistet - bis zu dem Zeitpunkt, als sie sich bei einem Silvesterfest im Hause der Hausmanns kennenlernten und die beiderseitige Mühe endlich belohnt wurde.
Franziska legte das Blatt Papier vor sich auf den Küchentisch, strich es sorgfältig glatt und schenkte sich eine weitere Tasse Kaffee ein. Das alles musste sich erst mal setzen. Erstaunt nahm sie wahr, dass ihre Hände zitterten.
Lange betrachtete sie das Foto des großen Vierseithofs und die Anfahrtsskizze. Das neue Zuhause der beiden befand sich in einem Flussdreieck südöstlich des Ortes Hauzenberg. Franziska war schon mehrmals dort gewesen. Der Hof verfügte über eine Scheune von über fünfhundert Quadratmetern, einen riesigen Garten mit Fisch- und Schwimmteich und einen Lagerfeuerplatz. Am ersten Oktoberwochenende sollte das Fest stattfinden. Eine Art Erntedank für alle Erfahrungen, die sie in ihren jeweiligen Leben eingefahren hatten. Wenigstens wurde nicht geheiratet. Das hätte gerade noch gefehlt!
Franziska Hausmann fragte sich, warum ihr diese Nachricht einen so eigenartigen Stich versetzte. Sie sollte sich für Marie freuen, die lange Zeit immer an die falschen Männer geraten war, und für Benno, dem bislang eine Frau nach der anderen weggelaufen war. Eine davon war sie selbst gewesen.
Dennoch hatte sie ganz kurz das Gefühl, als würden die beiden sie mit dumpfer Entschlossenheit betrügen und unerlaubterweise gemeinsam genau jenes Glück ausstrahlen, das sie jedem Einzelnen von ihnen so sehr gewünscht hatte. Wie gesagt, jedem Einzelnen, aber nicht den beiden miteinander. Das passte irgendwie nicht. Das tat weh. Franziska schämte sich ein bisschen für ihre Gedanken.
Würde sie noch rauchen, wäre das der Moment für eine Zigarette gewesen. Stattdessen biss sie nun in den Rand ihrer Kaffeetasse und schüttelte verwundert den Kopf. Was war nur los mit ihr?
Ihre eigene Bennogeschichte lag mehr als dreißig Jahre zurück, und sie und der Oberstaatsanwalt waren sich nach vielen Querelen darin einig gewesen, dass sie nie ein perfektes Paar geworden wären, nicht einmal eines, das leidlich miteinander ausgekommen wäre. Aber als Freunde waren sie miteinander alt geworden und hatten sich in guten wie in schlechten Zeiten unterstützt. Von nun an würde Benno sich eher an Marie wenden als an sie. Eine Art Wehmut überschwemmte sie. Es war so, als hätte sie ihn zum zweiten Mal verloren.
Hoffentlich war er der Richtige für Marie.
Das Glück der beiden war schon der gedruckten Einladung anzusehen, und selbst Maries Handschrift schien begeisterte Bögen zu werfen. »Endlich angekommen!«, hatte sie mit königsblauer Tinte hinzugefügt und statt eines Ausrufezeichens ein Herz gemalt. Die handfeste Marie, die bisher alle Höhen und Tiefen ihres Lebens so pragmatisch angegangen war und jeder Schwierigkeit mit dem Satz begegnete: »Nimm es, wie es ist, und mach das Beste draus.« So kannte Franziska sie kaum wieder.
»Einladung zur Eröffnungsparty unseres Hauses nebst Museum«, stand auf der Karte, daneben ein Foto des Paars, er neunundfünfzig und