Kerstin Ekman, geboren 1933, gilt als die wichtigste skandinavische Gegenwartsautorin. Ihr umfangreiches literarisches Werk ist preisgekrönt, wurde vielfach verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Autorentext
Kerstin Ekman, geboren 1933, gilt als die wichtigste skandinavische Gegenwartsautorin. Ihr umfangreiches literarisches Werk ist preisgekrönt, wurde vielfach verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Leseprobe
Vor ein paar Jahren fuhr ich heim, um ein Haus zu verkaufen. Ich saß im Zug und blickte auf den düsteren Fichtenwald. Ich sah die Seen und die Schlösser, die sich darin spiegeln. Es ist eine schöne Landschaft, doch die Schönheit endet etwa eine Meile* vor der Stadt meiner Kindheit. Der Wald wird dicht, die Böden mit Erlen und Weidengestrüpp versauern zu Moor. Wenn sich die Kiefernheiden öffnen, liegt sie da und in ihr, wie die Rückengräte in einem aufgeschlitzten Strömling, die Eisenbahn. Auf platten Feldern erstreckt sich die Bebauung einiger Jahrzehnte. Sie ist wie andere Ortschaften, die ich kurz zuvor gesehen hatte, die vorbeizogen und in die Zeit und den Wald zurückgedrängt wurden.
Sie beginnt mit Baracken und Stapeln von arsenikimprägniertem Holz. Dann kommen langgestreckte Werkstattgebäude und Mietshäuser mit Flecken im Putz. Wenn das alte Postgebäude mit den Laubgirlanden aus Zement unter dem schadhaften Reichswappen vorübergleitet, mache ich gewöhnlich die Augen zu. Manchmal wünsche ich mir, daß die Stadt in einen Schacht des Vergessens sänke, in ein altes Grubenloch in meinem Innern, das sich langsam mit Wasser füllte.
Einst war hier nichts als Wald und graue, schiefe Katen. Zwischen Laggs und lichter Kiefernheide öffnete sich ein Haferfeld. Ein Kiesrücken, den ein Eiszeitfluß hinterlassen hatte, lag wie ein großer Körper mitten in der Landschaft. Noch hatte kein Weg ihn durchschnitten. Ich versuche mir immer vorzustellen, daß da keine Schienen und kein Bahndamm wären, niemals gewesen wären, daß gepflügte Haferparzellen und braunschimmernde Weiden zum Vorschein kämen, wenn die lange Krankheit des Winters überwunden wäre. Daß Menschen in \Vagen auf gewundenen Wegen dahinschaukelten und daß es still wäre, still. Misthaufen und offene Gräben. Hundegebell und Kirchenglocken, die man weithin hörte. Die Veränderungen in jedem Jahr so gering, daß man sie kaum merkte. und überall diese Stille, von der ich nicht viel wissen kann. Vielleicht stank sie beißend und unverhohlen. Ja, Stille und stete Wiederkehr müssen es gewesen sein. Bis die Eisenbahnschienen wie ein Band hämmernder, scheuender Zeit durch die Landschaft gelegt wurden.
Man begann Bauholz zu transportieren. Behauenen Stein. Eisenträger. Ziegel. Von Hand bearbeitete Sparren. Auch Sprossenbänke und Deckenrosetten aus Gips. Die Schienen dröhnten und sangen unter den Güterwagen, wie seitdem immer. Seltsam. sich vorzustellen, daß es entlang der Bahnlinie nicht einmal während der schlimmsten Schneestürme ganz still gewesen ist. Immer hat sich im Schneegeflimmer und Aufblitzen der Laternen ein Zug bewegt. Langsam stampfend hat er sich mit den ausgebreiteten gewaltigen eisernen Schwingen des Pfluges vorangearbeitet. Der erste Zug, der auf dieser Strecke abfuhr, hatte die Endstation noch nicht erreicht, als auch schon dem nächsten freie Fahrt gegeben wurde. So ist das weitergegangen, ohne Unterlaß. Die Zeit kennt keinen Aufenthalt, auch nicht für eine einzige schneeige Weihnachtsnacht.
Menschen waren mit Koffern und Bündeln nach Göteborg gefahren, um zu emigrieren. Beamte waren bei Häuseransammlungen auf lehmigen Äckern ausgestiegen, um daraus Gemeinden zu machen. Die Leute waren fortgereist, um zu arbeiten oder zu heiraten, und heimgereist, um um Verzeihung oder Geld zu bitten oder um jemand zu beerdigen. So, wie ich heimfuhr, um das Haus zu verkaufen. Nach einigen Jahren ist es vergessen. oder Nutzen und Bedeutung dieser Reise sind ebenso schwer auszumachen wie die der meisten anderen.
Jungen waren zwischen den Stationen in Erster-Klasse-Abteilen schwarzgefahren. Hat Fredrik mir das erzählt? A