Chicago 1897: Anna Nicholson sieht ihre Zukunft schon genau vor sich: Sie wird ihren wohlhabenden Verlobten heiraten und dadurch ihren Vater vor dem Bankrott retten. Doch die Vergangenheit lässt sie nicht los. Immer wieder muss sie an ihre Oma Geesje denken, die sie gerade erst kennengelernt hat, und an Derk, den angehenden jungen Pastor. Durch die beiden hatte sie eine gänzlich andere Perspektive auf das Leben gewonnen. Doch innerhalb des engen Korsetts der gehobenen Gesellschaft zu ihren neuen Überzeugungen zu stehen, erweist sich als äußerst schwierig. Außerdem ist da noch die Tatsache, dass sie adoptiert wurde. Fieberhaft versucht Anna mehr über ihre leiblichen Eltern in Erfahrung zu bringen. Sie ahnt nicht, dass sie damit einen Skandal lostritt, der alles infrage stellen könnte.

Autorentext
Lynn Austin ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Holland, Michigan. Ihre zahlreichen Romane sind allesamt Bestseller und mit unzähligen Preisen ausgezeichnet worden. In Deutschland gilt sie als die beliebteste christliche Romanautorin.

Leseprobe
1. Kapitel Anna Chicago, Illinois 1897 Ich liege noch im Bett und genieße den herrlichen Zustand zwischen Träumen und Wachen, als die Nachricht eintrifft. Unser Hausmädchen hat sie auf einem Tablett in mein Schlafzimmer gebracht, zusammen mit Tee und Toast und einem weich gekochten Ei. Als ich sehe, von wem der Brief stammt, bin ich auf einen Schlag hellwach. Die nächsten Augenblicke werden mein Leben verändern. Ich reiße den Umschlag auf und ziehe die Karte he-raus. Von: Detektei Pinkerton Agenten R. J. Albertson und M. Mitchell An: Miss Anna Nicholson Hiermit teilen wir Ihnen mit, dass wir Details über Ihre Mutter, Christina de Jonge, in Erfahrung gebracht haben, die Sie möglicherweise interessieren. Bitte lassen Sie uns wissen, zu welchem Zeitpunkt wir Ihnen unsere Ergebnisse erläutern können. Ich schlage die Bettdecke zurück und springe so hastig aus dem Bett, dass das Mädchen überrascht einen Schritt zurückweicht. »Wartet der Kurier, der diese Nachricht gebracht hat, noch auf eine Antwort von mir?«, frage ich. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie das Mädchen heißt. Es ist neu und sehr scheu. Mutter verlangt viel von unseren Dienstboten und nur wenige halten es lange bei uns aus. Dieses arme Ding habe ich auch schon in Tränen aufgelöst gesehen. »Iich weiß nicht genau, Miss Anna. Soll ich nachsehen gehen?« Sie sieht sich um, als suche sie einen Platz, an dem sie das Tablett abstellen könnte. Die Tasse klirrt auf der Untertasse. »Nein, bitte warte einen Moment.« Ich krame in meinem Schreibtisch nach Briefpapier und einem Stift, um eine Antwort zu schreiben. Ich bin mir sicher, dass der heutige Tag bereits gut mit Terminen gefüllt ist, aber ich bin so aufgeregt, dass ich mich an keinen einzigen davon erinnern kann. Die Detektive von Pinkerton haben einen guten Ruf und sind Experten darin, Geheimnisse aus der Vergangenheit auszugraben, deshalb habe ich schon ungeduldig auf einen Bericht von ihnen gewartet. Rasch kritzele ich eine Nachricht an die Agenten Albertson und Mitchell aufs Papier und bitte sie, heute um drei Uhr herzukommen. Dann falte ich den Briefbogen, schiebe ihn in einen Umschlag und versiegele ihn. »Bring das sofort dem Kurier«, sage ich zu dem Mädchen. Dann entreiße ich ihm das Tablett und drücke ihm stattdessen den Umschlag in die Hand. »Beeil dich!« »Jawohl, Miss Anna.« Als sie gegangen ist, fällt mir ein, dass ich zum Mittagessen bei der Mutter und der Schwester meines Verlobten eingeladen bin. Diese Verabredung wird sich gewiss bis drei Uhr hinziehen, da bin ich mir sicher. Nun, dann werde ich mich eben einfach entschuldigen müssen. Mutter wird darüber verärgert sein, aber das ist nicht zu ändern. Ich warte seit Wochen auf Neuigkeiten über meine leibliche Mutter, seit ich im Juli aus Michigan zurückgekehrt bin. Während ich mittags bei der Gartenparty Tee trinke und winzige Sandwiches esse, kann ich an nichts anderes denken als an den Bericht der Detektive. Williams Mutter hat dieses Mittagessen geplant, um mich ihren langjährigen Freundinnen und deren Töchtern als die Verlobte ihres Sohnes vorzustellen. Der Herbsttag ist so schön, dass wir draußen in den makellos gepflegten Gärten hinter dem Anwesen der Wilkinsons essen. Auf dem Rasen zwischen den Blumenbeeten sind Tische und Stühle arrangiert worden und die Tische sind mit weißen Leintüchern, feinem Porzellan und Silberbesteck gedeckt. Dienstmädchen schenken den Tee aus silbernen Teekannen ein und reichen die Häppchen auf silbernen Tellern an. Die Atmosphäre ist heiter, die Vögel zwitschern und die Luft ist vom Duft der letzten Sommerrosen erfüllt, die an den Rankhilfen hinaufklettern. Mutter sieht aus wie eine Königin, während sie mit Williams Mutter plaudert. Sie strahlt, als wäre sie die Braut in spe und nicht ich. Diese Heirat wird ihren Status in der Chicagoer Gesellschaft um mehrere Stufen anheben. Ich sitze ein Stück entfernt mit Williams Schwester Jane, seiner Tante Augusta und zwei Cousinen an einem Tisch. Eigentlich sollte ich mit vornehmer Begeisterung zuhören, wie sie über William reden und mir von ihren Erwartungen an unseren Hochzeitstag erzählen, aber ich kann kaum still sitzen. Meine einzige Aufgabe ist es, hübsch auszusehen, höflich Konversation zu machen und das Essen zu genießen, aber mir wird zunehmend unbehaglich zumute, so als müsste ich dringend irgendetwas anderes tun. Ich habe keine Ahnung, was. Aber irgendetwas Nützliches. Als endlich das Dessert gereicht wird, bin ich das Lächeln leid. Ich bin von Natur aus schüchtern und nicht gewohnt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Immer wieder muss ich auf die kleine Uhr sehen, die an meinem Mieder befestigt ist ein Geschenk von Mutter und Vater. Die Zeit scheint im Schneckentempo zu verstreichen. Mutter bemerkt, wie ich auf die Uhr blicke, und schüttelt diskret den Kopf, um mich an meine Manieren zu erinnern. Ich hatte nie ein Problem damit, die Regeln zu befolgen, die meine gesellschaftliche Stellung mit sich bringt, bis ich im Sommer eine Woche mit meiner Großmutter Geesje in Michigan verbracht und gesehen habe, wie befreiend ein einfacheres Leben sein kann. Jane, die fünf Jahre jünger ist als ich, beugt sich vor, um mir etwas zuzuflüstern. Sie ist schlank und dunkelhaarig wie William und ihre braunen Augen funkeln übermütig, als sie verstohlen auf eine modisch gekleidete junge Frau zeigt, die in der Nähe des Springbrunnens sitzt. »Hast du Clarice Beacham schon kennengelernt?«, fragt sie. »Nur kurz. Warum?« »William hat ihr eine Weile den Hof gemacht, bevor er dich kennengelernt hat. Clarice war außer sich vor Wut, als er sie deinetwegen hat sitzen lassen.« »Es wundert mich, dass sie heute gekommen ist.« »Meine Mutter und ihre Mutter sind sehr alte Freundinnen. Es war von Anfang an ihre Idee, sie und William zusammenzubringen, nicht seine.« »Ich verstehe.« Clarice ist mit Abstand die schönste Frau bei dieser Gesellschaft und ihr kastanienbraunes Haar ist nach der neuesten Mode frisiert. Sie strahlt ein Selbstbewusstsein aus, das ich nie hatte. Es zeigt sich in der Art, wie sie sitzt und geht und sich mühelos mit den anderen Frauen unterhält. Und doch finde ich, dass ein Wort sie am besten beschreibt, das nicht freundlich ist: hochmütig als wären Reichtum und Luxus und Privilegien ihr Geburtsrecht. Aber ich wage es nicht, sie zu verurteilen, denn ich hatte den Großteil meines bisherigen Lebens die gleiche Einstellung, auch wenn ich meine Stellung in der Gesellschaft durch Adoption erlangt habe und nicht durch meine Geburt. »Clarice beobachtet dich seit Monaten ganz genau«, erzählt Jane mir, »und wartet nur darauf zuzuschlagen, falls es mit dir und William nicht klappt.« Ich frage mich, warum Jane sich mir so anvertraut. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, fügt sie hinzu: »Ich erzähle dir das nur, damit du achtgibst, was du in ihrer Gegenwart sagst. Clarice würde alles tun, um William zurückzubekommen.« E…
Titel
Ufer der Erinnerung
Übersetzer
EAN
9783963629549
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
0.79 MB
Anzahl Seiten
413
Auflage
Auflage
Lesemotiv