Ein Dame spielender Onkel, der bibelfeste Vater, der verliebte Biologe, ein Pastor auf dem Rennrad: Immer ist es Maarten 't Hart selbst, dem wir in diesen zwölf grandiosen Geschichten begegnen, die der Autor eigens für die vorliegende Ausgabe zusammengestellt hat. Seine Orte und Landschaften, die Klänge eines Konzerts, das Summen von Wespen im April - Maarten 't Harts ganzer Kosmos findet sich in diesen poetischen Stücken wieder und zeigt den Autor des Bestsellerromans 'Das Wüten der ganzen Welt' als einen der großen niederländischen Geschichtenerzähler. 'Man kann sich nicht losreißen - einfach weil Maarten 't Hart ein hinreißender Erzähler ist.' Die Zeit

Maarten 't Hart, geboren 1944 in Maassluis, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich als Schriftsteller niederließ. 1997 erschien auf Deutsch sein Roman 'Das Wüten der ganzen Welt', der zu einem überragenden Erfolg wurde. Nicht zuletzt seine autobiografischen Bücher machten ihn zu einem der renommiertesten europäischen Gegenwartsautoren, dessen Bücher sich allein im deutschsprachigen Raum über 2 Millionen Mal verkauft haben.

Vorwort
Auf Schlittschuhen zum lieben Gott

Autorentext

Maarten 't Hart, geboren 1944 in Maassluis, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich als Schriftsteller niederließ. 1997 erschien auf Deutsch sein Roman "Das Wüten der ganzen Welt", der zu einem überragenden Erfolg wurde. Nicht zuletzt seine autobiografischen Bücher machten ihn zu einem der renommiertesten europäischen Gegenwartsautoren, dessen Bücher sich allein im deutschsprachigen Raum über 2 Millionen Mal verkauft haben.



Leseprobe

Brachland

Die meisten Plätze sind noch nicht besetzt, als mein Vater und ich über die dunkle Wendeltreppe auf die Empore kommen. Aber Quack und Parre sind schon da; Quack sitzt in der Ecke an der Wand, und auf dem linken Ärmel seines schwarzen Anzugs sind verwischte weiße Streifen. An einem Haken in der Bank hängt sein Spazierstock. Parre thront wie ein Fürst gleich bei der wackligen Stufe am Anfang der Bank. In der Kirchenbank von Quack und Parre sind jetzt noch zwei Plätze, einer für meinen Vater neben Parre, einer für mich neben Quack. Wenn ein fremder Pastor predigt, Pastor Zelle zum Beispiel aus Den Briel, der die zehn Kilometer von seinem Haus bis zu unserer Kirche auf dem Rennrad zurücklegt, seinen Talar in Packpapier eingewickelt und mit Bindfaden an den Lenker gebunden, in kurzer Hose und offenem Sporthemd, das er auch während der Predigt unter seinem Talar anbehält, sitzen viele Menschen auf der Empore, auf den Klappstühlen im Gang und auch zwischen Quack und mir, weil ich mit meinen sieben Jahren nur wenig Platz einnehme.

Diesen Sonntag predigt unser Pastor. Ich blicke, sobald ich neben Quack sitze, zum Taufbecken. Zum Glück hängt kein Handtuch da, also keine Taufen. Auch der Abendmahlstisch ist säuberlich mit einem schwarzen Tuch abgedeckt. Ein Abendmahlsgottesdienst dauert länger als ein Predigtgottesdienst, und außerdem gehen Quack, Parre und mein Vater und alle anderen Männer und Frauen von der Empore nach unten, wenn Brot und Wein gereicht werden, so daß ich allein zurückbleibe und Angst habe, die Empore könnte einstürzen. Ich bin immer froh, wenn sie laut polternd die Wendeltreppe wieder heraufkommen.

Jetzt sitze ich neben dem schweigenden Quack. Mein Vater redet mit Parre. »Leusing ist gestorben«, sagt er, »das ist was! Ein Herzanfall. Einfach so tot.«

»Leusing? Dieser Alte aus der Sandelijnstraat?«

»Nein, sein Sohn. Der Alte lebt noch.«

»Sein Sohn? Aus dem Trödelladen in der Hoekerdwarsstraat? Der mit einer Frau von den Inseln verheiratet war, so ner Schwarzhaarigen?«

»Ja, den mein ich.«

»Wie alt ist er geworden?«

»Vierundfünfzig.«

»Zwanzig Jahre jünger als ich, und schon vor Gottes Angesicht. Na, er hat Gott und sein Gebot mit Füßen getreten, er hat gesoffen, er hat gehurt, er wird seiner gerechten Strafe nicht entgehen. Er taugte nichts, ich weiß noch, daß er mit achtzehn Jahren was mit der Frau von Lagrauw angefangen hat. Damals war ich Kirchenältester, und ich habe «

»Bitvoorn ist auch tot.«

»Aus der Aagtenstraat. So, so, auch tot, großes Aufräumen mit diesem Gesindel, er war «

Die Kirchenältesten kommen über den verschlissenen Teppich im Mittelgang zwischen den Kirchenbänken hereinmarschiert. Hinter ihnen schlurft der Pastor, der seinen Talar etwas anhebt. Er bleibt an der Treppe zur Kanzel stehen, er betet lange, steigt dann hinauf, und seine Stimme tönt durch die Kirche: »Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes, Amen. Wir singen Lied Nr. 138, Strophe 1.«

Ich singe nicht. Ich starre die Hände des alten Quack an, der sein Gesangbuch aufgeschlagen hat und zitternd, ohne Melodie, die Worte hervorbringt: »Lobsingen will ich dir, o Herr, und beugen mich, denn du, o Herr, mir ja verheißt den Weg zum ew gen Paradeis, zu deinem Palast im Garten der Gärten.«

Die Hände sind krumm. Auf dem Handrücken si

Titel
Das Pferd, das den Bussard jagte
Untertitel
Erzählungen
Übersetzer
EAN
9783492960359
ISBN
978-3-492-96035-9
Format
E-Book (epub)
Herausgeber
Veröffentlichung
10.12.2012
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
1.65 MB
Anzahl Seiten
320
Jahr
2012
Untertitel
Deutsch
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet