Maarten 't Hart, geboren 1944 in Maassluis, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich als Schriftsteller niederließ. 1997 erschien auf Deutsch sein Roman 'Das Wüten der ganzen Welt', der zu einem überragenden Erfolg wurde. Nicht zuletzt seine autobiografischen Bücher machten ihn zu einem der renommiertesten europäischen Gegenwartsautoren, dessen Bücher sich allein im deutschsprachigen Raum über 2 Millionen Mal verkauft haben.
Vorwort
Maarten 't Harts grandioser Roman über das Jungsein
Autorentext
Maarten 't Hart, geboren 1944 in Maassluis, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich als Schriftsteller niederließ. 1997 erschien auf Deutsch sein Roman "Das Wüten der ganzen Welt", der zu einem überragenden Erfolg wurde. Nicht zuletzt seine autobiografischen Bücher machten ihn zu einem der renommiertesten europäischen Gegenwartsautoren, dessen Bücher sich allein im deutschsprachigen Raum über 2 Millionen Mal verkauft haben.
Leseprobe
1
Ebbe; die Fähre hatte am niedrigsten Steg angelegt. Radfahrer fuhren ans Ufer; Autos starteten ihre Motoren. Jetzt mußte ich an Bord gehen. Doch die Fregatte, die drei Tage am Kai gelegen hatte, lief aus. Drei Abende waren Matrosen singend durch den Hafen gezogen. Manchmal waren sie sogar die Deichtreppen hinuntergestiegen. Nie zuvor hatten wir dergleichen erlebt; nie zuvor hatte ein Kriegsschiff in unserem Hafen angelegt. Schon vom Bahnübergang aus konnten wir die großen weißen Buchstaben und Zahlen auf dem Schiffsrumpf sehen. Jeden Tag war ich kurz hingegangen, um mir die Fregatte anzusehen. Nun würde sie auslaufen. Am liebsten wäre ich stehengeblieben und hätte zugeschaut, bis sie weit draußen auf dem Waterweg war. Dann hätte ich erst die nächste Fähre nehmen können. Wäre ich dann vor dem Abendessen wieder zu Hause gewesen, wie ich es meiner Mutter versprochen hatte? Bestimmt nicht. Trotzdem blieb ich noch einen Moment stehen, betrachtete noch kurz die vielen Matrosen, hörte all die schallenden Stimmen und sah auf der Brücke die Männer mit weißen Mützen. Am Heck wurden die Leinen bereits losgemacht. Rasch lief ich hin. Von dort konnte ich leicht vom höchsten auf den niedrigsten Steg zur Fähre springen. Noch einen Augenblick dort waren so viele Möwen, Hunderte, so schien es, sie schwebten alle über dem Achterdeck. Es roch dort so herrlich, es war ein Duft, der keinem anderen Geruch ähnlich war, ein Duft von Verwesung und Schmieröl, Tauen und, merkwürdigerweise, auch Mist.
Weiter weg, am Bug des Schiffes, stand noch ein Junge und sah andächtig zu. Er war so alt wie ich. Wer mochte das sein? War das Jan Ruygveen? Jedenfalls stand er an der schönsten Stelle. Offenbar mußte er keine Fähre erreichen. Deren Signalhorn tutete. Beim nächsten Ton würde die breite, eiserne Planke langsam in die Höhe fahren. Jetzt mußte ich gehen. Vom einen Steg auf den anderen springend, erreichte ich den vorletzten Landungssteg. Das Signalhorn tutete erneut. Die breite Laufplanke ging hoch. Von der eisernen Kante des vorletzten Stegs konnte ich bequem auf die Planke steigen und mit ihr gen Himmel steigen. Sie fuhr so langsam in die Höhe, daß ich mich hinsetzen konnte. Dann wurde die Schräge immer steiler, und während ich noch einen Moment weiter in die Höhe stieg, rutschte ich langsam hinab aufs Deck. Dort erwartete mich ein wütender Bootsmann.
»Halunke«, schimpfte er, »du kleiner Angeber, wenn ich dein Vater wäre, ich würde dir die Hammelbeine langziehen. Du hättest genausogut zur anderen Seite abrutschen können, und dann wärst du zwischen Hafenmauer und Schiff gelandet.«
Er gab mir einen Schubs gegen die Schulter. Eine Ohrfeige wollte er mir auch noch verpassen, doch ich duckte mich und rannte zum turmhohen Achterdeck der Fähre. Auf den Kisten mit Schwimmwesten sitzend, konnte ich noch die ablegende Fregatte beobachten. Alle Trossen waren jetzt los. Jan Ruygveen stand an der Stelle, wo ich zuvor gestanden hatte. Offenbar war er zum Heck der Fregatte gelaufen. Zwei gewaltige, über das Wasser widerhallende Stöße aus dem Signalhorn. Der Bug mit der Kanone drehte sich langsam von der Kaimauer weg. Dann wendete die Fähre, und ich mußte mir eine neue Stelle auf der Hoofdingenieur Van Elzelingen suchen, um weiterhin die rasch kleiner werdende Hafenmole sehen zu können.
Sollte ich jetzt zum Bug gehen? Es war jedesmal so herrlich, zu der näher kommenden Insel Rozenburg hinüberzusehen, das salzige Wasser zu riechen und den Seewind zu spüren. Außerdem mußte die Fähre unterwegs fast immer einem Küstenfrachter oder einem Tanker ausweichen, so daß man d