Margit Ruile lernte das Geschichtenerzählen zuerst beim Film. Sie studierte und lehrte an der Münchner Filmhochschule, drehte Dokumentationen und arbeitete als Drehbuchlektorin. Später fand sie dann heraus, dass Schreiben sich anfühlt wie im Schneideraum zu sitzen - mit dem riesengroßen Vorteil, dass man die fehlenden Szenen nicht nachdrehen muss, sondern einfach erfinden kann.
Nicht erst seit Jan Bohmermanns Varoufakis-Video wissen wir, wie gut professionelle Bildbearbeiter unsere Wirklichkeit manipulieren konnen. Was passiert, wenn Menschen digital einfach ausgeloscht oder ausgetauscht werden? Margit Ruile wirft in ihrem packenden All-Age-Thriller existentielle Fragen unserer Gegenwart auf. Zafer arbeitet als freiberuflicher Bildretuscheur. Und er ist der Beste. Er kann sogar die Wassertropfen auf einer Sektflasche so tuschend echt nachbilden, dass der Betrachter seiner Filmsequenzen glaubt, er wrde sich darin spiegeln. Einen Mann in das berwachungsvideo einer Tiefgarage einzufgen ist dagegen ein Kinderspiel. Merkwrdig ist nur, dass dieser Auftrag anonym war. Tage spter erkennt Zafer durch Zufall eines seiner Videos in den Nachrichten ber einen Journalistenmord wieder. Es zeigt, wie der mutmaliche Tter den Tatort, eine Tiefgarage, verlsst. In Wirklichkeit ist der Mann nie dort gewesen. Aber das wei nur Zafer.
Autorentext
Margit Ruile lernte das Geschichtenerzählen zuerst beim Film. Sie studierte und lehrte an der Münchner Filmhochschule, drehte Dokumentationen und arbeitete als Drehbuchlektorin. Später fand sie dann heraus, dass Schreiben sich anfühlt wie im Schneideraum zu sitzen - mit dem riesengroßen Vorteil, dass man die fehlenden Szenen nicht nachdrehen muss, sondern einfach erfinden kann.
Zusammenfassung
Zafer arbeitet als freiberuflicher Bild- und Videoretuscheur. Und er ist der Beste. Einen Mann in das Überwachungsvideo einer Tiefgarage einzufügen, ist für ihn ein Kinderspiel. Merkwürdig ist nur, dass dieser Auftrag anonym war. Tage später erkennt Zafer durch Zufall eines seiner Videos in den Nachrichten über einen Journalistenmord wieder. Es zeigt, wie der mutmaßliche Täter den Tatort, eine Tiefgarage, verlässt. In Wirklichkeit ist der Mann nie dort gewesen. Aber das weiß nur Zafer
Leseprobe
Ich fange nicht mit mir an. Das kann ich nicht. Denn dieses Ich, das ich jetzt bin, wundert sich über die Figur, die sie war. Die beiden sind nicht deckungsgleich. Ich drehe mich um und schaue zurück auf jemanden, den ich gut kenne. Sehr gut kenne. Nennen wir ihn - Zafer.
Zafer wohnte also in einer Stadt, die ich nicht verrate. Darin eine Straße, unweit einer großen U-Bahn-Station. Die Nummer 12 lag am Ende einer Sackgasse. Bäume und Büsche verstellten den Blick auf die Stadtautobahn. Das Haus war ein schmuckloses Gebäude mit vier Stockwerken, das vor vielen Jahren einmal mit blutroter Farbe gestrichen wurde und nun einen schmutzig braunen Ton angenommen hatte.
Ging man durch die türkisfarbene Tür, die rechts und links von zwei verwitterten Steinlöwen bewacht wurde, kam man an zwei weiteren Gebäuden vorbei, nur um dann im zweiten Hinterhof auf ein drittes Haus zu stoßen. Der Hinterhof vom Hinterhof. Dort gab es eine Erdgeschosswohnung mit drei hohen Fenstern. Einem zur Küche, einem zum winzigen Schlafzimmer und einem zum Wohnzimmer, in dem ein großer Kachelofen stand. Von außen konnte man das alles nicht sehen. Auch nicht bei Licht. Die Scheiben der Fenster waren einfach zu verschmutzt. Innen war es immer dunkel, selbst im Hochsommer. Das lag an den Hinterhofhäusern, die so hoch waren, dass sie keinen Sonnenstrahl in die Erdgeschosswohnung durchließen. Es gab einen Winkel, von dem aus man den Himmel sehen konnte. Man musste das Fenster öffnen, sich auf das Bett legen und mit dem Kopf ganz nah an den Ofen rücken. Einmal lag Zafer so auf der Lauer, um zwischen den aufragenden Mauern den Blick auf eine Wolke erhaschen zu können.
Eine echte Wolke. Kaum nachzubauen.
Kam man durch den Hausflur mit gesprungenen Fliesen und eingedellten Briefkästen in die Wohnung, so stolperte man als Erstes über einen Kabelstrang im Gang. Die Kabel durchliefen den vorderen Teil des Wohnzimmers, vorbei an einer Zimmerpflanze mit ledrigen grünen Blättern, die später noch eine Rolle spielen wird, und Pizzaschachteln, die kunstvoll übereinandergestapelt waren zu einem schiefen Turm, der fast bis zur Decke reichte. Neben dem alten Kachelofen stand - den Lattenrost auf vier Bierkästen gestützt - ein ungemachtes Bett; die blauen Überzüge mit Fußbällen bedruckt und vom vielen Waschen ausgebleicht. Die Kabel führten in einem breiten Bogen um die Kästen herum und landeten schließlich im Zentrum der Welt. Dem Rechner.
Hier wurden Dinge geschaffen, Welten verändert, neue Kreaturen geboren. Und mitten drin saß der Schöpfer - Zafer, leicht gebückt, mit Nackenschmerzen.
Noch wenige Wochen zuvor hatte er mit einem Heer anderer Retuscheure in Schneideräumen geschuftet, deren Fenster mit schwarzer Folie verklebt waren. Stundenlang konnte man nichts anderes als das leise Klicken der Maustasten hören. Mittags gab es immer einen, der sich an die Herdplatte der Küchenzeile stellte und kochte. Zafer schlang dankbar die Nudeln in sich hinein, vermied es aber, Dinge aus den verschimmelten Kühlschränken zu essen oder den geschäumten Milchkaffee aus den leicht säuerlich riechenden Kaffeemaschinen zu trinken. Er vermied es auch, sich zu den anderen zu setzen, die zusammen vor den Rechnern aßen, über Programme sprachen oder sich neue Spiele zeigten, bevor sie sich wieder ihren Filmsequenzen zuwandten. Er konnte nicht von seinen Monstern sprechen. Er hatte sie noch niemandem gezeigt. Sie könnten sie ihm klauen.
Es war zu früh. Noch war es zu früh.
Sobald sich auf seinem Konto ein bisschen Geld angehäuft hatte, war er froh, dass er den großen Schneideräumen entfliehen konnte. Er kaufte sich einen schnelleren Rechner und eigene Programme und baute alles in seiner Wohnung auf, die er nun nicht mehr zu verlassen brauchte. Die Aufträge bekam er per E-Mail zugeschickt, mit einem Link zu den Sequenzen. Er lud sich die Szenen auf die Festplatte, bearbeitete sie und schickte sie wieder zurück.