Dr. Martin Cohen ist Herausgeber der Zeitschrift 'The Philosopher' und unterrichtet Philosophie und Pädagogik der Philosophie an Schulen und Universitäten in Australien und England, zuletzt am Centre for Social Change Research in Brisbane, Australien. Er ist Autor zahlreicher Bücher.
Vorwort
»Eine ideale Ein- und Verführung in die Philosophie.« Bild der Wissenschaft
Autorentext
Dr. Martin Cohen ist Herausgeber der Zeitschrift "The Philosopher" und unterrichtet Philosophie und Pädagogik der Philosophie an Schulen und Universitäten in Australien und England, zuletzt am Centre for Social Change Research in Brisbane, Australien. Er ist Autor zahlreicher Bücher.
Leseprobe
Zu Rätsel 1
Der gestrenge Richter
»Der gestrenge Richter« ist eine Variation des Problems »Alle Kreter sind Lügner«, das Philosophen wie Aristoteles, Zenon und Thomas von Aquin lange beschäftigt hat. Das Problem geht auf den griechischen Philosophen Epimenides zurück, der behauptet haben soll, dass die Einwohner Kretas ausnahmslos lügen. Seine Behauptung trug nicht nur rassistische Züge, sondern wurde zu einem berühmten Beispiel einer logischen Paradoxie, da er selbst aus Kreta stammte. Sollte seine Aussage stimmen, hatte Epimenides gelogen, wenn es aber eine Lüge gewesen war, dann ... Der Wahrheitsgehalt der Behauptung beeinflusst die Umstände, unter denen sie geäußert wird, die wiederum den Wahrheitsgehalt der Behauptung beeinflussen, der wiederum ... - ein Teufelskreis. Tatsächlich ist die Behauptung weder wahr noch falsch, obwohl es so aussieht, als müsste sie es sein. Anders verhält es sich mit Äußerungen wie »Hallo Viktor«, die nicht auf ihren »Wahrheitsgehalt« hin überprüft werden müssen.
Was könnte also der gefangene Philosoph gesagt haben, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen? So etwas wie »Ihr werdet mich morgen hängen«, dürfte ausgereicht haben, um ihn vor dem Galgen zu retten. Der Scharfrichter kann ihn nicht hinrichten, da seine Verwandten ihn dann zur Rechenschaft ziehen würden, denn der Philosoph hatte schließlich die Wahrheit gesprochen, als er sagte: »Ihr werdet mich morgen hängen«, und die Exekution war deshalb unrechtmäßig. Hätte der Scharfrichter andererseits das Problem erkannt und den Philosophen wieder ins Gefängnis gesteckt, müsste er ihn eigentlich gleich wieder zurückholen, denn der Direktor würde ihn gar nicht einlassen. Jener wäre nämlich der Ansicht, dass der Philosoph das Gericht ganz offensichtlich wieder angelogen hat und die Hinrichtung deshalb vollstreckt werden muss.
Zu Rätsel 2Die Kuh auf der Weide
Viele Leute würden sagen, dass wir unter Berücksichtigung menschlicher Schwächen dann etwas wissen, wenn:
-wir glauben, dass es so ist;
-wir einen guten, relevanten Grund für unsere Überzeugung haben;
-und dieser sich als wahr erweist.
Wissen definiert sich demnach als »gerechtfertigte und wahre Überzeugung«. Im Fall von Bauer Huber sind alle Bedingungen erfüllt, und dennoch scheint er nicht wirklich genau zu wissen, wo sich Lotte befindet. Dieses Problem findet sich in ähnlicher Form auch in Platos Theätet (201c - 210d). Es hat Philosophen bis heute beschäftigt, besonders seit im 20. Jahrhundert die »analytische« Philosophie aufgekommen ist. In unserem Beispiel hat Bauer Huber
-geglaubt, dass es der Kuh gut geht;
-Beweise gehabt, die seinen Glauben bestätigten (seine Vermutung war berechtigt);
-schlussendlich damit recht gehabt, dass es der Kuh gut ging.
Trotzdem könnten wir darauf beharren, dass er es nicht wirklich wusste. Daraus folgt, dass hier vielleicht eine veränderte Definition des Begriffs »Wissen« erforderlich ist. Obwohl Wissen grundsätzlich auf gerechtfertigten und wahren Überzeugungen beruht, bedingt nicht jede gerechtfertigte und wahre Überzeugung auch Wissen. Viele Philosophen sind der Ansicht, dass es hier einer komplizierteren (!) Erklärung bedürfe, um das Gegenbeispiel umgehen zu können.
Die Behauptung, dass diese drei Bedingungen »nicht hinreichend« sind, brachte ein paar Philosophen auf die Idee, ihnen eine weitere hinzuzufügen: Wissen kann nicht auf fälschlichem Glauben beruhen. Das aber kommt einer Tautologie ziemlich nahe (Tautologien sind übrigens die bevorzugte Zuflucht des Philosophen).
Andere Philosophen versuchten dagegen, die erste Bedingung zu streichen und somit Wissen auch ohne Glauben zu ermöglichen. Wieder andere versuchten, Wissen von einem anderen Kriterium als Glauben abhängig zu machen, nämlich von der so genannten »Akzeptanz«, was