Gerechtfertigt zu sein, sagt Martin Walser, war einmal das Wichtigste. Staaten legitimieren sich durch Gesetze, Regierungen durch Wahlen. Aber der Einzelne? Zum Beispiel Josef K. im Proceß von Franz Kafka. Für Martin Walser ist das Buch der «Roman einer Gewissenserforschung, einer Suche nach Rechtfertigung», so wie Josef K. für ihn der letzte Romanheld ist, der das Fehlen von Rechtfertigung als Drama erlebt und daran zugrunde geht. Demgegenüber leben wir seit langem ohne das Bedürfnis nach Rechtfertigung, ja ohne auch nur die Frage danach. Rechtfertigung wird ersetzt durch Rechthaben. Dass uns recht zu haben genügt, nennt Martin Walser eine Verarmung. Um deutlich zu machen, was uns abhandengekommen ist, geht er zurück in die Vergangenheit: von Kafka zu Augustinus; zu Luther, Calvin und Max Weber; zu Nietzsche und Karl Barth, in deren Gegenüberstellung das Buch seinen Höhepunkt hat. «Einschlafen», sagt er, «könnte ich ohne sie. Aber um aufzuwachen aus dieser und jener Verschlafenheit, brauche ich beide.» Über Rechtfertigung ist Gewissenserkundung und Suche, Annäherung an Vorbilder und Vordenker, um über «verführerische Sprachbewegungen» zu den entscheidenden Fragen des Lebens, Glaubens und Schreibens vorzudringen. Oder zumindest zu einer Ahnung von dem, was fehlt.

Autorentext

Martin Walser, 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren, war einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis, 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2015 den Internationalen Friedrich-Nietzsche-Preis. Außerdem wurde er mit dem Orden «Pour le Mérite» ausgezeichnet und zum «Officier de l'Ordre des Arts et des Lettres» ernannt. Martin Walser starb am 26. Juli 2023 in Überlingen.



Klappentext

Eine faszinierende Suche nach der Bedeutung von Rechtfertigung in Literatur, Religion und Gesellschaft.

In seinem eindringlichen Essay " Über Rechtfertigung, eine Versuchung" erkundet Martin Walser die Frage, was es bedeutet, gerechtfertigt zu sein. Ausgehend von Franz Kafkas Roman "Der Proceß" und dessen Protagonist Josef K., der verzweifelt nach Rechtfertigung sucht, spannt Walser einen Bogen zu den großen Denkern der Vergangenheit.

Von Augustinus über Luther und Calvin bis hin zu Nietzsche und Karl Barth begibt sich Walser auf eine faszinierende Reise durch die Geistesgeschichte. Er beleuchtet, wie das Bedürfnis nach Rechtfertigung den Menschen geprägt hat und wie es heute zunehmend durch das bloße Rechthaben ersetzt wird - eine Entwicklung, die Walser als Verarmung empfindet.

In einer Zeit, in der Gewissenserforschung und die Suche nach tieferer Bedeutung oft in den Hintergrund treten, ist Über Rechtfertigung, eine Versuchung eine eindringliche Aufforderung, sich den entscheidenden Fragen des Lebens, Glaubens und Schreibens zu stellen. Mit sprachlicher Eleganz und philosophischer Tiefe lädt Walser dazu ein, über das nachzudenken, was uns fehlt - und was uns ausmacht.

Titel
Über Rechtfertigung, eine Versuchung
EAN
9783644017214
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
1.99 MB
Anzahl Seiten
112
Auflage
1. Auflage