Turin 1948. Die drei Schwestern Teresa, Lidia und Aurora haben das im Krieg zerstörte 'Caffè Molinari' ihrer Eltern wieder aufgebaut und führen es dank des geheimen Familienrezepts für Giandujapralinen zu neuem Glanz. Doch als die Journalistin Vera beinahe siebzig Jahre später nach Turin reist, um mehr über das Leben ihrer Großmutter Teresa zu erfahren, stößt sie hinter der traditionsreichen Fassade des Kaffeehauses auf ein schreckliches Geheimnis. Stück für Stück enthüllt sie das Rätsel um die Familie Molinari, bis sie zu dessen bitterem Kern vordringt ...

Mascha Vassena erhielt für ihre Erzählungen mehrere Stipendien, u. a. das Stipendium Akademie Schloss Solitude und den Hamburger Förderpreis für Literatur. 2005 erschien ihr Erzählungsband 'Räuber und Gendarm' unter dem Namen Mascha Kurtz bei Liebeskind. Sie schreibt außerdem Opernlibretti und Theaterstücke für das Luzerner Theater und das Maxim Gorki Theater Berlin. Sie lebt heute mit ihrem Sohn im Tessin.

Autorentext

Mascha Vassena erhielt für ihre Erzählungen mehrere Stipendien, u. a. das Stipendium Akademie Schloss Solitude und den Hamburger Förderpreis für Literatur. 2005 erschien ihr Erzählungsband "Räuber und Gendarm" unter dem Namen Mascha Kurtz bei Liebeskind. Sie schreibt außerdem Opernlibretti und Theaterstücke für das Luzerner Theater und das Maxim Gorki Theater Berlin. Sie lebt heute mit ihrem Sohn im Tessin.



Leseprobe
Kapitel 2

Auf dem Rückweg in die Stadt erzählte Finn ohne Pause, welche Manöver er und Opa mit der Drohne vollführt hatten. Doch nach einiger Zeit schweifte Veras Aufmerksamkeit ab. Sie dachte an den Inhalt des Koffers, der neben ihr auf dem Beifahrersitz lag. Damit würde sie Patrick, den Ressortleiter, überzeugen, eine Auslandsrecherche zu finanzieren. Wenn sie bei Großtante Lidia wohnen konnte, würde sie die Hotelkosten sparen.

Das Bild der drei jungen Frauen ging ihr nicht aus dem Kopf. Weshalb hatte ihre Großmutter niemals von der dritten Schwester gesprochen? Und was war mit ihr geschehen? Vera hatte nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken im Internet nach Aurora Molinari gesucht, jedoch nichts gefunden. Möglicherweise war ihre Großtante Aurora noch während des Krieges gestorben, ebenso wie Veras Urgroßeltern. Das Caffè Molinari war kurz vor Kriegsende ausgebrannt, so viel wusste Vera über die Familiengeschichte. Anscheinend hatte ihre Urgroßmutter die Kasse retten wollen und war von den Flammen eingeschlossen worden. War Aurora ebenfalls bei dem Brand umgekommen? Aber weshalb hatten die beiden anderen Schwestern nie über sie gesprochen? Etwas Einschneidendes musste damals passiert sein, und vielleicht war das sogar der Grund, weshalb Teresa ihre Heimat verlassen hatte?

Vera arbeitete lange genug als Journalistin, um eine gute Geschichte zu erkennen, wenn sie auf eine stieß, und eine Geschichte, die so viele Fragen aufwarf, war gut.

»Nächstes Wochenende gehen Opa und ich in den Forst und filmen mit der Drohne im Wald«, sagte Finn gerade, »vielleicht erwischen wir sogar ein Eichhörnchen!«

»Das wird sich bestimmt wundern, wenn es auf einmal eine riesige, brummende Fliege vor sich sieht«, sagte Vera, und Finn lachte sein glucksendes Kinderlachen, für Vera das schönste Geräusch auf der Welt. Sie hatte ihm vor nicht allzu langer Zeit einen Witz nach dem anderen erzählt und währenddessen sein Lachen aufgenommen, denn es würde nicht mehr lange dauern, bis es ihm abhandenkam. Einerseits wollte sie, dass er groß wurde, weil es sie zumindest teilweise aus der Verantwortung für ihn entließ, doch ein anderer Teil von ihr betrauerte, dass das Kind, das er jetzt noch war, für immer verschwinden würde.

Sie parkte vor dem Sendergebäude, und sie stiegen aus. »Dauert das lange?«, wollte Finn wissen.

»Eine halbe Stunde oder so.«

Finn ächzte. »Kann ich hierbleiben und Skateboard fahren?«

Vera sah sich um. In der Nähe waren nicht viele Leute unterwegs, aber im angrenzenden Park sah sie bunte Flecken zwischen den Büschen, Kinderstimmen drangen herüber. Falls etwas passierte, würde Finn Hilfe rufen können. Und er hatte ja auch sein Telefon. Sie wusste, wie neurotisch sie sich verhielt, konnte aber nichts dagegen unternehmen. Dass die Mütter von Finns Klassenkameraden zum Teil noch tiefer über ihren kostbaren Kindern kreisten als sie, war keine Entschuldigung. Sie wusste, dass es anders sein sollte, dass sie Finn zutrauen sollte, eine Zeit lang alleine auf einem Parkplatz Skateboard zu fahren, aber vermutlich würde sie keine ruhige Sekunde haben, solange sie in Patricks Büro saß.

»Du bleibst aber hier auf dem Parkplatz, klar?«, sagte sie, während sie den Kofferraum öffnete, sodass Finn sein Skateboard herausholen konnte.

»Ja, klar«, sagte er nachsichtig, stellte einen Fuß auf das Board und schob mit dem anderen an. Im Davonrollen hob er lässig die Hand, ohne sich umzusehen. Vera holte noch den Koffer aus dem Wagen und ging zum Haupteingang, wo sie sich noch einmal umdrehte. Beruhigt sah sie Finns knallgrünes T-Shirt am anderen Ende des Parkplatzes leuchten.

Im Gebäude war es kühl und wesentlich ruhiger als unter der Woche. Sie stieg die Treppe hinauf bis in den vierten Stock und trat leicht außer Atem in Patricks Büro, dessen Tür wie immer offen stand.

»Ah, die Sonne geht auf!« Patrick begrüßte so jeden, der in sein Büro kam, egal, ob es di

Titel
Das Mitternachtsversprechen
Untertitel
Roman
EAN
9783492973892
Format
E-Book (epub)
Herausgeber
Veröffentlichung
01.09.2016
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
1.92 MB
Anzahl Seiten
320
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet