Leseprobe
Wien, Montag, 15. Oktober 2018, 13. Bezirk, Tag drei ohne das Nasenspray
Die Betreuerin heißt Brigitta Seghers; weißhaarig, verhärmtes Gesicht, und wenn mich jemand nach meiner Meinung fragen würde, würde ich ehrlicherweise antworten: "Ich bin schwul, und das ist gut so!"; diese Frau verströmt eine Wärme wie im Inneren einer Gefriertruhe. Sibirien klingt in ihrer Gegenwart wie ein Versprechen von einem Strandurlaub.
"Wann haben Sie Jennifer zuletzt gesehen?"
Bruno Horvath tippt sich mit dem Zeigefinger ans Kinn, während er diese Frage an die Betreuerin richtet. Finger am Kinn - ein Mann in Denkermanier, Brunos übliche Geste, die er mal mehr mal weniger unbewusst macht. Auf alle Fälle seine Reaktion auf Momente, in denen ihm unbehaglich zumute ist. Ich kenne Bruno jetzt schon zwanzig Jahre. Manchmal sehne ich mich noch nach der Zeit in dem Gefängnis mit den Todeskandidaten zurück. Huntsville. Texas. Zwischen Wien und Huntsville liegen inzwischen dreizehn Monate. Diese Geste mit dem Zeigefinger am Kinn gehörte schon zu Bruno, bevor ich mir auf der anderen Seite des Atlantiks eine Auszeit von Österreich genommen habe; manches ändert sich eben nie.
"Ich habe Ihnen doch schon gesagt, Herr Inspektor, ich weiß es nicht mehr!", antwortet die Seghers.
"Sie haben vor einer Woche Dienst gehabt und Sie haben auch gestern Dienst gehabt", erwidert Bruno, "und in beiden Fällen können Sie sich nicht erinnern, wann Sie die Mädchen zuletzt gesehen haben?" Er schüttelt den Kopf; als Vater einer Tochter, die im Dezember ihren achtzehnten Geburtstag feiert, hat er sich unter einer Betreuungseinrichtung für Teenager eindeutig etwas anderes vorgestellt, verrät mir seine wütende Miene. Ich bin derjenige von uns beiden, der keine Kinder hat. Ich, der Kinderlose, übernehme wohl besser das Ruder; wahrscheinlich verfüge ich über etwas mehr emotionale Distanz zu unserem aktuellen Fall als ein fürsorgender Vater und Beamter.
"Haben sich die beiden jungen Frauen in letzter Zeit anders verhalten?"
Brigitta Seghers' Falten um Augen und Mundwinkel spiegeln Empörung wider. "Es sind Teenagerinnen! Welcher Teenager in dieser Einrichtung hat keine adoleszenten Probleme? Herr Miller, wir befinden uns hier in einer Wohngemeinschaft für Jugendliche, die aus guten Gründen durch die Fürsorge des Jugendamts von ihren Eltern getrennt worden sind. Die meisten hier haben Elternteile, die entweder alkoholabhängig, suchtgiftabhängig oder gewalttätig sind. Dass eines der Mädchen aus der Einrichtung wegläuft, passiert im Durchschnitt einmal pro Woche. Und meistens kommen die Kinder auch wieder zurück. Ich weiß nicht, warum Sie diesmal einen derartigen Aufstand veranstalten, meine Herren! Das kann doch nicht Ihr Ernst sein."
Brigitta Seghers gehört eindeutig zu jenen Frauen, die schon weißhaarig zu Welt gekommen sind, nehme ich an. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie jemals jung war; dazu leuchtet ihr Gesicht einfach zu blass; blutleer, wie das eines Zombies aus einem Siebzigerjahre-Vampirfilm mit Klaus Kinski-du-dumme-Sau! Sie fächert sich mit einem Exemplar einer Tageszeitung genervt Luft zu und seufzt auch noch gequält.
Bruno legt ein Blatt Papier auf den Schreibtisch. "Sie wissen genau, warum wir hier sind, Frau Seghers!"
Seghers ignoriert den Erpresserbrief.
"Kennen Sie diese Handschrift?"
Seghers wirft einen Blick auf das Schreiben, ohne es auch nur mit der Fingerspitze zu berühren. "Nein, Herr Inspektor! Und das habe ich Ihnen bereits gesagt. Alles was ich weiß, habe ich Ihnen bereits am Telefon mitgeteilt! Sie hätten nicht extra auch noch herkommen müssen."
Ich spüre den altbekannten Impuls, nach meinem Nasenspray zu greifen. Seit drei Tagen halte ich es jetzt ohne mein geliebtes Nasenspray aus. Ein echter Held! Immerhin bin ich süchtig nach dem verdammten Nasenspray, weil es meine Nerven beruhigt. Ich versuche, mir nicht