Nikolaus Klammer erblickte am 10. Februar 1963 das Licht dieser besten aller Welten. Er übt den Beruf des Geschichtenerzählers aus, seit er sprechen kann - also schon eine lange, lange Zeit. Er lebt und schreibt im verträumten Diedorf bei Augsburg, ist seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet und hat zwei inzwischen erwachsene Söhne, die längst auf eigenen Füßen stehen.
Autorentext
Nikolaus Klammer, geboren 1963 in Augsburg, ist ein deutscher Schriftsteller. Seit vielen Jahren bereichert er die literarische Landschaft mit Werken, die sich durch stilistische Vielseitigkeit, feinsinnigen Humor und tiefgründige Gesellschaftsbeobachtungen auszeichnen. Er veröffentlichte Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen, Essays und Glossen, oft mit einem Hang zum Absurden und Skurrilen. Neben seiner Tätigkeit als Autor betreibt Klammer den Literaturblog "Aber ein Traum", auf dem er eigene Texte sowie Rezensionen und literarische Experimente veröffentlicht. Sein schriftstellerisches Schaffen ist geprägt von sprachlicher Präzision und einer Vorliebe für ungewöhnliche Perspektiven.
Leseprobe
Prolog - 20 Jahre vorher
Der Tod holte auf. Gegen Mittag verwandelte sich der eisige Regen übergangslos in ein dichtes Schneetreiben. Erbarmungslos trieb der Sturm nun dicke, feuchte Flocken fast waagerecht vor sich her. Er schleuderte sie mit aller Gewalt den drei Fliehenden entgegen. Sie konnten keine zehn Fuß weit sehen auf ihrer schmalen und rutschigen Felsenstufe mitten im Nichts der fast senkrecht aufragenden Nordflanke des menschenfeindlichen Berges Gynashort.
Es grenzte an ein Wunder, dass keiner von ihnen ausglitt und sie gemeinsam in die wolkenverhangene Tryas-Schlucht stürzten, von deren bodenlosem Abgrund sie oft nur eine Unachtsamkeit und ein Stolpern trennte.
Die schweigsame Sakket ging vorsichtig voran. Sie tastete sich mit der rechten Hand am glitschigen, nassen Felsen entlang, während sie die andere schützend vor ihr Gesicht hielt. Durch ein Seil mit ihr verbunden folgte drei Schritte dahinter Erson. Den Abschluss bildete Idris Henk Baldaar. Ihn hatte noch im Verbotenen Tal ein auf gut Glück abgeschossener Pfeil eines ihrer hartnäckigen Verfolger knapp unter dem rechten Schulterblatt getroffen und schwer verwundet. Erson hatte den Schaft zwar auf der Stelle direkt oberhalb der Wunde abgebrochen und diese dann notdürftig verbunden, aber es war nicht die Zeit geblieben, die mit Widerhaken versetzte Pfeilspitze mit dem Messer herauszuschneiden. Er hatte auch nicht die chirurgischen Kenntnisse, solch eine Operation sauber durchzuführen. Deshalb drang die Pfeilspitze mit jeder Bewegung tiefer in Idris' Fleisch und dieser gutmütige Bär von einem Mann litt gewaltige Schmerzen. Er trug sie wortlos und mit stoischer Miene.
Allerdings wurde der Schritt von Idris mit jeder Stunde unsicherer. Seine Begleiter und er tasteten sich deshalb immer langsamer auf der manchmal nur einen Fuß schmalen, zudem bröckligen Felsenstufe zwischen Himmel und Hölle weiter, von der die Gejagten hofften, dass sie ein Weg hinauf aufs Gipfelplateau und nicht nur eine weitere Sackgasse war. Sie kamen langsamer voran, als ihnen lieb war. Schließlich konnte jederzeit wieder einer ihrer Verfolger in ihrem Rücken auftauchen; einer der blutrünstigen Barbaren des Nordens, die sich selbst so trefflich Tudasgarda, der "Tod aus dem Himmel", nannten. Weil das Freundestrio sich heimlich in die Tabuzone ihres heiligen Berges Gynashort gewagt hatte und sie dabei von einem Späher ertappt worden waren, jagte ein Trupp der besten Männer der Tudasgarda hinter ihnen her. Diese Elitekrieger hießen bei ihrem Volk, das ein primitives Wendisch sprach, Kling'Arta, also "Himmelskrieger". Sie verfolgten die drei Eindringlinge bereits seit vier Tagen erbarmungslos durch die Wälder und über die Felsen. Und sie kamen immer näher! Manchmal meinte Erson, er könne bereits ihren keuchenden Atem in seinem Nacken spüren. Er drehte immer häufiger seinen Kopf nach hinten, versuchte, mit seinen Blicken den dichten Nebel zu durchdringen, der sich nur wenige Schritte hinter ihm und Idris wieder wie ein grauer Vorhang über den Weg schob. Der Ausblick nach vorn war derselbe: Die Flüchtigen waren gefangen in einer Welt aus waberndem, eisigem Dampf und feuchtem Schneetreiben, aus der ihnen in jedem Moment der Tod entgegentreten konnte. So viele Arten zu sterben gab es auf dem Gynashort und nur eine, am Leben zu bleiben.
Es war nicht das erste Mal, dass der verlockende Bericht von Henne, dem Biberjäger, Sakket, Erson und Idris dazu verleitet hatte, sich heimlich und vorsichtig dem himmelhohen Massiv inmitten des unwegsamen Rauen Gebirges zu nähern und sich in die verbotenen Jagdgebiete der grimmigen Tudasgarda, die ihr Land rund um den Gynashort eifersüchtig bewachten, zu schleichen. Glaubte man Hennes Erzählungen, dann barg der mächtige Berg in seinem Inneren die verborgene alte Stadt Bridon und ihre unvorstellbaren Schätze. Nie war es ihnen jedoch gelungen, einen Aufstieg auf den Gipfe