In den Märchen der Gebrüder Grimm treten die Führungs- und Machtaspekte mit einer ungeschönten Härte und Klarheit zutage. Anhand konstruktiver und destruktiver Beispiele ausgewählter Märchen bieten die Autorinnen in dialogischer Form einen interdisziplinären Zugang, fernab von mechanistischen Managementmodellen. Führung und Macht sind untrennbar miteinander verbunden. Wer wirklich führt, bekennt sich zur eigenen Macht. Es nutzt weder den Mitarbeitenden noch der Organisation, wenn die Führungskraft die eigene Positionsmacht verleugnet. Wirkungsvolle Führung bedeutet auch, sich mit den dunklen Seiten der Macht auseinanderzusetzen, die mit jeder Führungsposition verbunden sind. In Zeiten organisatorischer Veränderungen, Unsicherheiten und Komplexitäten, die von der Organisation bewältigt werden müssen, ist Führung besonders wichtig: Von Führungskräften wird Gerechtigkeit und Klarheit erwartet, sie sollen Mitarbeitende unterstützen und fördern. Gleichzeitig erfordert die Führungsarbeit manchmal Härte und Durchsetzung.

Mag.a Olivia de Fontana ist systemische Beraterin und Führungskraft an der Pädagogischen Hochschule Steiermark. Sie ist Theaterpädagogin und verantwortlich für Ausbildungen in Organisations- und Führungskräfteentwicklung im Bildungsbereich in Österreich und europäischen Kooperationen. Publikationen siehe unter phst.at.

Autorentext
Sabine Pelzmann, Dipl.-Ing., MSc, MBA, Unternehmensberaterin, Lehrsupervisorin (ÖVS) und Autorin. Sie entwickelt und begleitet Corporate-Leadership-Programme und organisatorische Veränderungsprozesse nach den Prinzipien des Reflexiven Managements und der Integrativen und Systemischen Beratung. Sie ist Lehrbeauftragte für Systemtheorie, Organisationsentwicklung und Leadership. Sie hat über 25 Jahre Beratungserfahrung in Expert:innen-, Verwaltungs- und Profitorganisationen.

Leseprobe
2 Werte, Talente und Belohnung
2.1 Die vier kunstreichen Brüder: Teamführung und Teamentwicklung

Teamarbeit ist für viele komplexe Aufgaben nötig und in einer volatilen Welt nicht mehr wegzudenken. Ein Team zu formen, zu hoher Leistung zu führen und diese Leistung auch über längere Zeiträume zu erhalten, zählt zu den Kernaufgaben von Führungskräften. Die Frage ist, wie das gelingen kann. Wie wirkt sich mein Verhalten als Führungskraft auf die Teamleistung aus? Und: Wie kann ich als Führungskraft die Topleistung meines Teams erhalten und honorieren?

Im Märchen »Die vier kunstreichen Brüder« werden vier Brüder von ihrem Vater in die Welt geschickt, um zu lernen. Jeder Bruder erlernt bei einem Meister ein Handwerk und wird selbst Meister seines Faches. Nach vier Jahren kehren die Brüder wie verabredet zu ihrem Vater zurück und dieser erteilt ihnen einen Auftrag, den sie nur gemeinsam bewältigen können. Und: Sie bestehen die Prüfung. Die vier Brüder versinnbildlichen hierin ein reifes Team. Ihre individuelle und fachliche Entwicklung ist die Basis für eine gute gemeinsame Leistung, ihr Wille zur Kooperation ist unabdingbar. Aber was, wenn die Anerkennung für eine Teamleistung nur für eine Person von den Vieren möglich scheint? Welche Lösung findet hier ein reifes Team?

Die vier kunstreichen Brüder

Es war ein armer Mann, der hatte vier Söhne, wie die herangewachsen waren, sprach er zu ihnen 'liebe Kinder, ihr müßt jetzt hinaus in die Welt, ich habe nichts, das ich euch geben könnte; macht euch auf und geht in die Fremde, lernt ein Handwerk und seht, wie ihr euch durchschlagt.' Da ergriffen die vier Brüder den Wanderstab, nahmen Abschied von ihrem Vater und zogen zusammen zum Tor hinaus. Als sie eine Zeitlang gewandert waren, kamen sie an einen Kreuzweg, der nach vier verschiedenen Gegenden führte. Da sprach der äIteste 'hier müssen wir uns trennen, aber heut über vier Jahre wollen wir an dieser Stelle wieder zusammentreffen und in der Zeit unser Glück versuchen.'

Nun ging jeder seinen Weg, und dem äItesten begegnete ein Mann, der fragte ihn, wo er hinaus wollte und was er vorhätte. 'Ich will ein Handwerk lernen,' antwortete er. Da sprach der Mann 'geh mit mir und werde ein Dieb.' 'Nein,' antwortete er, 'das gilt für kein ehrliches Handwerk mehr, und das Ende vom Lied ist, daß einer als Schwengel in der Feldglocke gebraucht wird.' 'O,' sprach der Mann, 'vor dem

Galgen brauchst du dich nicht zu fürchten: ich will dich bloß lehren, wie du holst, was sonst kein Mensch kriegen kann, und wo dir niemand auf die Spur kommt.' Da ließ er sich überreden, ward bei dem Manne ein gelernter Dieb und ward so geschickt, daß vor ihm nichts sicher war, was er einmal haben wollte. Der zweite Bruder begegnete einem Mann, der dieselbe Frage an ihn tat, was er in der Welt lernen wollte. 'Ich weiß es noch nicht,' antwortete er. 'So geh mit mir und werde ein Sterngucker: nichts besser als das, es bleibt einem nichts verborgen.' Er ließ sich das gefallen und ward ein so geschickter Sterngucker, daß sein Meister, als er ausgelernt hatte und weiterziehen wollte, ihm ein Fernrohr gab und zu ihm sprach 'damit kannst du sehen, was auf Erden und am Himmel vorgeht, und kann dir nichts verborgen bleiben.' Den dritten Bruder nahm ein Jäger in die Lehre und gab ihm in allem, was zur Jägerei gehört, so guten Unterricht, daß er ein ausgelernter Jäger ward. Der Meister schenkte ihm beim Abschied eine Büchse und sprach 'die fehlt nicht, was du damit aufs Korn nimmst, das triffst du sicher.' Der jüngste Bruder begegnete gleichfalls einem Manne, der ihn anredete und nach seinem Vorhaben fragte. 'Hast du nicht Lust, ein Schneider zu werden?, 'Daß ich nicht wüßte,' sprach der Junge, 'das Krummsitzen von morgens bis abends, das Hin- und Herfegen mit der Nadel un



Inhalt
1 Rollenklarheit, Macht und Abgrenzung2 Werte, Talente und Belohnung3 Loslassen, Wandel und Coaching4 Abschluss: Wie Königinnen und Könige führen
Titel
Führung und Macht
Untertitel
Aspekte moderner Führungsrollen - gesehen in Figuren der Grimm'schen Märchen
EAN
9783791047188
Format
E-Book (epub)
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
0.88 MB
Anzahl Seiten
206
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet
Auflage
1. Auflage 2020
Lesemotiv