Oskar Negt, geboren 1934, gilt als einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler Deutschlands. Er studierte bei Max Horkheimer, promovierte bei Theodor W. Adorno in Philosophie. Er legte zusätzlich sein Diplom in Soziologie ab. 1962 bis 1970 arbeitete er als Assistent von Jürgen Habermas. Von 1970 bis 2002 war Negt Professor für Soziologie in Hannover. Seine Schriften erschienen 2016 zusammengefasst in einer zwanzigbändigen Werkausgabe im Steidl Verlag. 2011 wurde Oskar Negt für sein politisches Engagement mit dem August-Bebel-Preis geehrt.
Autorentext
Oskar Negt, geboren 1934, gilt als einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler Deutschlands. Er studierte bei Max Horkheimer, promovierte bei Theodor W. Adorno in Philosophie. Er legte zusätzlich sein Diplom in Soziologie ab. 1962 bis 1970 arbeitete er als Assistent von Jürgen Habermas. Von 1970 bis 2002 war Negt Professor für Soziologie in Hannover. Seine Schriften erschienen 2016 zusammengefasst in einer zwanzigbändigen Werkausgabe im Steidl Verlag. 2011 wurde Oskar Negt für sein politisches Engagement mit dem August-Bebel-Preis geehrt.
Leseprobe
Heideggers Heraklit
Vorlesung vom 8. Mai 2001
Noch einmal möchte ich darauf abheben, dass wir uns in einer Art hermeneutischem Zirkel bewegen, wir also in dem Maße, wie wir die Vergangenheit oder Texte der Vergangenheit deuten und entschlüsseln, stets eigene Texte mit einbeziehen, sodass wir immer auch von erkenntnisleitenden Interessen ausgehen müssen, von dem, was wir wissen und deuten wollen. Eine objektive Deutung von Texten der Vergangenheit, zumal wenn sie Fragmente sind, ist demnach nicht zu erwarten und kann auch nicht geleistet werden. Sehr wohl kann man sich aber bewusst sein darüber, was in solchem Denken die Entwicklungsrichtung ist, die man selbst für richtig oder falsch hält.
Das Wort spricht uns also gleichsam aus der Wesensmitte an, und nicht wir benutzen das Wort, um die Wesensmitte von Dingen zu bestimmen. Das meint er mit diesem Hören, Zuhören: Das Wort soll sprechen, als ob es wirklich sprechen könnte, und darauf müssen wir uns vorbereiten. Das heißt, wir müssen zunächst eine Art Selbstreinigung in unserem Denken vollziehen, um die Worte aus ihrer Wesensmitte zu hören, und sie ansprechen. »Die Erläuterung der Bruchstücke muß, wenn sie eine denkende sein und so allein eine gemäße werden soll, nur darauf denken, dieses Zu-denkende zu erfahren.«38 Also Erfahrung, nicht Denken ist die Begegnung mit dem Wort. Man liest keinen einzigen Satz bei Heidegger, in dem nicht diese Kontroverse tobt zwischen Aufklärung und irgendetwas, was zurück, von der Aufklärung weg strebt.
Ob dieses glückt und inwieweit, das läßt sich weder vorher beweisen, noch nachher aus einem 'Erfolg' errechnen. Das läßt sich weder 'objektiv' feststellen, noch bleibt der Versuch nur ein 'subjektives' Unterfangen. Das Zu-denkende ist nichts 'Objektives'; dies Denken ist nichts 'Subjektives'. Die Unterscheidung von Subjekt und Objekt hat hier keine Stätte. Sie ist der Welt des Griechentums und zumal des anfänglichen Denkens fremd.39
Das ist eine sehr provokante Heidegger'sche These. Diese Trennung von Subjekt und Objekt, die laut Heidegger den griechischen Denkern fremd war, geht davon aus, dass gleichsam der Mensch als sprachliches Lebewesen, indem er denkt, immer schon von einem angedacht wird, das außerhalb von ihm liegt. Mit anderen Worten, das Denken selbst wird zu einer Tätigkeit im Objekt. Für einen Aufklärer ist das wirklich schrecklich. Denkt der Tisch? Da sagt Heidegger, das ist auch nicht das Sein oder das Seiende. Was denkt da? Wie ist die Sprache konstruiert, wenn sie etwas vom Menschen Unabhängiges ist? Wer spricht da? Dieses »Raunen des Seins«, wie er es einmal ausdrückt, das Sein in der Sprache, kommt hier zum Ausdruck, indem er sagt, die Vorsokratiker kennen die Trennung von Subjekt und Objekt gar nicht, dabei ist diese Trennung der entscheidende Schritt aus dem Mythos heraus. Heidegger behauptet also, die Vorsokratiker, jedenfalls Parmenides, Heraklit, Anaximander, spinnen am Mythos weiter. In der Tat nimmt Philosophie für Heidegger die Form des Erzählens an, des Sprechens der Mythen. Es geht ihm auch nicht um die Rekonstruktion der Philosophie Heraklits, sondern darum, zu erfahren, was durch die einzelnen Worte spricht. »Darum verlieren auch die eben nur gestreiften Fragen über die Möglichkeit und Unmöglichkeit der sachgemäßen Rekonstruktion der Schrift des Heraklit ihr Gewicht.«40 Bei Heidegger sprechen die Worte für sich und nicht die logischen Zusammenhänge, deshalb ist er nicht darum bemüht, die Texte von Heraklit zu rekonstruieren und zu interpretieren. Nur in zwei Fällen, wo es um Geschichten über Heraklit geht, benutzt er Sekundärtexte über ihn, sonst ausschließlich dessen Urtexte, als wären das keine menschengemachten Schriften. Als spräche hier in der Tat etwas zu uns, was außerhalb unserer Welt existiert, als spräche uns der Logos selbst an:
Zuletzt erkennen wir, daß es wohl gar ein Segen ist, wen