Chris McCool ist siebenundsechzig Jahre alt und so richtig zufrieden. Seine Freunde sagen, er sehe aus wie Roger Moore, und seine halb so alte, attraktive Freundin liest ihm jeden Wunsch von den Lippen ab. Sicher, als verstoßener, unehelicher Bastard einer Protestantin aus besserem Hause und einem katholischen Bauernlümmel war er für die Protestanten Katholik und für die Katholiken Protestant. Das ist durchaus ein Problem in Irland. Aber wenn er in seinem Ford Cortina durch die Straßen kreuzte, waren ihm alle Blicke sicher, die begehrlichen wie die neidischen. Doch dann waren da dieser Zwischenfall mit Ethel Baid, die geschändete katholische Kirche, die Missverständnisse mit Marcus Otoyo und die unangenehmen Geschichten aus der Irrenanstalt. In Die heilige Stadt präsentiert uns Patrick McCabe einen Erzähler, dessen Geschichte mit jeder Seite fadenscheiniger und löchriger wird. Es sind wohl kultivierte Löcher in der Erinnerung eines Mannes, der gegen die Wut, die Trauer und den Wahn anredet.

Patrick McCabe wurde 1955 in Irland geboren, war mehrfach für den Booker Prize nominiert und zwei seiner Romane wurden erfolgreich von Neil Jordan verfilmt: 'Breakfast on Pluto' (2000) und 'Der Schlächterbursche' (1995). Für 'Winterwald' erhielt er 2007 die Auszeichnung Irish Novel of the Year. Hans-Christian Oeser, geboren 1950, lebt seit 1980 in Irland und in Berlin. Er arbeitet als Übersetzer, Autor und Herausgeber.

Autorentext

Patrick McCabe wurde 1955 in Irland geboren, war mehrfach für den Booker Prize nominiert und zwei seiner Romane wurden erfolgreich von Neil Jordan verfilmt: "Breakfast on Pluto" (2000) und "Der Schlächterbursche" (1995). Für "Winterwald" erhielt er 2007 die Auszeichnung Irish Novel of the Year. Hans-Christian Oeser, geboren 1950, lebt seit 1980 in Irland und in Berlin. Er arbeitet als Übersetzer, Autor und Herausgeber.



Leseprobe

2

Bleib bei mir

Belebt durch die bescheidene Ruhe des Happy Club, habe ich es mir in jüngster Zeit zur Aufgabe gemacht, die Neuausstattung unserer hübschen Wohnung in der vierten Etage gewissenhaft voranzutreiben. Zu meinen jüngsten Anschaffungen zählen ein wunderbar reich verzierter marokkanischer Teppich, den ich im Internet bestellt, und ein Peter-Blake-Poster der Sängerin Alma Cogan, das ich ob Sie s glauben oder nicht tatsächlich hier in Cullymore East aufgespürt habe, in einem kleinen Antiquitätenladen an der Plaza. Außerdem ein reizender Mahagonicouchtisch samt poliertem eingelassenem Schachbrett, das mir lange Stunden der Unterhaltung beschert, wenn ich nicht gerade Andy Williams höre oder die Carpenters, besonders einen ihrer Songs, der den perfekten Soundtrack für unser neues Leben bereitzustellen scheint.

We ve only just begun, singt Karen mit ihrer warmen, hypnotisierenden Stimme, einer Stimme wie geschmolzenes Karamell, während ich den Kopf an den tröstenden Busen meiner geliebten Vesna schmiege, genüsslich an meiner Peter Stuyvesant ziehe und verträumt zu den Sternen aufblicke.

Can t take my eyes off you, flötet Andy, während Vesna lächelt und ich ihr mit den Fingern durchs Haar fahre, ihre zierlichen Schultern und ihren blassen, sommersprossigen Arm küsse und ihr ins Ohr flüstere:

In der Heiligen Stadt der Liebe umschlingen wir zwei einander für immer.

In der Regel gehen wir jetzt früh zu Bett, und ich kann mir nichts Gemütlicheres vorstellen, als in dieser behaglichen Stille, die wir eindeutig zu unserer gemacht haben, einfach so neben ihr zu liegen. Vesna sieht wie immer bezaubernd aus, und im Licht schimmert der Helm ihres Haares wie Platin. Mit ihrem Dreamland-Nachthemd und dem Max-Factor-Make-up gibt sie das perfekte Model ab. Genauso umwerfend wie, sagen wir, Grace Kelly oder wie die unnahbare, aber elegante Kim Novak in Hitchcocks Vertigo. Das war immer schon einer meiner Lieblingsfilme. Wir gehen kaum noch aus. Eheglück unser ureigenster Club.

To Sir With Love, singt Lulu ebenfalls einer unserer Lieblingssongs »für ruhige Stunden«.

Dann lösche ich in unserem Happy-Club-Zuhause die Lichter, knabbere zärtlich an ihrem Ohrläppchen, beuge mich zu ihr und flüstere:

Nacht, Vesna.

Nacht, Nacht, Christopher. Chris, mein liebster, charmanter Kavalier.

Obwohl sie das Wort »Kavalier« natürlich nicht benutzt. Denn Vesna, das arme Ding, spricht ja kaum Englisch. Liebevoll lasse ich meine Hände durch ihr blondes Haar gleiten:

Je t aime, seufze ich mit meinem Serge-Gainsbourg-Akzent, während wir aufs Neue ein Fleisch werden ein heilsames, trotziges Fest der Liebe, jener eigensinnig dauerhaften, nahezu unbezwinglichen Stadt. Dem heiligsten Ort auf Gott Jesu grüner Erde. Und ich muss es wissen, schließlich habe ich dort Nacht für Nacht meinen Wohnsitz.

Die Heilige Stadt, wispere ich abermals.

Und drücke meine Lippen begierig auf die ihren.

Wenn ich mich dann doch dazu entschließe, in den Pub zu gehen, der sich gleich hinter der Plaza befindet, bemühe ich mich immer, so gut wie möglich auszusehen, als stehe alles zum Besten und es liege nichts Außergewöhnliches vor denn ich möchte nicht, dass man einen falschen Eindruck bekommt. Und falls sich tatsächlich jemand nach Vesna

Titel
Chris McCool
Untertitel
Roman
EAN
9783827075383
ISBN
978-3-8270-7538-3
Format
E-Book (epub)
Herausgeber
Veröffentlichung
08.10.2012
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
0.58 MB
Anzahl Seiten
240
Jahr
2012
Untertitel
Deutsch
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet